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Bayer-Profi Karim Bellarabi : Zurück auf der großen Bühne

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Wieder Ballzauberer: Karim Bellarabi hat ein langes Tief überwunden. Bild: dpa

Nach dem Hinspiel in München war Karim Bellarabi wegen eines Fouls am Tiefpunkt der Karriere angekommen. Viereinhalb Monate später müssen sich die Bayern aus anderen Gründen vor dem Bayer-Angreifer hüten.

          Wenn der FC Bayern München an diesem Samstag (15.30 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und Sky) bei Bayer Leverkusen antritt, dann wird Karim Bellarabi noch einmal mit einem der finstersten Momente seiner Karriere konfrontiert werden. Mit einer Szene, die mancher Beobachter für den vorläufigen Tiefpunkt eines scheinbar unaufhaltsamen Absturzes hielt. Während des Hinspiels trat Bellarabi in einem Augenblick des Kontrollverlustes dem Münchner Verteidiger Rafinha frustriert und ziemlich brutal gegen das Bein und sah die Rote Karte. Uli Hoeneß bezeichnete den Leverkusener anschließend als „geisteskrank“, solch ein Treter müsse bitte schön für „drei Monate gesperrt“ werden, forderte der Münchner Präsident. Die Strafe fiel mit vier Partien Pause zwar etwas kürzer aus, aber Bellarabis ohnehin schon angeschlagener Ruf hatte eine neue Beule. Schon lange war ihm ja vorgeworfen worden, er vergeude sein wunderbares Talent, weil er nicht krisenresistent genug sei.

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          Vom sensiblen Leverkusener Angreifer ist bekannt, wie nah ihm solche Sachen gehen können. Und erst recht in dieser Situation. Bellarabi hatte sich nämlich viel vorgenommen in den Wochen vor seinem Ausraster. Er wollte nach zwei Jahren der mehr oder weniger vergeblichen Formsuche endlich wieder zu einem großen Bundesligastar, vielleicht sogar wieder zum Nationalspieler werden. Doch nach diesem fatalen Septembertag und dem Foul gegen Rafinha glaubte kaum mehr jemand, dass das jemals gelingen würde.

          Es macht wieder Spaß

          Viereinhalb Monate ist das nun her, und Bellarabi ist tatsächlich zurück auf der Bühne der Geschätzten und Gefeierten, er ist wieder ein Fußballprofi, vor dem die Gegner sich nicht nur fürchten müssen, wenn er ihnen in die Beine tritt. „Es macht richtig Spaß“, sagt der 28 Jahre alte Profi, der zwar schon im Herbst einige gute Partien absolvierte, aber unter dem neuen Trainer Peter Bosz so hell aufstrahlt wie seit vier Jahren nicht. „Ich fühle mich im neuen Spielsystem sehr wohl und weiß, was ich zu tun habe. Jeder Spieler kennt seine Aufgaben“, sagt Bellarabi, der selbstverständlich fester Bestandteil der Startformation ist.

          Als linker Flügelspieler bildet er mit Leon Bailey und Kevin Volland einen gefährlichen Dreiersturm, aus dem er bisher deutlich herausragt. Gegen Gladbach (0:1) hatte er Pech mit einem Pfostenschuss, in Wolfsburg (3:0) traf er die Latte, würde ihm nun gegen die Bayern ein wichtiges Tor gelingen, ließe sich mal wieder eine dieser Kitschgeschichten erzählen, von denen der Fußball so viele hervorbringt. Wobei Bellarabis Jahre in Leverkusen sich schon jetzt als Drama erzählen lassen.

          Es war Roger Schmidt, der im Sommer 2014 die außerordentlichen Fähigkeiten Bellarabis entdeckte. Eigentlich war damals geplant, den Angreifer zu verleihen, wieder einmal. Der eigenwillige Fußball-Lehrer, der heute in China arbeitet, war neu bei Bayer und fand den rasend schnellen Fußballer aber zu interessant, um ihn abzugeben, woraufhin ein ikarushafter Höhenflug begann. Am ersten Spieltag schoss Bellarabi in der neunten Spielsekunde der Partie in Dortmund das 1:0, immer noch handelt es sich um das schnellste Tor der Bundesligageschichte.

          Bellarabi reagierte empfindlich

          Ähnlich furios ging es weiter, Bellarabi spielte konstant stark, fast jeder seiner Schüsse schien im Tor zu landen, Experten feierten eine völlig unerwartete Entfesselung des damals bereits 24 Jahre alten Angreifers, und Funktionäre der Fußballverbände Marokkos und Ghanas begannen den Fußballer zu umschmeicheln, um ihn zu ihrem Nationalspieler zu machen. Bellarabis Vater stammt aus Marokko, die Mutter aus Deutschland, aber es gibt auch einen ghanaischen Stiefvater.

          Im Oktober 2014 debütierte der schnelle Leverkusener dann aber unter Joachim Löw in der DFB-Elf, die Bayern zeigten Interesse an einer Verpflichtung, und Bayer 04 unterbreitete Bellarabi ein hochdotiertes Vertragsverlängerungsangebot bis 2020, das dann auch unterschrieben wurde. Doch das Feuerwerk war erstaunlich schnell vorüber. Schon in der Rückrunde der ersten Saison mit Roger Schmidt ließ dieser sensible Fußballspieler mehr und mehr nach.

          Analog zu den wachsenden Problemen, die das Bayer-Team mit der Umsetzung von Schmidts radikalem Balleroberungskonzept hatte, gelangen Bellarabi immer weniger Treffer. Die Anzahl der Torvorbereitungen sank ebenfalls, immer öfter saß er deshalb nur auf der Bank. Dann häuften sich die Verletzungen, die ganze Entwicklung sah aus wie ein leiser, trauriger Niedergang und hatte womöglich auch damit zu tun, dass Bellarabi empfindlich auf atmosphärische Störungen reagiert.

          Die Stimmung war in Leverkusen immer wieder belastet, es gab interne Konflikte mit Schmidt, mit einem Athletiktrainer, und auch Heiko Herrlich fasste nie wirklich Vertrauen in die Fähigkeiten dieses ungewöhnlichen Stürmers. „Ich habe im vergangenen Jahr nicht immer die Einsatzzeiten bekommen, die ich mir gewünscht hätte“, sagt Bellarabi diplomatisch über den ehemaligen Trainer. Doch jetzt scheint wieder alles zu passen. Der gebürtige Berliner präsentierte sich zuletzt als genau diese Sorte Offensivspieler, die derzeit jeder ambitionierte Klub unbedingt haben will: technisch versiert, stark als Vorlagengeber, verantwortungsbewusst im Spiel gegen den Ball und vor allem: sehr schnell. Die Münchner sind deshalb gewarnt, denn auch die Bayern der laufenden Spielzeit hatten immer wieder Probleme mit solchen Angreifern.

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