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Jürgen Klinsmann : Leere Versprechungen

  • -Aktualisiert am

Weiter umstritten: Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann Bild: ddp

Jürgen Klinsmann wollte beim FC Bayern vom Reformer zum Trainer werden. Er machte vieles anders - und viele Fehler. Das Projekt steht auch nach dem 4:0-Sieg gegen Frankfurt auf der Kippe. Die Gründe sind vielfältig.

          Ganz im Innersten bereut Jürgen Klinsmann womöglich diesen einen Satz, der ihm immer wieder und nach den beiden desaströsen Auftritten des FC Bayern München in Wolfsburg und Barcelona erst recht vorgehalten wird. „Ich will jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen“, hatte der Trainer bei seinem Amtsantritt verkündet. Nun, zehn Monate später, ist jedoch kein einziger Spieler besser geworden, kaum einer so gut wie im Jahr zuvor - und die meisten sogar schlechter. Klinsmann hatte sich viel Ruhm als Bundestrainer erworben, weil es ihm gelungen war, innerhalb von zwei Jahren aus einem Scherbenhaufen ein Team mit Perspektive zu formen. Aber die sporadische Arbeit mit dem DFB-Team ist nicht zu vergleichen mit dem Alltagsgeschäft eines Klubtrainers, zudem übernahm Klinsmann in München eine funktionierende Mannschaft.

          Es gab nicht mehr viel zu reformieren

          Aber der ehemalige Nationalstürmer ist keiner, der gerne etwas fortführt, er sieht sich vielmehr als Reformer. Aber bei den Bayern gab es nicht mehr so viel zu reformieren. Auf dem Platz hatte der Umbruch schon stattgefunden. Der Verein war am Ende der vorigen Saison national wieder das Nonplusultra und auch spielerisch auf einem guten Weg, vor allem dank der Neuzugänge Ribéry und Toni. Um aber auch in der Champions League wieder in die Phalanx der Großen vorzustoßen, musste das Spiel nach vorne noch schneller, noch direkter werden. Dafür verpflichteten die Verantwortlichen Klinsmann.

          Amtsantritt: „Jeden Spieler ein bisschen besser machen”

          Der aber wollte nicht nur punktuelle Veränderungen, vielmehr war beim FC Bayern nach seinem Antritt nichts mehr wie zuvor. Aus dem Trainingsgelände wurde ein Leistungszentrum, statt zwei oder drei Trainer waren plötzlich fünf oder sechs auf dem Platz. Die Profis sollten sich auch außerhalb des Fußballs weiterentwickeln, bekamen Sprachkurse und Yogastunden angedient. Außerdem durften die Spieler die Nacht vor Heimspielen im eigenen Bett schlafen. Sie wüssten schon, wann man an so einem Abend ins Bett gehe, glaubte Klinsmann. Der eine oder andere wusste es aber nicht, und deshalb wurde das Trainingslager bald wieder eingeführt, die Kurse mangels Nachfrage wieder abgeschafft.

          Funkstörungen zu van Bommel, van Buyten und Rensing

          Auf dem Platz wollte Klinsmann die gewünschte Offensivoptimierung im Sauseschritt bewerkstelligen, und dabei unterliefen ihm folgenschwere Fehler. Taktisch und personell. Er stellte von einer im Jahr zuvor gut funktionierenden Vierer- auf eine Dreierkette um, obwohl viele Nationalspieler wegen des verlängerten Urlaubs nach der EM noch mit Trainingsdefiziten kämpften. Nach der ersten Blamage der Saison, dem 2:5 gegen Bremen im September, gab er das Modell wieder auf.

          Weil er Mark van Bommel nicht zutraute, den Ball schnell genug weiterzuspielen im Mittelfeld, setzte er ihn auf die Bank - und das, nachdem er ihn ein paar Wochen zuvor zum Kapitän ernannt hatte. Klinsmann unterschätzte das hohe Ansehen des Niederländers im Kader. Van Bommel kehrte zurück ins Team, aber Klinsmann hatte einen Verbündeten verloren. Auch zu Daniel van Buyten und Michael Rensing dürfte es inzwischen Funkstörungen geben. Dem Verteidiger hatte er im März einen Einsatz versprochen, ihn aber auf die Bank gesetzt. Torwart Rensing sicherte er gegen Frankfurt eine Rückkehr in die Startelf zu, nachdem er ihn in Barcelona durch Jörg Butt ersetzt hatte - Versprechen ohne Wert.

          Ohne die alte Souveränität

          Auch die Zweifel am taktischen Geschick des Trainers wuchsen zunehmend. Selbst als es am Ende der Vorrunde gut lief, gab es hinter vorgehaltener Hand Kritik, die in der Rückrunde noch etwas lauter wurde. Ein paarmal musste Klinsmann auf Wunsch von ganz oben und der Mannschaft eine Kurskorrektur vornehmen. Mittlerweile spielen die Bayern zwar wieder das unter Ottmar Hitzfeld bewährte System, aber meistens ohne die alte Souveränität. Dass die Mannschaft schon am Ende der Hinrunde mehr Gegentore kassiert hatte als in der gesamten vergangenen Saison, liegt an der allgemeinen Verunsicherung, die der Fokus auf die Offensive auslöste.

          Klinsmann bewies bisher zu wenig Gespür für das richtige Personal. Er ließ den jungen Marcell Jansen ziehen und holte den in die Jahre gekommenen Massimo Oddo. Und das Geld für den in der Winterpause für drei Monate verpflichteten und vom Trainer hochgelobten Landon Donavan hätten sich die Münchner besser gespart.

          Mehr als ein Projektleiter

          Zudem fehlt Klinsmann die Fähigkeit, situativ zu reagieren. Wenn die Mannschaft zurücklag, hatte er mit seinen Einwechslungen selten ein glückliches Händchen. Seine Wechselpolitik hat wohl auch mit der Unerfahrenheit zu tun. Bei der Nationalmannschaft stand ihm Joachim Löw mit Rat und Tat zur Seite, bei den Bayern ist es der unbekannte Martin Vasquez, der bisher nur in den Vereinigten Staaten und Mexiko gearbeitet hat.

          Dass Klinsmann bei der Wahl seines ersten Assistenten keinen Wert auf Kenntnis des deutschen oder wenigstens europäischen Fußballs legte, war ein Fehler. Er sah sich nach zwei Jahren Nationalmannschaft nicht mehr nur als Projektleiter, sondern eine Stufe höher als Trainer. In dieser für ihn neuen Funktion ist er nun gescheitert.

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