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Leverkusens Kai Havertz : Der 100-Millionen-Mann

  • -Aktualisiert am

In Leverkusen beliebt, allerorten begehrt: Kai Havertz weckt derzeit Phantasien nicht nur in der Bundesliga. Bild: dpa

Einer, von dem ständig Außergewöhnliches erwartet wird: Der Leverkusener Kai Havertz kann die Zukunft des deutschen Fußballs beeinflussen. Am Freitagabend will er das in Frankfurt beweisen.

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          Die Tage des dezenten Schwärmens und Umgarnens sind jetzt erst mal wieder vorüber im Umfeld der Fußball-Nationalmannschaft. Die Bundesliga setzt ihre Saison an diesem Freitag mit dem Spiel von Eintracht Frankfurt gegen Bayern Leverkusen fort (20.30 Uhr, live im F.A.Z.-Liveticker und DAZN), wobei dabei ein Spieler auflaufen wird, dem eine Hauptrolle zugefallen ist auf dem Marktplatz der Informationen im DFB-Lager. Kai Havertz beschäftigt sich mit seiner Zukunft, im kommenden Sommer wird er allem Anschein nach den nächsten Schritt wagen und von Leverkusen zu einem der größten Klubs der Welt wechseln. Natürlich hat ein junger Mensch vor solch einer wichtigen Entscheidung viele Fragen an Kollegen, deren Karrieren schon weiter fortgeschritten sind. „Ich höre gerne auf viele Leute“, sagte Havertz vorige Woche, um sogleich klarzustellen: „Am Ende entscheide aber ich, was passiert.“

          Dieser kleinen Anmerkung ist zu entnehmen, dass es eine Menge Leute gibt, die gerne mitreden würden, wenn es um Havertz’ Zukunft geht. Zum einen, weil es um einen Wechsel geht, bei dem eine dreistellige Millionensumme bewegt werden könnte, solche Deals sind für viele Figuren des Geschäfts hochinteressant. Zum anderen aber, weil der Wechsel das Potential hat, die nähere Zukunft des deutschen Fußballs zu beeinflussen.

          Geht Havertz zum FC Bayern und hilft, die Münchner Alleinherrschaft der vergangenen Jahre fortzusetzen? Entscheidet er sich für den Außenseiter Borussia Dortmund, was dazu beitragen könnte, die Hegemonie des Rekordmeisters zu brechen? Oder geht er lieber nach England oder Spanien und hält sich raus aus möglichen Veränderungen im Machtgefüge des nationalen Klubfußballs? Es ist nicht verwunderlich, dass ein Teenager in solch einer Lage in den Spielen nicht immer so fokussiert auftritt wie in der Rückrunde der Vorsaison, nach der er von den Bundesligaprofis zum besten Spieler der Liga gewählt wurde.

          Kleine Leistungsdelle

          In den ersten sieben Spielen der laufenden Saison hinkte Havertz den enormen Erwartungen jedenfalls ein wenig hinterher. Zwar stand er gegen Argentinien und in Estland erstmals in der Startelf der Nationalmannschaft, schoss das 2:0 gegen die Südamerikaner (Endstand 2:2) und damit auch sein erstes Länderspieltor, aber Havertz ist einer, von dem ständig etwas Außergewöhnliches erwartet wird. Es gibt diese Vergleiche zu dem französischen Weltmeister Kilian Mbappé, der nur sechs Monate älter ist, da sind solide Leistungen oftmals nicht genug. Drei Treffer und eine Vorlage deuten zwar auf ein ordentliches Niveau hin, aber ist das genug für einen 100-Millionen-Euro-Mann? Zumal Havertz neben den guten Momenten auch ungewohnte Fehlpässe unterliefen und sein Einfluss auf die Spiele der Werkself nicht so prägend war wie in der Rückrunde der Vorsaison.

          Nationalspieler Kai Havertz: Im kommenden Sommer wird den nächsten Schritt wagen und zu einem der größten Klubs der Welt wechseln.

          Diese kleine Leistungsdelle hänge damit zusammen, dass Leverkusens „Ballbesitzspiel nicht so gut war“ wie im Frühjahr, erklärte Sportdirektor Simon Rolfes jüngst gegenüber dem „Kicker“, aber das ist nur einer von vielen möglichen Gründen für die schwächeren Auftritte. Zuletzt haben die Gegner immer wieder eine Art Manndeckungskonzept entwickelt, um das 19 Jahre alte Talent zu stören. Gegnerische Trainer widmen möglichen Strategien zur Bekämpfung von Havertz ausführliche Teile ihrer Spielvorbereitungssitzungen, beim 0:4 in Dortmund war der Leverkusener irgendwann schwer genervt von den permanenten Störmanövern des Thomas Delaney und blieb auch mal frustriert stehen. In Frankfurt könnte nun Dominik Kohr diese Rolle übernehmen, „man muss ihm auf den Füßen stehen, damit er die Räume, die er sucht, nicht findet“, sagte Kohr am Montag. Aus gemeinsamen Leverkusener Zeiten kennt er Havertz wie kein anderer Frankfurter.

          Auch vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen findet Trainer Peter Bosz übrigens nicht, dass Havertz so etwas wie ein Leistungstal durchschreitet. Im Training sei nach wie vor zu sehen, was für ein außergewöhnlicher Fußballer hier für Bayer Leverkusen spiele. In den Spielen sind diese bezaubernden Momente, in denen Havertz Möglichkeiten zur Spielfortsetzung findet, die sonst niemand sieht, aber seltener geworden, was auch mit dem Verlust des kongenialen Partners zu tun haben könnte.

          Havertz und der zum BVB abgewanderte Julian Brandt bespielten im Vorjahr die Räume hinter der Leverkusener Sturmspitze, mit kleinen, geschickt aufeinander abgestimmten Bewegungen, mit Pässen und Drehungen beförderten sie sich gegenseitig auf ein Leistungsniveau, das sie weder zuvor noch hinterher erreichen konnten. „Er ist immer noch derselbe geblieben, wir verstehen uns auf dem Platz und neben dem Platz sehr gut“, sagte Havertz am Rande der jüngsten Länderspiele, wo die beiden jeweils in der Startelf standen.

          Das Werben des Kollegen

          Natürlich wird auch Brandt auf die Zukunftsüberlegungen seines Kumpels einwirken, nachdem BVB-Kapitän Marco Reus schon vor Wochen ankündigte, er werde „alles versuchen, ihn nach Dortmund zu lotsen“. Zwar stellte Michael Zorc, der Sportdirektor des BVB, umgehend klar, dass es sich bei Reus’ Aussage lediglich um einen „flapsigen Spruch“ gehandelt habe, aber die neutrale Zone der Nationalmannschaft bleibt ein Ort, an dem der Meinungsbildungsprozess Impulse erhält, die einen anderen Charakter haben als die Überlegungen in Gesprächen mit Familie, Beratern und Vereinsvertretern.

          Vielleicht gab es auch einen Austausch mit Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona oder mit Ilkay Gündogan von Manchester City, und Joshua Kimmich wirbt schließlich ganz offen: „Gute Spieler passen immer gut nach München“, hat er in der vorigen Woche beispielsweise über Havertz gesagt, „Der Kai ist ein super Fußballer. Es macht immer Spaß, mit ihm zu spielen, weil er Spielfreude und Spielverständnis hat.“

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