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Michael Gabriel im Gespräch : „Die Fans kämpfen um ihren Platz im Spiel“

Ultras protestieren mit einem Fadenkreuz auf dem Logo des Deutschen Fußball-Bundes. Bild: dpa

Michael Gabriel ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte. Im Interview spricht er über den Wandel im Fußball, Fadenkreuze, eine Alternative zur Kollektivstrafe und Glaubwürdigkeitsverluste bei DFB und DFL.

          2 Min.

          Wem gehört der Fußball?

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da der Fußball nicht nur ein Sport ist, sondern eigentlich ein Kulturgut, gehört er im Prinzip allen.

          Nun sagen Teile der Ultras: Der Fußball gehört uns. Sie belassen es aber nicht bei Gesängen oder Choreographien, sondern wollen Einfluss nehmen auf Funktionäre der Vereine und Verbände. Ist das nicht ein Problem?

          Diese Haltung von Ultras kenne ich nicht. Wir, die Fanprojekte, sind ja eine Vermittlungsstelle zwischen den Interessen von jugendlichen Fußballfans und den Interessen der Vereine, Verbände, der Polizei und so weiter. Durch unsere langjährige Erfahrung wissen wir, dass es den Fans vor allem darum geht, gehört zu werden, sie wollen, dass ihre Stimme zählt. Sie haben den Eindruck, dass es viele andere Akteure gibt, denen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als denen, die im Stadion das Live-Ereignis Fußball zu einer atmosphärisch dichten Veranstaltung machen.

          Bundesliga

          Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

          Da gibt es mehrere Entwicklungen, die nicht parallel verlaufen sind, sondern sich gegenseitig beeinflusst haben. Vor dreißig Jahren lag der Zuschauerschnitt bei knapp über 20.000 pro Partie, dieser hat sich seitdem verdoppelt. Der Fußball hat einen wahnsinnigen Boom erlebt, dadurch wurde er medial, auch durch das Privatfernsehen, viel mehr beachtet und das wiederum führte zu einem deutlich höheren Kapitalzufluss. Es ist mittlerweile schwer zu unterscheiden, ob der Fußball mehr Sport ist oder Unterhaltungsindustrie. Ein Ergebnis dieser kommerziellen Entwicklung sind die Montagsspiele, die es für Fans fast schon unmöglich machen ins Stadion zu gehen, ohne Urlaub nehmen zu müssen. Darin liegt eine strukturelle Entwertung der Live-Zuschauer. Gleichzeitig wird die Atmosphäre in den Stadien für die Vermarktung genutzt. Die Fans kämpfen um ihren Platz in diesem Spiel.

          Am vorvergangenen Wochenende haben sie zum Teil Transparente gezeigt, die den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp im Fadenkreuz zeigen und ihn als „Hurensohn“ beschimpft. Wie bewerten Sie das?

          Dass Dietmar Hopp ein Objekt von Protest ist, hängt mit dem Geschäftsmodell der TSG Hoffenheim zusammen, das die 50+1-Regel, die eigentlich die Grundlage des deutschen Fußballs bildet, aus der Perspektive der Fans außer Kraft setzt. Die 50+1-Regel soll garantieren, dass Mitglieder eines Fußballvereins mitbestimmen dürfen. Aktuell ausgelöst wurden die Proteste aber durch die Wiedereinführung von kollektiver Bestrafung, nachdem Fans von Borussia Dortmund trotz Bewährungsauflagen ihren beleidigenden Protest gegen Hopp ins Stadion gebracht hatten.

          Ist das denn die richtige Form des Protests?

          Mein Eindruck ist, dass die drastische Wortwahl und die Visualisierung durch das Fadenkreuz es auch wohlmeinenden Beobachtern schwer gemacht haben, die Inhalte der Proteste noch wahrzunehmen.

          Gibt es eine Alternative zur Kollektivstrafe im Fußball?

          Definitiv, Kollektivstrafen lösen keine Probleme, sie verschärfen sie. Kollektivstrafen verstören das Gerechtigkeitsempfinden von Menschen in einem hohen Maße.

          Andere Maßnahmen, Geldstrafen gegenüber Vereinen, einzelne Stadionverbote zeigten auch keinen Erfolg.

          Auch das sind ja repressive Maßnahmen. Was langfristig wirkt, sind Maßnahmen, die die Menschen direkt in ihrer Eigenverantwortung ansprechen und auf eine Verhaltensänderung wirken. Deshalb ist es richtig, dass der Dialog zwischen Fans, Verbänden und Vereinen voran getrieben wird. Es müssen Vereinbarungen auf Gegenseitigkeit getroffen werden, und jede Seite muss sich verantwortlich dafür zeigen, dass sie umgesetzt werden.

          Und wenn sie das nicht werden?

          Dann führt das zu Glaubwürdigkeitsverlusten, und das ist ein Phänomen, mit dem sich DFL und DFB ganz stark konfrontiert sehen.

          Michael Gabriel ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte.
          Michael Gabriel ist Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte. : Bild: dpa

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