https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/juergen-klinsmann-tritt-als-hertha-trainer-zurueck-16628272.html

Klinsmann und Hertha BSC : Der Traum vom „Big City Club“ ist ausgeträumt

  • Aktualisiert am

Ende einer kurzen Amtszeit: Klinsmann hört bei Hertha auf. Bild: EPA

Jürgen Klinsmann erklärt völlig überraschend via Facebook seinen Rücktritt als Trainer bei Hertha BSC. Der Verein wird kalt erwischt und sucht einen neuen Coach. Die erste Absage erfolgt prompt.

          3 Min.

          Nach nur elf Wochen ist Jürgen Klinsmann völlig überraschend als Chefcoach des Fußball-Bundesligaklubs Hertha BSC zurückgetreten. Der ehemalige Bundestrainer erklärte seinen Entschluss mit fehlendem Vertrauen beim Berliner Verein – und teilte seine Entscheidung via Facebook mit. „Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente“, schrieb der 55-Jährige auf seiner Facebook-Seite. Seien diese nicht garantiert, könne er sein Potential als Trainer „nicht ausschöpfen“ und „seiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden.“ Nun wolle er sich auf seine Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückziehen.

          Der Berliner Klubführung wurde von der Mitteilung völlig kalt erwischt. Die Medienabteilung hatte keine Kenntnis vom Entschluss Klinsmanns und macht daraus auch keinen Hehl. „Wir sind von dieser Entwicklung überrascht worden“, teilten die Herthaner mit. Klinsmann-Berater Roland Eitel hatte zuvor auf Anfrage des Sport-Informations-Dienstes (Sid) die Demission des ehemaligen Bundestrainers bestätigt. Hertha-Investor Lars Windhorst äußerte sich traurig über den plötzlichen Rücktritt. „Ich habe gestern von der Entscheidung erfahren. Ich bedauere diesen Schritt von Jürgen Klinsmann sehr“, sagte der Unternehmer der „Bild“-Zeitung.

          „Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen“, erklärte Herthas Sport-Geschäftsführer Michael Preetz.

          Auch die Spieler waren völlig überrascht. „Es sind seltsame Nachrichten, wir sind alle durcheinander“, sagte Mittelfeldspieler Marko Grujic nach dem Training am Dienstag. Vor der Einheit, die Assistent Alexander Nouri leitete, habe Klinsmann sein Team über die Entscheidung informiert. „Wir dachten, es geht um die Analyse des letzten Spiels. Und dann hat er es uns gesagt, dass er nicht länger Trainer ist“, berichtete Grujic. Klinsmann habe keine konkreten Gründe genannt. „Er hat gesagt, dass er diese Entscheidung treffen musste.“

          Nouri soll die Mannschaft zunächst weiter betreuen. Der frühere Bayern-Trainer und gebürtige Berliner Niko Kovac steht nach Sid-Informationen dagegen nicht zur Verfügung. Der ehemalige Hertha-Profi Kovac galt schon im November vor dem Ausscheiden von Ante Covic als aussichtsreicher Kandidat.

          Auch die Spieler waren überrascht: Berlins Interimstrainer Alexander Nouri (4.v.l) hat übernommen.
          Auch die Spieler waren überrascht: Berlins Interimstrainer Alexander Nouri (4.v.l) hat übernommen. : Bild: dpa

          Erst am 27. November hatte Klinsmann dann das Traineramt von Covic übernommen. In seiner Zeit zeigte das Team im Abstiegskampf defensiv orientierten Fußball und stabilisierte sich zumindest. Im DFB-Pokal-Achtelfinale scheiterten die Berliner vergangene Woche allerdings beim FC Schalke 04 und verloren auch in der Liga nach schwacher Leistung mit 1:3 gegen den FSV Mainz 05. In neun Bundesliga-Spielen unter dem früheren Welt- und Europameister holte das Team zwölf Zähler. „Wir waren in der relativ kurzen Zeit auf einem sehr guten Weg, haben auch dank der Unterstützung vieler Menschen trotz meist schwieriger Spiele inzwischen sechs Punkte Abstand zum Relegationsplatz“, schrieb Klinsmann.

          Vor seinem Engagement in Berlin war Klinsmann vom 29. Juli 2011 bis 21. November 2016 als Nationaltrainer der Vereinigten Staaten tätig gewesen. Hertha war von ihm immer wieder als „Big City Club“ bezeichnet worden, er wollte langfristig die auch als „Alte Dame“ bekannte Hertha in die Champions League führen. Im Januar hatte er in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ seine Planungen erklärt: „Erster Schritt: Weg vom Tabellenkeller, durchatmen. Zweiter Schritt: Nächste Saison die Europa League erreichen. Dritter Schritt: In drei bis fünf Jahren um die Meisterschaft mitspielen und in die Champions League kommen.“ Er wisse, „dass bei dieser Planung schnell das Wort 'Größenwahn' fällt. Aber mit Größenwahn hat das mal gar nichts zu tun“.

          Schon am 11. Februar war die Trainer-Ära von Klinsmann nun an der Spree beendet. Noch am Vorabend hatte er für sein Projekt geworben und im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mindestens Platz 15, also den sicheren Klassenverbleib, am Saisonende versprochen. Am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) gastieren die Berliner nun bei Schlusslicht SC Paderborn in einem wegweisenden Spiel für den Abstiegskampf. „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hertha das Ziel - den Klassenverbleib - schaffen wird“, schrieb Klinsmann auf Facebook. Er werde weiter mitfiebern.

          Der Rückzug von Klinsmann kam auch deshalb überraschend, weil Hertha auf Initiative des Trainers im Winter noch rund 78 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben hatte. Dazu gehörten die Mittelfeldspieler Lucas Tousart (25 Millionen an Lyon, bis Sommer zurückverliehen) und Santiago Ascacibar (Stuttgart/10 Millionen) sowie die Stürmer Krzysztof Piatek (Milan/27 Millionen) und Matheus Cunha (RB Leipzig/18 Millionen Euro).

          Andere Spieler wie Stürmer Davie Selke (zu Werder Bremen), Ondrej Duda (Norwich City) oder Eduard Löwen (FC Augsburg) verließen den Verein. Damit war möglicher Ärger mit Preetz programmiert, weil der Manager diese Spieler in voller Überzeugung geholt hatte. Angesichts der Personalsituation drohte auch Eigengewächs Arne Maier mit einem Klub-Wechsel, doch Preetz schritt ein und untersagte einen möglichen Verkauf.

          Möglich geworden waren die Einkäufe, weil Windhorst 225 Millionen Euro in den Verein gepumpt hatte. Windhorst war es auch, der Klinsmann als Mitglied in den Aufsichtsrat geholt hatte. Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen der Rückzug des früheren Bundestrainers auch auf das Verhältnis zwischen Hertha und Windhorst haben wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump – hier unter der Woche vor dem Trump Tower in New York – hat die Opferrolle einstudiert.

          Geheime Dokumente : Trump steht nicht über dem Gesetz

          74 Millionen Amerikaner hielten Trump 2020 die Treue. Bidens Staatsanwälte werden die wenigsten von ihnen umstimmen – im Gegenteil. Doch darauf darf die Justiz keine Rücksicht nehmen.

          F.A.Z. exklusiv : Das halten deutsche Fußball-Fans von „Equal Pay“

          Die Debatte um die Zukunft des Fußballs der Frauen hat eine neue Grundlage: In einer repräsentativen Umfrage plädieren 59 Prozent für eine Angleichung der Erfolgsboni beim DFB – noch wichtiger sind den Fans aber andere Veränderungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.