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Jürgen Klopp : Wenn der Trainer zum Allgemeingut wird

  • -Aktualisiert am

TV-Gesicht, also Allgemeingut: Jürgen Klopp Bild: AP

Jürgen Klopp hat als Fernsehexperte die WM analysiert und die Nebenwirkungen seiner Auftritte kolossal unterschätzt. Mittlerweile muß der Mainzer Fußball-Trainer mehr Autogramme geben als all seine Spieler zusammen.

          3 Min.

          Im Leben des Bundesligatrainers Jürgen Klopp ist wieder etwas Normalität eingekehrt. Vier Wochen lang hat der 39 Jahre alte Diplom-Sportwissenschaftler als ZDF-Experte analysiert und kommentiert, auf seinem Bildschirm viele Kringel gemalt und sich leidenschaftliche Debatten mit dem früheren Schiedsrichter Urs Meier geliefert. Eingeschaltet hatten bis zu 30 Millionen Zuschauer. Alles vorbei und für Klopp (fast schon) vergessen, obwohl es natürlich eine unvergeßliche Fußball-Weltmeisterschaft gewesen ist.

          Hier in Bad Gögging, wo sich die Mannschaft von Mainz 05 noch bis zu diesem Mittwoch auf die dritte Erstligasaison vorbereitet, zählen andere Dinge. Es könnte beinahe ein Rückzug ins Private sein, vergleichsweise, ohne Superstars wie Pele oder Beckenbauer um ihn herum. Klopp spricht über seine sieben neuen Profis, die integriert werden müssen, wie die Mittelfeldraute oder das flache 4-4-2-System „mit Leben gefüllt“ werden können und darüber, wie im täglichen Übungsbetrieb zwischen intensiver Belastung und Erholung gewechselt wird.

          Die Medien haben „eine Fresse gebraucht“

          Doch die Kurzzeitberufung als WM-Experte holt ihn immer wieder mit Vehemenz ein. Es gibt Interviewanfragen zuhauf, und irgendwie kommt es Klopp auf drei oder vier Gespräche mehr oder weniger mit Journalisten nicht an. „Das macht mir nichts. Die Öffentlichkeitsarbeit ist Teil meines Jobs.“ Was ihn grenzenlos nervt, ist die Fixierung der Öffentlichkeit auf seine Person, nicht selten werden die Mannschaft und der Klub mit ihm gleichgesetzt. Was in extremer Ausprägung, etwa beim Testspiel in Würzburg, dazu führt, daß vom „Klopp-Team“ und nicht vom 1. FSV Mainz 05 gesprochen wird. „Das finde ich unangemessen“, sagt er dann mit ungewohnt bissigem Ton. „Die Mannschaft steht im Mittelpunkt.“

          Längst zum Synonym seines Vereins geworden: Mainz 05-Trainer Klopp

          Für ihn schon, für andere geht es nur um Klopp, den charmanten TV-Prominenten, der halt zufälligerweise Fußballtrainer ist. Natürlich, auch vor zwei Jahren, nach dem Aufstieg, hätten die Medien „eine Fresse gebraucht“, jemanden zum Vorzeigen, einen, der repräsentieren und reden kann. „Aber die Verhältnismäßigkeit muß gewahrt bleiben.“ Und das tut sie momentan nicht.

          Teil einer TV-Popkultur

          Auch in Niederbayern läuft manches aus dem Ruder, etwa beim Testspiel in Ingolstadt gegen den örtlichen Regionalligaklub (1:1). Als der Schlußpfiff ertönte, stürmten mehrere Dutzend Kinder das Spielfeld, alle wollten ausschließlich Autogramme von Klopp, die völlig erschöpften Profis waren nur Statisten. Klopp ist Teil einer TV-Popkultur geworden, alle duzen und vereinnahmen ihn, er kann die Massen nicht steuern und schon gar nicht stoppen.

          Um Ruhe zu finden, müßte er sich im Hotelzimmer einschließen oder auswandern. Auch der Stadionmoderator gerierte sich als Populist, sprach von Klopp, der ja „bekannt durchs Fernsehen“ sei, und fragte tatsächlich zweimal, ob er „dem Fußball erhalten bleibe“. Einmal antwortete der Mainzer Trainer („Es muß sich keiner Gedanken machen“), als die Frage wiederholt wurde, blieb er stumm. Es geht überhaupt nicht mehr um Mainz 05, um die Bundesliga oder um Sport. Klopp ist berühmt, und das allein macht ihn zum Allgemeingut.

          Absurde Szenen einer potenzierten Popularität

          Klopp räumt ein, daß er die möglichen Nebenwirkungen und Folgen seiner Fernsehauftritte mit Meier und Johannes B. Kerner kolossal unterschätzt hat. Jetzt existieren kaum noch Anstands- und Schamgrenzen, er wird vereinnahmt, wo es nur geht. Auch beim Verbandstag des Bayerischen Fußball-Verbandes, der am Wochenende im selben Hotel stattfand, wo das Mainzer Team logiert. Klopp trat am späten Abend, nach einem 15-Stunden-Tag, als Ehrengast auf, und DFB-Präsident Theo Zwanziger erzählte, daß ihn seine Tante darum gebeten habe, den Mainzer Trainer zum nächsten Bundestrainer zu ernennen. Ein Voting der Delegierten im Saal, ob Klopp der Nachfolger von Joachim Löw werden soll, konnte gerade noch verhindert werden.

          Reichlich absurde Szenen einer potenzierten Popularität, der Klopp macht- und ratlos gegenübersteht. Als er das Gebäude verließ, bat ihn ein Funktionär, er möge doch kurz mit seiner Tochter sprechen, das Mädchen war schon am Handy. Auch diese Plauderei übernahm er noch. „Dem Mann zu erklären, warum ich so etwas normalerweise nicht tue, hätte genauso lange gedauert“, sagte er später. Wie es scheint, gibt es nur eine Fluchtmöglichkeit für Klopp: Die Bundesligasaison muß endlich beginnen, aber das dauert noch knapp drei Wochen.

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