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Krawalle in Dortmund : Attentat auf den Fußball

  • -Aktualisiert am

Wieder eine Unterbrechung: Dreimal unterbrach Schiedsrichter Gagelmann die Partie, die ohnehin erst später angepfiffen wurde Bild: dpa

Das Ergebnis des Pokalspiels in Dortmund war am Ende Nebensache - ein Teil der Fans von Dynamo Dresden suchte nichts anderes als Krawall. Die Eskalation der Gewalt erreicht eine neue Stufe.

          Für ihre Leistung auf dem Fußballplatz brauchten sich die Spieler von Dynamo Dresden nicht zu schämen, wohl aber für das Verhalten einer Gruppe von Fans. Dem deutschen Meister im DFB-Pokal 0:2 zu unterliegen ist keine Schande, schon gar nicht auswärts. Wie sogenannte Ultras und in deren Schatten auch andere gewaltbereite Dresdner Stadionbesucher in Dortmund ihrem Hang zur Gewalt freien Lauf ließen, hat manchen Dynamo-Profi mit Abscheu erfüllt - und den Spielbericht zum Polizeibericht gemacht. Kapitän Christian Fiel trat während der Partie mehrmals vor die Tribüne, auf der sogenannte Fans des sächsischen Zweitligaklubs ihr Unwesen trieben. Doch er konnte nicht zur Deeskalation beitragen. "Das hätte ich mir sparen können", sagte Fiel, "die waren nicht zu beruhigen."

          Offenkundig waren es nicht die klassischen Ursachen, die Anhänger zuweilen in Rage bringen - brutale Fouls etwa, dubiose Entscheidungen des Schiedsrichters oder Gegentore. In Dortmund brach sich die Lust an der Gewalt Bahn, ohne dass der geringste Anlass dafür zu erkennen war. Rauch und explodierende Feuerwerkskörper lieferten optische und phonetische Eindrücke, die mehr an einen Bürgerkrieg erinnerten als an ein Fußballspiel, mag es auch vorher schon als "Risikospiel" eingestuft worden sein. In der 79. Minute stand die auf dem Rasen faire Partie vor dem Abbruch, doch Schiedsrichter Peter Gagelmann ließ letztlich weiterspielen und verhinderte damit vielleicht noch größere Exzesse. "Was einige Chaoten hier wieder abgeliefert haben, kann nicht angehen", sagte der Dresdner Profi Robert Koch. "Ich schäme mich dafür."

          „Es war Schwerstarbeit“

          Nicht nur während der neunzig Minuten, sondern auch davor und danach kam es zu Krawallen - was belegt, dass diese Art der Eskalation nichts mit dem Spiel selbst zu tun hatte. Etwa eine Stunde vor dem geplanten Anpfiff begann sich die Lage zuzuspitzen. Als die Polizei etwa 4500 der rund 12.000 angereisten Dynamo-Fans von einem Parkplatz zum Stadion geleiten wollte, kam es zu Ausschreitungen. Flaschen und Feuerwerkskörper wurden als Waffen gegen die Beamten eingesetzt. "Wir sind massiv angegriffen worden. Es war wirklich Schwerstarbeit", sagte Einsatzleiter Peter Andres.

          Zufahrtstraßen und Zugänge zum Stadion wurden vorübergehend gesperrt, auch um die Spieler zu schützen. Die Polizei ließ nicht einmal mehr die Mannschaftsbusse durch, um zu verhindern, dass Dresdner Fans den Dortmunder Bus angreifen. Schiedsrichter Gagelmann beschloss daraufhin, den Anstoß um fünfzehn Minuten zu verschieben. Andres ist ein erfahrener Einsatzleiter bei solchen "Risikospielen" - und hat schon manches Derby zwischen den Erzrivalen Dortmund und Schalke bestritten. "Aber so massive Angriffe gegen die Polizei habe ich in meiner Laufbahn als Einsatzleiter bei Fußballspielen noch nicht erlebt", sagte der Polizeidirektor.

          Spielabbruch als nächster Schritt

          Was vermummte Randalierer in Dortmund angerichtet haben, war aber nicht nur ein Angriff auf die Polizei oder auf Anhänger des BVB, sondern ein Attentat auf den Fußball, der Folgen haben könnte, wenn sich solche Gewaltausbrüche fortsetzen. "Der nächste Schritt wird sein, Spiele abzubrechen und alle nach Hause zu schicken", sagte BVB-Trainer Jürgen Klopp. "Es sind Herbstferien, Kinder und Familien sind im Stadion. So macht es keinen Spaß."

          Die Randale sei "nicht das Problem von Dynamo Dresden, sondern von ein paar Schwachköpfen". Ganz so einfach wird es für die Sachsen wohl nicht werden. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ermittelt gegen den Zweitliga-Aufsteiger. "Das Spiel stand unter Sicherheitsaufsicht. Wir erwarten jetzt den Bericht zu den detaillierten Vorkommnissen. Dazu werden Videoaufzeichnungen ausgewertet, um mögliche Straftäter zu identifizieren", sagte der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert am Mittwoch.

          Mehr als vereinzelte schwarze Schafe

          Die Verantwortlichen von Dynamo Dresden werden sich auch fragen lassen müssen, ob sie beim Verkauf der Karten mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen sind. Mit Blick auf die schon länger bekannte (Un-)Kultur seiner Fans kann der Verein sich nicht auf vereinzelte schwarze Schafe berufen. Das scheint den Vereinsoberen allmählich zu dämmern. Die Fans ihres eigenen Klubs haben in Dortmund eindrucksvoll vor Augen geführt, wie schwer es ist, die Initiative "Pyrotechnik legalisieren, Emotionen respektieren" zu unterstützen, die für legale Knalleffekte im Stadion eintritt, also für den Einsatz von Pyrotechnik als Ausdruck von Emotion. "Der Verein hat die Kampagne bisher unterstützt und wird das nun überdenken", sagte der Dresdner Geschäftsführer Volker Oppitz.

          Dynamo-Trainer Ralf Loose, ein gebürtiger Dortmunder, versuchte am Ende einen ganz normalen Kommentar abzugeben. "Wir sind hier friedlich und brav ausgeschieden", sagte er, als wollte er nur das Spiel analysieren. Doch darum ging es an diesem Abend am wenigsten.

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