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Bundesliga-Kommentar : Mitleid mit den „Pfeifen“

  • -Aktualisiert am

Schiedsrichter Christian Dingert (Mitte) stand beim Spiel in Frankfurt im Mittelpunkt. Bild: Picture-Alliance

Das Urteil steht schnell fest: Bundesliga-Schiedsrichter sind schlecht. Kaum beachtet wird indes, dass Spieler und Trainer dringend mehr Anstand brauchen – und TV-Kommentatoren mehr Regelkenntnis. Ein Kommentar.

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          Möchte man eigentlich Schiedsrichter in der Bundesliga sein? Umgeben von lauter Egomanen, die nichts als ihren persönlichen Vorteil im Sinn haben, die bei jeder Gelegenheit tricksen, täuschen und betrügen, meistens gedeckt von ihren Vorgesetzten an der Seitenlinie, die ständig versuchen, Einfluss zu nehmen, und bei jeder noch so unbedeutenden Fehlentscheidung gestikulierend und voller Empörung herumhüpfen, als hätten sie gerade die wichtigste Szene des gesamten Spiels erlebt.

          Dazu beobachtet nicht nur von Zehntausenden zumeist subjektiven und häufig auch nicht irrsinnig regelkundigen Zuschauern – und natürlich auch von Dutzenden Kameras, die aus verschiedenen Blickwinkeln unter Mithilfe von Zeitlupen eindeutig belegen, wie verkehrt der Schiedsrichter da wieder gelegen habe, ehe dessen Leistung von den Experten in den Fernsehstudios zerpflückt wird und auch ehemalige Kollegen dabei nicht mit Kritik sparen. Klar, es gibt ein paar tausend Euro pro Einsatz, das klingt vielversprechend. Aber ein Traumjob ist das Ganze sicher nicht, und wenn schon bei Trainern gerne davon die Rede ist, in ihrem Gehalt sei auch eine Menge Schmerzensgeld enthalten, dann gilt das für die Schiedsrichter erst recht.

          Am Wochenende durfte, eine Woche nach einer vieldiskutierten Schwalbe in Leipzig, mal wieder jeder auf die Schiedsrichter einprügeln. Ein aus den Fugen geratenes Spiel in Frankfurt, ein so umstrittener wie spielentscheidender Elfmeter in Freiburg, Rote Karten in Hamburg und Ingolstadt – und überall stand das Urteil schnell fest: Die Schiedsrichter waren überfordert, die Schiedsrichter sind schlecht, die Schiedsrichter brauchen mehr Schulung.

          Kaum die Rede ist von den anderen Beteiligten, dabei liegt es auf der Hand: Spieler und Trainer brauchten dringend mehr Anstand – und Fernsehkommentatoren mehr Regelkenntnis. Der Woche für Woche geäußerte Hinweis „es gab einen Kontakt, es gab eine Berührung“ zur Rechtfertigung von umstrittenen Elfmetern, ist irreführend, albern und wegen seiner ständigen Wiederholung stilbildend. Kein Spieler muss bei der geringsten Berührung umfallen – er macht es aber, weil er oft genug dafür belohnt wird.

          Die gesamte Fußballbranche müsste sich im Grunde fragen, warum sie mehr Gauner und Betrüger auf dem Platz hat als jede andere Sportart, wieso das Benehmen der Protagonisten mitunter so ausufert. Natürlich war etwa die Rote Karte gegen den Frankfurter Chandler überzogen – aber warum läuft er überhaupt quer über den Platz, um seinen Teil zur ohnehin verbotenen Rudelbildung beizutragen? Wie soll ein Schiedsrichter den Überblick behalten, wenn die Spieler von überall her zusammenströmen und sich schubsen, fallen, den Kopf halten, wenn sie an der Schulter berührt worden sind? Warum fallen durchtrainierte Stürmer im Strafraum, weil sie „einen Schlag gespürt“ haben, und nicht, weil sie dieser Schlag von den Beinen geholt hat – und warum kommen sie Woche für Woche mit diesen kruden Begründungen durch?

          Es wäre ein Segen, wenn es – hoffentlich – von der kommenden Saison an den Videobeweis gäbe. Die Verhältnisse werden sich erst ändern, wenn gemeine Fouls als solche entlarvt, wenn Betrügereien nachträgliche Bestrafungen mit sich bringen, wenn sich in der Folge alle etwas anständiger benehmen. Vorher auf Einsicht zu hoffen, ist naiv.

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          Peter Penders

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