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Nürnberg-Trainer René Weiler : „Ich bin frustriert, ich bin schockiert“

  • -Aktualisiert am

„Das ist rufschädigend“: Nürnbergs Trainer René Weiler. Bild: Picture-Alliance

Die Aufregung um die Aussagen des Nürnberger Trainers im Fall des schwer erkrankten Marco Russ ist groß. Nun äußert sich René Weiler wieder – und übt scharfe Kritik.

          An der Hochschule Winterthur schloss René Weiler ein Bachelor-Studium in Kommunikation, Journalismus und Medien ab. Danach setzte der Schweizer Trainer in Diensten des 1. FC Nürnberg mit dem Master in Kommunikation, Management und Leadership einen obendrauf. Seine Studienfächer haben den 42-Jährigen geprägt. Die Aussagen des Sohns eines Zürcher Wirtschaftsfahnders sind fundiert. Bei seiner Arbeit konzentriert sich der Fußballlehrer auf das Wesentliche. In der Öffentlichkeit tritt der Familienvater sehr kontrolliert auf. Zu Themen, die Weiler nicht beurteilen kann, äußert er sich nicht. Lieber ein Wort zu wenig als eins zu viel, ist sein Motto.

          Um so erstaunlicher ist es, dass ihm nach dem ersten Relegationsspiel gegen die Frankfurter Eintracht (1:1) ein schwerer Fauxpas unterlief. Ohne Details zu kennen, zeigte sich Weiler im Fernsehen genervt davon, dass die Eintracht die Tumorerkrankung bei ihrem Innenverteidiger Marco Russ kurz vor der Begegnung publik gemacht hatte. Der Zeitpunkt missfiel ihm. Unbedacht und unsensibel sprach der „Club“-Coach von einer „Inszenierung“.

          Auf der Pressekonferenz relativierte er dann seine Aussagen, räumte ein, dass ihm die „Abläufe nicht klar“ gewesen seien. Die Aufregung war groß, zumal sich auch der Nürnberger Torhüter Raphael Schäfer („Ich glaube, wenn einer wirklich schwer krank ist, dann kann er heute kein Fußball spielen“) sehr unpassende Bemerkungen vor laufender Kamera geleistet hatte. Weiler und Schäfer entschuldigten sich bei der Frankfurter Eintracht und Marco Russ für ihr Verhalten.

          Am Sonntag übte Weiler Medienkritik. „Ich bin frustriert, ich bin schockiert“, sagte er und verschaffte sich mit Blick auf einige Berichte rund um den Fall Russ Luft. „Meine Aussage war: Der Zeitpunkt der Kommunikation kommt einer Inszenierung gleich und man sollte nicht die Bühne Fußball dafür nutzen. Ich wünsche dem Spieler nur das Beste. Das war die Aussage.“ Seine Statements seien anfänglich noch seriös behandelt worden, später seien sie von Teilen der Medien skandalisiert worden. „Ich bin ehrlich gesagt schockiert, wie man mit Aussagen umgeht“, sagte Weiler. Das sei „Verunglimpfung, das ist rufschädigend“. (Weilers Aussagen im Wortlaut lesen Sie am Ende des Artikels im Kasten)

          Weiler kann am Spielfeldrand sehr emotional sein. Doch vom Naturell her ist er ein ruhiger und besonnener Trainer. Im Anschluss an das Spiel in Frankfurt war ihm wohl der Ärger über sich selbst anzumerken. Seine Unruhe und Aufgewühltheit konnte er nicht verbergen. Er wusste, dass sein unglücklicher Fernsehauftritt ein großes Medienecho finden, ihn ins falsche Licht rücken würde.

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          Viele Zuschauer werden den ehemaligen Profi von Servette Genf und des FC Zürich kaum gekannt haben. Als Zweitligaklub bewegen sich die Nürnberger seit ihrem Abstieg 2014 nicht mehr auf der großen Fußballbühne. Weiler wechselte im November 2014 als Nachfolger des glücklosen Valerien Ismael zum FCN. Der Franzose hatte nach dem Abstieg zunächst den Vorzug erhalten. In Fachkreisen erwarb sich Weiler den Ruf, ein moderner Trainer und kluger Taktiker zu sein. Einer, der es versteht, die Spieler auf die richtigen Positionen zu stellen. Die Nürnberger Mannschaft verfügt über eine große mentale Stärke und eine gute Fitness. Sein Erfolg – die 65 Punkte mit dem „Club“ reichten diesmal nur für Rang drei – macht Weiler für andere Klubs interessant. Er soll zu den Trainerkandidaten bei RB Leipzig gehört haben.

          Der Nürnberger Aufschwung setzte erst ein, als der lange mächtige Sportvorstand Martin Bader den Verein verließ. Er und Weiler konnten nicht miteinander. Das verbarg der Trainer, so gut es ging. Zu Sachthemen bezog er im Rahmen des Möglichen klar Position. Den guten Ton wahrte Weiler immer. Trotzdem war die Unruhe groß. Mit dem heutigen Vorstand Andreas Bornemann klappt die Zusammenarbeit reibungslos. Er würde den bis Juni 2017 datierten Vertrag mit Weiler gerne verlängern. Für den fachkundigen Trainer hat die schnelle Medienwelt auch Nachteile. Manchmal würde er sich wünschen, es gäbe die Online-Medien nicht. Als viel angenehmer empfindet es Weiler, mit einer Tasse Kaffee zur Ruhe zu kommen und dabei Zeitung zu lesen.

          FCN-Coach Weiler und seine Medienkritik im Fall Russ

          Trainer René Weiler kritisiert am Sonntag bei der Pressekonferenz vor dem Relegationsrückspiel gegen Eintracht Frankfurt Teile der Berichterstattung im Fall Marco Russ.

          „Ich bin frustriert, ich bin schockiert; nicht die Leute müssen ob meiner Aussage schockiert sein, ich bin schockiert. Ich finde die Entwicklung besorgniserregend... Wie da Aussagen zerpflückt werden. Also meine Aussage war: ’Der Zeitpunkt der Kommunikation kommt einer Inszenierung gleich und man sollte nicht die Bühne Fußball dafür nützen. Ich wünsche dem Spieler nur das Beste. Das war die Aussage.’ Anfänglich wurde mit der Aussage ganz normal umgegangen. ’Kritische Worte von Weiler’, ’Weiler äußert sich zum Fall Russ’. Später, weil man ja immer wieder doppeln muss, weil ja die Schlagzeilen immer noch skandalöser daherkommen müssen, war die Aussage, Weiler sagte: ’Die Krankheit von Russ wäre eine Inszenierung’; entspricht nullkommanull meiner Aussage. Dann höre ich und lese ich Dinge über mich, was ich charakterlich, vom Geist her alles nicht auf die Reihe bekommen könnte. Das ist unglaublich, das ist ungeheuerlich. Das ist Verunglimpfung, das ist Rufschädigung... Würde in einem anderen Beruf, Arzt, Pilot, Bergsteiger, Bergführer, vielleicht sogar Trainer, so ein Fehler begangen, würde man mit dem Job, den man verliert, bestraft oder vielleicht gehen sogar Menschenleben drauf. Es ist bei uns nur Fußball... Der Russ hat eine heilbare Krankheit und ich habe gesagt, ich wünsche dem Spieler nur das Beste, das wünschen wir ihm alles oder alle. Ich habe in der eigenen Familie einen Krankheitsfall, der ist bettlägerig, der kann nicht mal mehr aufstehen. Man muss aufhören alles zu skandalisieren... Es ist ein Appell: einfach fairen Journalismus betreiben. Viele machen das, einige verstehen das falsch und haben mich, meine Person in einem Bild dargestellt, das keineswegs meinem Charakter und meinem Wesen entspricht. Und ich habe auch Kinder, sogar im pubertierenden Alter. Es ist ungeheuerlich.“

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