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Kommerzialisierung im Fußball : Ein Signal aus dem hohen Norden

Fußballromantiker, aber vorsichtig: HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer Bild: dpa

„Die Liga stirbt“: Die Vorstände von Werder Bremen, Hamburger SV und FC St. Pauli diskutieren den nächsten Kommerzialisierungsschub im deutschen Fußball. Die Prognosen sind düster, die Signale eindeutig.

          So einen Satz muss man erst einmal mit dieser Selbstverständlichkeit aussprechen. „Die Liga stirbt ja“ – als wäre das so natürlich und so wahr, wie wenn, um es mit Rio Reiser zu sagen, die Sonne nicht um die Erde und der Mond nicht um ’n Fußball kreist. Es wehte ein kritischer Geist im Hamburger „Haus 73“ am Dienstagabend. Was einerseits am Ort als solchem lag, direkt neben der Roten Flora im immer noch politisch bewegten Schanzenviertel, zum anderen auch am Gastgeber, der „taz“, die zu diesem „Salon“ geladen hatte.

          Die Frage war, wie viel von diesem Geist sich auch auf dem Podium manifestieren würde und nicht nur im Publikum. Dort oben hatte eine in dieser Form vermutlich einzigartige Elefantenrunde des Fußballs im Norden zusammengefunden: mit Dietmar Beiersdorfer, dem Vorstandsvorsitzenden des Hamburger SV, Marco Bode, dem Aufsichtsratschef von Werder Bremen, und Oke Göttlich, dem Präsidenten des FC St. Pauli.

          In unmittelbarer Nachbarschaft zum Diskussionsort: Rote Flora in Hamburgs Schanzenviertel

          Sie sollten ein Thema von einiger Brisanz diskutieren. Es ging um die Strategien der Klubs, um im wirtschaftlich verschärften Wettbewerb zu bestehen – und drehte sich am Ende oft ums große Ganze. Die krass divergierenden Befindlichkeiten des Augenblicks (HSV: 0:8 in München, St. Pauli: Platz 18 in Liga zwei, Bremen: fünf Siege in Serie) verhinderten dabei keinesfalls einen produktiven Austausch. Es waren, entgegen der gängigen Folklore, sogar ziemlich viel Respekt und auch Sympathie zu spüren. Und bei allen Unterschieden ging am Ende auch ein Signal aus dem hohen Norden in Richtung der Frankfurter Zentrale der Deutschen Fußball Liga (DFL).

          Die Liga stirbt – dieser nicht mal provokant gemeinte Satz aus dem Publikum, der sich auf die Expansion fremdfinanzierter Kapitalunternehmen zu Lasten der traditionellen Vereine bezog, war zugleich mit der Aufforderung an die Diskutanten verbunden, Farbe zu bekennen: Ob von den „normalen“ Klubs nicht zu wenig Gegenwehr komme. Und was man daraufhin hörte, war spannend. Weil es eine ganz andere Sicht eröffnete als der auf Ertragsmaximierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit getrimmte Diskurs aus dem Hause DFL, der zuletzt den Ton bestimmte.

          „Wir müssen vorsichtig und wachsam sein“

          Wenig überraschend war es Göttlich, der am deutlichsten wurde. „Wir müssen als Vereine schon schauen: Was hat der Verband mit unserem Wettbewerb vor“, sagte er. Es gehe nicht nur darum, die Klubs „immer nur mit mehr Geld zu versorgen“, sondern auch um die Gewährleistung eines sportlichen Wettbewerbs als solchem. Göttlich sprach sich vehement gegen eine „weitere Aufweichung der 50+1-Regel aus“ und forderte die Liga auf, andere Verteilungsmodelle bei den Fernsehgeldern zu diskutieren. Er entwarf ein (Negativ-)Szenario, in dem bei weiterem Fortschreiten des Investorenmodells am Ende ein „Closed Shop“ stehe, eine geschlossene Gesellschaft ähnlich der amerikanischen Profiligen, die keinen sportlichen Abstieg mehr aushält, weil er die Investments zunichtemachen würde. Auch bei Bode war das Unbehagen über die ökonomischen Fliehkräfte greifbar. „Wir müssen vorsichtig und wachsam sein“, sagte er – und sprach ebenfalls von der Notwendigkeit, „Gespräche zu führen, wie wir den Wettbewerb erhalten“. Der frühere Profi gab sich keinen Illusionen hin. „Gleichheit – das gibt es nicht“, sagte er. „Aber ich wünschte mir schon eine Situation, in der wir alle unter einigermaßen ähnlichen Bedingungen starten.“ Auch er redete einer Stärkung des Solidargedankens das Wort; als implizite Botschaft in Richtung DFL konnte man das allemal verstehen. Zuvor hatte Bode mit Blick auf den Kapitalzufluss bei manchen Konkurrenten offenbart, dass er „manchmal auch etwas ratlos“ sei, „wie wir als Klub mit dieser Entwicklung umgehen sollen“. Eine Lösung hatte er nicht parat, aber die Hoffnung, dass der „Bremer Weg“ – grundsätzliche Offenheit gegenüber neuen Geldquellen bei sorgfältiger Prüfung der Risiken – es auch künftig ermöglichen werde, sportlich ein Wörtchen mitzureden.

          „Es gab schon ein paar Wellen und das wird auch weitergehen“

          Am vorsichtigsten manövrierte sich HSV-Chef Beiersdorfer durch den Abend, was angesichts der üppigen Zuwendungen durch den Milliardär Klaus-Michael Kühne naheliegend war. Er ließ sich zwar entlocken, dass er ein „Fußballromantiker“ sei, und auch durchblicken, dass er das Volumen des Schürrle-Transfers nach Wolfsburg nicht gerade für selbstverständlich halte. Wohin die Richtung aber geht, stand für Beiersdorfer außer Frage. „Es gab schon ein paar Wellen“, sagte er mit Blick auf den jüngsten Kommerzialisierungsschub, „und das wird auch weitergehen.“

          Es dürfte, so viel konnte man in Hamburg spüren, keine leichte Aufgabe für die DFL werden, die ja als Interessenverband der Profiklubs, mithin als Dienstleister, konzipiert ist, den Laden weiter zusammenzuhalten. Am Dienstag brachte ein Fan-Vertreter von Hannover 96, der auch in der Runde saß, noch eine ganz andere Perspektive ins Spiel. Christian Brehm sprach davon, wie der Dauerstreit mit Klubchef Kind, unter anderem zum Thema Mitbestimmung, ihn und Gleichgesinnte in eine Art Exil getrieben habe. „2017“, sagte Brehm mit Blick auf die nächste Ausnahme von der 50+1-Regel, „wird der Verein Martin Kind gehören. Diesen Klub, so wie wir ihn geliebt haben, gibt es dann nicht mehr.“ Ansichtssache, ob man das für eine Stimme vom Rand oder aus der Mitte hält.

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