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Krisenpolitik von DFB und DFL : Bauch statt Kopf im deutschen Fußball

Sportdirektor nach Bauchgefühl: Hans-Joachim Watzke, Rudi Völler und Bernd Neuendorf (von links) Bild: Reuters

Die WM-Erfahrungen müssten in Deutschland eine Wende beim Kampf um die Gestaltung des Fußballs auslösen. Aber die einflussreichsten Gremien überspielen das Kernproblem. Sie vertrauen ihrem Gefühl.

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          Es gibt ein Gefühl, das Menschen, die die Entfesselungen des modernen Fußballs für problematisch halten, schon lange spürten. Sie stellen regelmäßig dar, warum das kapitalistische Prinzip der Profitmaximierung dem Fußball früher oder später seine Faszination nehmen könnte. Weil das Spiel wegen seiner speziellen Kultur, die in einer nach der anderen Stadt errichtet worden ist, so interessant geworden sei.

          Bundesliga

          Weil dieses Interesse die Investoren angelockt habe. Weil diese Investoren viel Geld verdienen wollen. Weil dieses viele Geld die spezielle Kultur zerstöre. Und weil das Spiel ohne diese Kultur dann nicht mehr so interessant sei. So schlüssig und sympathisch man diese Diagnose finden kann, so hartnäckig musste man auf das Fehlen des finalen Stückes der Kausalkette hinweisen. Die Regression des allgemeinen Interesses war lange nicht messbar – und damit nicht mehr als eine gefühlte Wahrheit.

          Jetzt, im Januar 2023, ist zumindest der deutsche Fußball in einer anderen Welt aufgewacht. Die Weltmeisterschaft in Qatar schauten sich so deutlich messbar weniger Menschen an, dass diejenigen in Deutschland, die in diesem Sport das Sagen haben, der dargestellten Diagnose der Systemkritiker eigentlich mit einer intellektuell ansprechenden Antwort widersprechen müssten. Weil das Gefühl nicht mehr nur ein Gefühl ist.

          WM müsste eine Wende auslösen

          Es findet sich aber kein Hinweis darauf, dass die wichtigsten Fußballinstitutionen des Landes, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL), diese Grundsatzdiskussion öffentlich führen werden oder wollen. Und es scheint sich momentan keine Gruppe zu formieren, die diese Diskussionen einforderte. Stattdessen steht jetzt wieder die gute alte Bundesliga im Mittelpunkt.

          Dort werden die meisten Führungsfiguren, die selbst in der elften Saison der Münchner Dauerherrschaft Modelle wie Play-off-Runden öffentlich nicht mal ernsthaft diskutieren wollen, wohl wieder hoffen, dass wenigstens eine Mannschaft dem FC Bayern die Meisterschaft streitig macht. Dieselben Manager werden dann in wenigen Monaten nicht wahrhaben wollen, dass die nächste Meisterschaft der Bayern sie wieder angesichts ihrer Diagnose der Bundesliga blamiert.

          In Deutschland müsste die Erfahrung rund um die WM von Qatar im dringend notwendigen Diskurs über die Problemstellung, wie der moderne Fußball für ein Massenpublikum interessant bleiben kann, eine Wende auslösen. Doch momentan muss die Manövrierfähigkeit der Institutionen infrage gestellt werden. Es stimmt, dass nicht nur den Fußballinstitutionen in Deutschland ein Fortschritt schwerfällt.

          Es stimmt aber auch, dass die Krisenpolitik des DFB rückschrittlich war. „Wir sind mehr so Bauchmenschen“, sagte DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke, als er in der vergangenen Woche vortrug, wie Rudi Völler DFB-Direktor wurde. Das macht diesen Gegenschnitt möglich: Jetzt, im Januar 2023, da das Gefühl der Systemkritiker kein Gefühl mehr ist, argumentieren die, die im System das Sagen haben – mit Gefühlen.

          Keine Frage: Sport soll Gefühle auslösen. Vielleicht kann Völler dem Fußballland kurzfristig ein gutes geben. Doch das ändert nichts daran, dass die wichtigsten Vertreter der Verbände durch ihre fehlende öffentliche Debattenbereitschaft das Gefühl vermitteln, das drängendste Problem zu überspielen.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

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