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Julian Draxler : Bis die Ausstiegsklausel sie scheidet

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Mein Trikot, mein Verein, mein Revier: Wie lange hält Julian Draxlers allzu mutig vermarkteter Treueschwur? Bild: WITTERS

Geliebt, gelobt und an Schalke 04 gebunden - vorerst: Julian Draxler ist der königsblaue Mann der Stunde. Sein Abschied dürfte aber trotz langfristigem Vertrag nahen. Wann spielen die Nebenbuhler ihre Reize aus?

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          Wenn es etwas zu feiern gibt, versteht es der FC Schalke 04, sich und seine Fans in Stimmung zu bringen. Demnächst begeht der Traditionsklub mit großem Aufwand und einem Jahr Verspätung den Abschied des spanischen Stürmerstars Raúl, der im Spätherbst seiner Karriere zwei Jahre für die Königsblauen gekickt hatte. In seine Fußstapfen als Galionsfigur könnte ein Talent treten, das erst neunzehn Jahre alt ist und doch schon zu den Leistungsträgern der Mannschaft gehört: Julian Draxler. Als der Mittelfeldspieler seinen Vertrag um fünf Jahre verlängerte, wurde das buchstäblich in die Öffentlichkeit transportiert. Der Klub schickte Lastwagen mit Plakatwänden durch das Ruhrgebiet, die den Jungstar im Schalke-Trikot zeigten und dazu den Spruch „Julian Draxler: Mit Stolz und Leidenschaft bis 2018“. Auch am Stadion des Nachbarn Borussia Dortmund fuhren die Werbewagen vorbei.

          Beide Parteien mögen die herzzerreißende Seite ihrer Zusammenarbeit noch so betonen - wenn Angebot und Nachfrage sich treffen, kann alles ganz schnell zu Ende sein. Einer inzwischen gängigen Praxis folgend hat der Verein Draxler die Option eingeräumt, das Projekt „Stolz und Leidenschaft“ zu beenden, sobald ein Klub, zu dem er sich hingezogen fühlt, 45,5 Millionen Euro Ablöse bezahlt.

          Dass es dazu eines Tages kommen wird, bezweifeln die wenigsten. Nicht einmal Schalkes Sportdirektor scheint damit zu rechnen, dass die Liebe bis zum Vertragsende stärker wiegt als die Karrierechancen, die sich früher oder später bieten dürften. „Wenn Julian Draxler wirklich weg will, wird’s schwierig“, sagte Horst Heldt kurz nach dem Vertragsschluss. „Irgendwann wird er vor der Wahl stehen, bei uns zu bleiben oder zu wechseln. Dann werden wir uns zusammensetzen.“

          Bilderstrecke

          Sollte es zu einer vorzeitigen Trennung kommen, könne Schalke „stolz sein, was Julian dem Verein sportlich und finanziell gebracht hat“. Als sichtbares Zeichen seiner wachsenden Bedeutung erhält der junge Profi nicht nur mehr Geld, sondern auch die Nummer zehn, die auf der ganzen Welt Mittelfeldstrategen zugesprochen wird, die aufgrund der Fähigkeit, das Spiel zu machen, von besonderer Bedeutung für eine Mannschaft sind. „Die 10 war ein Wunsch von ihm und passt besser zu ihm als die 31“, sagt Heldt.

          Parallelen zu Götze

          Nicht nur diese Äußerlichkeit erinnert an den Werdegang Mario Götzes. Dieser Hochbegabte hat sich vierzig Kilometer östlich, beim Erzrivalen Borussia Dortmund, ähnlich schnell den Status eines „Zehners“ erarbeitet, seinen Vertrag verlängert und den Klub seiner sportlichen Heimat ein Jahr später dennoch in Richtung München verlassen, um finanziell wie sportlich früh ins ganz große Geschäft vorzustoßen. Spieler wie Götze oder Draxler machen die Ausstiegsklausel zu einem immer bedeutsamer werdenden Instrument im Fußballgeschäft. Sie machen ihrem aktuellen Verein eine Liebeserklärung, die wie so viele Bekenntnisse dieser Art im Moment vielleicht sogar ernst gemeint ist, schließen zugleich aber eine Art Ehevertrag, der die zu erwartende Trennung leichtmacht.

          Geschätzter Teamkollege: Sead Kolasinac huldigt Torschütze Draxler (l.)

          Ein ähnliches Beispiel ist Thiago Alcantara, ein 22 Jahre alter Mittelfeldspieler des FC Barcelona, den die Bayern gerade Trainer Pep Guardiola zuliebe von den Katalanen abgeworben haben. Das von Guardiolas Bruder betreute Talent durfte aufgrund einer Klausel, die sich auf die Zahl seiner Einsätze bezieht, schon für deutlich weniger als die einst festgeschriebene Ablösesumme von neunzig Millionen Euro Ablöse den Klub verlassen.

          Vom Schalker Buben zum Führungsspieler

          Junge Spieler um die zwanzig von außergewöhnlicher Klasse wie Draxler, Götze oder Thiago Alcantara werden immer begehrter auf dem internationalen Fußballmarkt. Sie sind bestens ausgebildet, haben sich schon auf hohem Niveau bis hin zur Champions League bewährt, kommen im Idealfall aus der Region und besitzen Ausstrahlung. Dieser Mix an harten und weichen Faktoren gibt ihnen schon in jungen Jahren die Chance, hochdotierte Verträge abzuschließen, ohne sich wirklich fest zu binden. Vereine wie Dortmund und jetzt Schalke machen dieses Spiel mit, weil sie diese Profis brauchen, um zu halbwegs annehmbaren Konditionen sportliche Klasse mit Werten zu kombinieren, mit denen sich der emotional eher konservative Fußballfan identifiziert.

          Der Nationalspieler aus Schalke: Julian Draxler (l.) ist im DFB-Team etabliert

          Das ist gerade im Ruhrgebiet so, jetzt wieder zu erkennen an der Personalie Draxler. Mit der Ausstiegsklausel hat der Verein die Chance gewahrt, eines seiner Aushängeschilder vorerst zu behalten - und damit sein eigenes Image zu fördern. „Aus Marketingsicht ist die Vertragsverlängerung für uns von besonderer Bedeutung“, sagt Alexander Jobst, Marketingvorstand des FC Schalke 04. Draxler habe sich „rasant schnell vom Schalker Buben zum Führungsspieler entwickelt“ und wecke aufgrund seiner Ausstrahlung auch das Interesse von Partnern, die ein Sponsoring beim Revierklub prüften. „Julian Draxler verkörpert Werte wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit Bodenständigkeit, und er besitzt ein gutes Aussehen, all das kommt bei Unternehmen gut an.“

          „Er ist nicht allein der FC Schalke 04“

          Jobst weiß, wovon er spricht. Bevor er zu Schalke kam, war er bei Real Madrid und beim Fußball-Weltverband Fifa beschäftigt. In Gelsenkirchen plant der Manager derzeit eine Kampagne. Darin ist Draxler als Gesicht des FC Schalke vorgesehen, „nicht mehr als Schalke-Bubi, sondern als Führungsspieler, der vorangeht“. Aufgrund seiner Erfahrung im internationalen Fußball kennt Jobst aber auch die Gefahren, die entstehen, wenn ein Klub sich zu sehr auf einen einzelnen Spieler verlässt, von dem man nicht wissen kann, wie lange er bleibt.

          „Als David Beckham bei Manchester United gespielt hat, war das Marketing vor allem auf ihn zugeschnitten. Als er dann zu Real Madrid gegangen ist, hat die Marke ,ManU’ darunter gelitten“, sagt Jobst. Deshalb sei immer darauf zu achten, dass ein einzelner Spieler den Verein als Marke nicht überstrahlt. Bei allen Vorzügen gilt also auch für Nationalspieler Draxler: „Er ist nicht allein der FC Schalke 04.“

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