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Kommentar : Wenn Strafen nicht helfen

Auch zahlreiche geschmacklose Plakate waren beim Dresdner Spiel gegen Leipzig zu sehen. Bild: Imago

Das DFB-Urteil nach dem Bullenkopf-Skandal von Dresden ist auch ein Zeichen von Hilf- und Ratlosigkeit. Niemand im Fußball kann damit zufrieden sein. Und ebenso wenig mit den Kollektivstrafen.

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          Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat ein hartes Urteil gegen Dynamo Dresden gefällt. Nachdem im Sommer im DFB-Pokalspiel gegen RB Leipzig, einem sogenannten Hochsicherheitsspiel, ein abgetrennter Bullenkopf in den Stadion-Innenraum geworfen wurde, muss der Zweitligaklub nun eine Strafe von 60.000 Euro zahlen. Zudem wurde Dynamo zu einem Teilausschluss seiner Fans verurteilt. Die ekelerregende Aktion von gut einem halben Dutzend Zuschauern, von denen die meisten mittlerweile von der Polizei ermittelt werden konnten, hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Während der Partie hatte allerdings kaum jemand etwas davon mitbekommen. Auch das Spiel wurde davon nicht beeinträchtigt.

          Zum schmerzhaften Urteil für Dresden führten allerdings auch zahlreiche geschmacklose Transparente im Stadion, die den Gegner verunglimpften, und nicht zuletzt das Abbrennen von Pyrotechnik bei zwei Zweitligaspielen im Oktober. Das Sportgericht hob deswegen die aus dem Juli 2016 vorangegangene Bewährungsstrafe für einen Teilausschluss der Fans auf. Das Sportgerichtsurteil, in dem zentrale und ungelöste Fragen zwischen Verband, Fans und Vereinen berührt werden, ist auch ein Zeichen von Hilf- und Ratlosigkeit. Niemand im Fußball kann damit zufrieden sein. Und ebenso wenig mit den Kollektivstrafen, die der DFB immer wieder verhängt - ob für Heim- oder Auswärtsspiele.

          Dynamo Dresden kann nicht verstehen, weshalb der Verein so hart bestraft wird, obwohl es dem Klub gelungen war, das hochemotionale Derby gegen RB Leipzig, das Feindbild so vieler Fangruppen, gewaltlos und ohne nennenswerte Zwischenfälle über die Bühne zu bringen. Der Klub hat seine Arbeit gemacht. Aber an gewissen Punkten sind Fußballklubs objektiv überfordert, alle Dinge so zu regeln, um den mittlerweile sehr hohen Strafen durch das DFB-Sportgericht zu entgehen. Und bei beleidigenden Aktionen wie in Dresden stellt sich natürlich auch die Frage nach der Verhältnismäßigkeit, wenn die höchsten Sicherheitsziele im Stadion - Gewalt und rassistische Beleidigungen zu bannen - durch den Gastgeber erreicht worden sind.

          Das Abbrennen von Pyrotechnik, das der DFB zu Beginn des Jahrzehnts im großen Stil ächten wollte, hat sich jedoch buchstäblich zu einem Dauerbrenner entwickelt. Man kann auch sagen: zu einer Lebenslüge des DFB. Seit der Verband damals die Gespräche mit den Fans abgebrochen hat, steigen das Abfackeln von Pyrotechnik und die Strafen für die Klubs immer weiter. Es wurde das Gegenteil dessen erreicht, was man wollte. Es wäre ein lohnendes Ziel für den DFB - der unter neuer Führung so gerne von sich behauptet, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen -, sich dieses ungelösten Widerspruchs im Dialog mit Vereinen und Fans noch einmal anzunehmen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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