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Bundesliga-Kommentar : Druck, Dreck, Dusel

Volltreffer zum Einstand: Guido Burgstaller traf gleich für Schalke. Bild: AP

Neue Spieler, Trainer, Sportchefs: Selten hat sich die Bundesliga auf allen Ebenen mitten im Winter so viel Neues gegönnt. Manchmal mit raschem Effekt. In einem Punkt aber blieb alles beim Alten.

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          Alles neu im neuen Jahr? Neue Spieler, Trainer, Sportchefs, selten hat sich die Liga auf allen Ebenen mitten im Winter so viel Neues gegönnt. Manchmal mit raschem Effekt, wie bei Schalke 04. Das glückliche Siegtor in letzter Minute gegen Ingolstadt schoss Guido Burgstaller, vor zwei Wochen aus der zweiten Liga geholt. Oder beim VfL Wolfsburg, dessen neuer Sportdirektor Olaf Rebbe den ersten Treffer schon mit einem seiner ersten Transfers erzielt hat, dem von Paul-Georges Ntep. Der Franzose überforderte Gegenspieler Albin Ekdal, der überreagierte und vom Platz flog. Der HSV, mit neuem Vorstandschef, Heribert Bruchhagen, und einer aus zwei Neuen, Kyriakos Papadopoulos und Mergim Mavraj, improvisierten Innenverteidigung, stemmte sich wacker in Unterzahl. Dann legte Ntep Mario Gomez das Siegtor auf den Fuß.

          In einem Punkt aber blieb alles beim Alten: der Rhetorik des ewigen Überlebenskampfs am Ball. Es ist das Vokabular der üblichen D-Wörter. Der Druck, der Dreck, der Dusel. Nur die Demut fehlt noch, doch wird sie in der Rückrunde gewiss ihren Auftritt bekommen.

          Auf Schalke schwor man sich schon zur Pause ein, diesmal reiche auch ein „dreckiger Sieg“ (Benedikt Höwedes); der es dann auch wurde, genauer ein „dreckiger Duselsieg“ (Eric Maxim Choupo-Moting). Möglich machte ihn ein „Dreckstor“ (FCI-Geschäftsführer Harald Gärtner). Auch Thomas Tuchel, sonst sichtlich leidend, wenn Borussia Dortmund Rumpelfußball zu bekämpfen hat oder ihn gar selbst spielt, passt sich der Kultur der Region an, in der er arbeitet – der des Ruhrgebiets, in dem es seit je ehrenvoll ist, ehrliche Drecksarbeit zu leisten. Bei aller Kritik an den „ganz schlampig“ gespielten Kontern in Bremen überwog bei Tuchel „ganz klar die Freude, dass wir auch mal dreckig gewonnen haben“.

          Und nicht zuletzt Darmstadt und Mönchengladbach, mit den neuen Trainern Torsten Frings und Dieter Hecking, bemühten sich um einen dreckigen Sieg. Mangels der dafür nötigen spielerischen Mindestanforderungen bewiesen sie aber nur, dass auch ein 0:0 ziemlich dreckig sein kann.

          Denn mit alldem kann man es auch übertreiben. Wenn ein Team nicht mehr „durch Kampf zum Spiel“ kommt, wie das früher hieß, sondern nur noch durch Kampf zum Kampf. Irgendwann will der Zuschauer auch mal wieder sauberen Fußball sehen, feine Aktionen, leichtfüßige Spielkunst. In Gelsenkirchen, wo er in den vergangenen zehn Jahren sechs Mal mit Champions League verwöhnt wurde, wurden am Samstag 58.004 Zuschauer gezählt. Das ist ein Negativrekord in der Schalker Arena seit ihrer Eröffnung 2001. Zieht man das Gastspiel der Bayern ab, die seit zehn Jahren jedes Stadion der Liga füllen, war in dieser Saison nur ein Spiel auf Schalke ausverkauft, gegen Mönchengladbach im Oktober. Es spricht für eine beginnende Sättigung des Bedarfs an dreckigem, also auch: schlechtem Fußball.

          Bei einem anderen früheren Champions-League-Klub ist man bereits vorsichtiger in der Wortwahl. „Endlich dreckig!“, hatte Gomez noch vor drei Monaten nach dem Pokalsieg in Heidenheim gejubelt. Nun blieb das Wort ungesagt. In Wolfsburg klingt es besonders heikel. Dreckige Siege bringen Punktgewinne. Dreckige Diesel bringen Milliardenverluste.

          Christian Eichler
          (cei.), Sport

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