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Keine Rücksicht auf große Namen : Der Bayern-Plan fordert Opfer

Ungerührt: Louis van Gaal interessiert sich für Talent, nicht für Namen Bild: ddp

Der erfolgreich gestartete Meister hält an seinen neuen Prinzipien fest. Das Engagement des schmollenden Demichelis könnte schneller als erwartet zu Ende gehen. Van Gaal: „Wir werden noch besser spielen“

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          Namen, das ist weithin bekannt, interessieren Louis van Gaal nicht besonders. Luca Toni, Weltmeister von 2006, hat diese Erfahrung machen müssen, oder Lucio, Weltmeister von 2002, dem van Gaal bei jeder Gelegenheit hinterherruft, wie wenig er seinem Anforderungsprofil als Innenverteidiger genügt. Zum Auftakt der neuen Bundesliga-Saison erwischte es Martin Demichelis. Für den Argentinier, im vergangenen Jahr noch Stammspieler beim deutschen Meister, ist im Bayern-Team 2010/11 nur noch eine Reservistenrolle vorgesehen.

          Zwar war Demichelis selbst offenbar der Einzige, den das noch überraschte – es war allgemein erwartet worden, dass Holger Badstuber am Freitag im Eröffnungsspiel gegen den VfL Wolfsburg den Platz einnehmen würde. Seine Reaktion fiel deshalb nicht weniger emotional aus: Er bat van Gaal, dann doch bitte gleich auf die Tribüne zu dürfen. In den Medien wurde dazu noch dieser Satz von Demichelis überliefert. „Die Wahrheit ist, dass ein Zyklus zu Ende geht und es für beide Seiten besser ist, wenn wir getrennte Wege gehen.“

          Der Trainer wirkte – im Gegensatz zu Demichelis – ziemlich ungerührt, als er nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft von dem Vorfall und den möglichen Folgen berichtete. Zwar würde er ungern künftig auf Demichelis’ Dienste verzichten wollen, sagte van Gaal, er brauche schließlich einen möglichen Ersatz für van Buyten. „Aber ein Spieler hat immer das Recht, selbst eine Entscheidung zu treffen.“ Nicht ausgeschlossen, dass die Zeit bei den Bayern für einen weiteren großen Namen ziemlich jäh zu Ende geht.

          Sturmtalent im Mittelpunkt: Müller (l.) gelingt gegen Wolfsburg ein wunderbares Tor

          Was van Gaal wirklich interessiert – auch das hat er in seinem ersten Münchner Jahr sehr anschaulich demonstriert –, ist Talent. So, wie er es beim jungen Thomas Müller erkannte, förderte, und ihm damit den Aufstieg zum deutschen Star und Schützenkönig der Weltmeisterschaft in Südafrika ermöglichte. Zuletzt unterstrich van Gaal diesen Jugendstil auf eine Art, wie man sie in der Branche nicht oft beobachten kann.

          Das Prinzip „Best of Bundesliga“ hat ausgedient

          Der Vorstand der Bayern schien ihm regelrecht einen linken Außenverteidiger aufdrängen zu wollen, ein Geschenk, das wohl kaum ein Trainer ablehnen würde. Van Gaal aber beharrte darauf, dem noch ziemlich namenlosen Diego Contento, der aus der eigenen Jugend kommt, eine Chance zu geben. „Das wäre gegen meinen Willen“, sagte er zum Angebot seiner Chefs und fügte hinzu: „Ich bin zufrieden mit meinem Kader.“

          Demichelis und Contento – zwei frische Beispiele, die auf ähnliche Art zeigen, wie der FC Bayern unter van Gaal funktioniert: Der Star ist das System, der Einzelne hat sich der Idee unterzuordnen. „Nicht mehr Aufrüsten um jeden Preis“ lautet das Münchner Motto, und auch das Prinzip „Best of Bundesliga“, nach dem Uli Hoeneß in seiner Zeit als Manager jahrelang die Stars der Liga aufkaufte, hat unter van Gaal ausgedient. Die beiden heißesten Transfers des Sommers, die von Sami Khedira und Mesut Özil zu Real Madrid, gingen über die Bühne, ohne dass sich die Bayern wirklich dafür erwärmen konnten.

          Ein Neuer, sagt van Gaal, „muss viel besser sein als die, die wir haben“. Und hinter den Spitzen hat der Meister eben Müller und Kroos, im defensiven Mittelfeld Schweinsteiger und van Bommel. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist simpel: Konkurrenz ist gut, zu viel davon aber schadet dem Betriebsklima. Auch deshalb will van Gaal seinen Kader eher noch auf 22 Mann verkleinern als ausbauen – selbst wenn es einen verdienten Kämpfer wie Demichelis träfe. Ein wenig kurzfristige Unruhe, so darf man sich das Kalkül wohl vorstellen, wäre leichter zu verkraften als die dauerhafte Unzufriedenheit eines in seinem Stolz getroffenen Alphatiers.

          Versprechen für die Fans, Drohung für die Konkurrenz

          Keinen einzigen Euro haben die Münchner vor dieser Saison in die Mannschaft gesteckt. Während um sie herum die Kader der Konkurrenz runderneuert werden – Wolfsburg gab als Spitzenreiter in dieser Disziplin 22,5 Millionen aus – ruhen die Bayern in jeder Hinsicht in sich selbst. Warum auch nicht? Wer die Liga dominiert hat wie die Münchner in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison, hat alle Argumente auf seiner Seite. Gegen Wolfsburg lief zwar längst noch nicht alles rund. Vor allem zu Beginn der zweiten Hälfte durfte sich der VfL Hoffnung auf mehr machen als nur Edin Dzekos Ausgleich (55. Minute) nach Thomas Müllers wunderbarem Führungstor (9.). Und am Ende war es nicht nur wegen des Zeitpunkts etwas glücklich, dass Bastian Schweinsteiger in der Nachspielzeit noch der Siegtreffer für die Bayern gelang.

          Doch laut van Gaals Plan dauert es ohnehin noch ein paar Wochen, bis sein bei der WM stark beanspruchtes Team voll im Saft stehen wird. „Die Spieler brauchen sechs, sieben Spiele über 90 Minuten, damit wir von Rhythmus sprechen können“, sagte er. Dann aber, so die Hoffnung, könnte sich schnell auszahlen, dass das gemeinsame Fundament schon im vergangenen Jahr gelegt wurde. „Wir sind weiter als im letzten Jahr und werden noch besser spielen“, verspricht van Gaal.

          Es ist noch nicht lange her, dass Philipp Lahm ziemlich genau das einforderte, wofür die Bayern heute stehen. Im vergangenen November hatte er per Zeitungsinterview eine Spielphilosophie angemahnt, der sich die Transferpolitik unterzuordnen habe. Wie sich heute zeigt, hatte er recht – und sich zugleich doch getäuscht. Nämlich darin, wie schnell dieser Paradigmenwechsel unter van Gaal vollzogen wurde. Heute klingt es ganz selbstverständlich, wenn Sportdirektor Christian Nerlinger sagt, dass die Bayern einen Spielstil entwickeln wollen, „an den man sich auf Jahre hinaus noch erinnert“. Was für die eigenen Fans ein Versprechen ist, muss für die Konkurrenz – zumindest hierzulande – wie eine Drohung wirken.

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