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Kommentar : Die Freiheit des Liberos

Der einzige, der sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht: Franz Beckenbauer Bild: picture-alliance/ dpa

Im Fußball sagt man nicht mehr, was man denkt. Man sagt, was man soll. Nur einen gibt es noch, der sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Der FC Bayern hatte die Baustelle Ribéry halbwegs abgedichtet. Nun reißt Franz Beckenbauer sie wieder auf.

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          Seine Fortschritte macht der Fußball in der Defensive. Das betrifft die Arbeit mit dem Ball und die mit dem Wort. Vereine kontrollieren die Laufwege ihrer Profis ebenso wie deren rhetorischen Ausstoß. Schließlich sind immer ein paar unzufrieden. Wenn die redeten, wie sie wollten, gäb’s Geschichten, und schon wäre Unruhe. Kurz, im Fußball sagt man heute nicht mehr, was man denkt. Man sagt, was man soll.

          Nur einen gibt es noch, der sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Dafür mögen ihn die Leute. Schließlich ist es oft genau das, was auch ihnen durch den Kopf geht. In seiner gewohnt polternden Art hat Franz Beckenbauer wieder mal vom Leder gezogen, diesmal über Franck Ribéry („Das ist ein Franzose, dem ist München Wurscht“). Und weil Ribérys Transfergeplänkel zwischen München und Madrid dieser Ansicht manche Nahrung gab, ist Kaisers Meinung vielleicht sogar mehrheitsfähig. Selbst bei Fans des FC Bayern.

          Schallende Ohrfeige im kalten Duktus

          Aber natürlich nicht bei Verantwortlichen des FC Bayern. Deren prompte offizielle Antwort fiel am Montag nicht so polternd aus wie die Worte Beckenbauers – dafür klang sie in ihrem kalten Duktus noch viel bissiger. Oft schon musste der offizielle FC Bayern sich von der freien Meinung des Mannes distanzieren, der bei diesem Klub alles war: Kapitän, Trainer, Präsident, nun Aufsichtsratsvorsitzender. Nie aber tat man das mit einer solch schallenden Ohrfeige. Uneingeschränkt stellte sich der Vorstand hinter Ribéry. Und empfahl Beckenbauer süffisant, sich, statt zu lamentieren über den Paragraphen 17 (mit dem der Franzose sich 2010 schon ein Jahr vor Vertragsende verabschieden könnte), doch lieber für dessen Abschaffung einzusetzen – in seiner Eigenschaft als Fifa-Funktionär.

          Natürlich liegt Beckenbauer in seinen diversen Funktionen und Visionen manchmal daneben. Doch sein Vorteil bleibt die Unabhängigkeit. Gerade hat Bayern die Baustelle Ribéry halbwegs abgedichtet, schon reißt der impulsive Ober-Bayer sie wieder auf. Fünf lange Wochen, bis Ende der Transferperiode, wird der Klub vor dem Wechsel-Thema nicht sicher sein. Man kann sich leicht vorstellen, dass Real noch einen Pfeil im Köcher hat – und dass Ribéry bis dahin womöglich nicht mit dem größten Einsatz auftreten wird. Dass er bisher wegen mehrerer Verletzungen kaum richtig trainiert, hat die öffentliche Stimmung ihm gegenüber verschlechtert. Schlechte öffentliche Stimmung gegen einen Spieler (der einen laufenden Vertrag hat) ist aber gut für abwerbende Klubs.

          Der Libero ist nicht zu halten

          Empören muss man sich darüber nicht. Gerade die Bayern beherrschen solche Spiele auch von der anderen Seite des Tisches, etwa als sie Miroslav Klose aus Bremen weglotsten. Und dass ein Spieler vom berühmtesten Klub Deutschlands zum berühmtesten der Welt möchte, ist auch kein Verbrechen – die Frage ist nur, wer wie davon profitiert. Einen Keil zwischen sich und Ribéry kann der FC Bayern derzeit nicht zulassen, er wäre in beiden Szenarien des Sommers ungünstig: Wenn man doch noch ins Geschäft käme, wäre es schlecht für die Verhandlungsposition; wenn nicht, dann wäre es das für die ganze Saison.

          Die Öffentlichkeit wird in diesem Spielchen gern benutzt, aber derzeit stört sie. Es ist ein zäher Abwehrkampf gegen sie, und der FC Bayern hat seine Reihen geschlossen. Wäre da nicht der größte aller Liberos. Er lief los, nach vorn, wenn ihm danach war. Bis heute können sie ihn nicht halten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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