https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/jude-bellingham-anzeige-nach-kritik-an-schiedsrichter-zwayer-17668584.html
Bildbeschreibung einblenden

Aufregung um Schiedsrichter : Strafanzeige nach dem Spitzenspiel

Wenn Blicke alles sagen: Der entsetzte Jude Bellingham kann nicht glauben, dass Schiedsrichter Felix Zwayer auf den Elfmeterpunkt zeigt. Bild: Imago

Dem atemraubenden Duell zwischen Dortmund und Bayern folgt ein Abstieg in die Abgründe des Sports. Ein BVB-Profi erinnert daran, dass Schiedsrichter Felix Zwayer einst in den Hoyzer-Skandal verwickelt war. Das könnte Folgen haben.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Als die Beteiligten noch erfüllt waren vom Adrenalin eines wahrlich wilden Rittes durch die weite Welt der Fußballgefühle, ahnte noch niemand, wie weit die Debatten über den Schiedsrichter Felix Zwayer am Sonntag noch gehen würden. Nachdem im Stadion, in den Wohnzimmern und in den Fernsehstudios ausgiebig über einen streitbaren Elfmeterpfiff des Unparteiischen debattiert worden war, berichtete am Sonntag zuerst die „Bild“-Zeitung von einer Strafanzeige, die der für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) arbeitende Schiedsrichter-Beobachter Marco Haase gegen Jude Bellingham gestellt hat.

          Bundesliga

          Der junge Engländer hatte nach der 2:3-Niederlage gegen den FC Bayern beim skandinavischen Streamingdienst Viaplay gesagt: „Man gibt einem Schiedsrichter, der schon mal Spiele verschoben hat, das größte Spiel in Deutschland. Was erwartest du?“ Am Sonntagmorgen war das Video mit den kurzen Sätzen fast zwei Millionen Mal abgerufen worden. Der Imageschaden ist nicht nur für Zwayer gewaltig. Die ganze Bundesliga steht nach diesem Spiel im Ruf, nicht nur sportlich langweiliger zu sein als andere Wettbewerbe, sondern auch noch unseriöser.

          Tatsächlich war Zwayer in den berühmten Hoyzer-Skandal im Jahr 2005 verwickelt, er hatte vor einer Partie zwischen Wuppertal und Werder Bremen II 300 Euro angenommen, verbunden mit der Bitte, als Linienrichter „kritische Situationen für den Wuppertaler SV zu vermeiden“. Das steht in einem Urteil des DFB-Sportgerichts.

          In den Abgründen des Sports

          Inzwischen ist Zwayer rehabilitiert. Weil Bellingham nun diese alte Sache hervorgekramt hat, könnte ein Verfahren wegen Beleidigung, Nachrede und Verleumdung eröffnet werden, auch der DFB-Kontrollausschuss ermittelt. Damit ist dieses Spiel, das eine Stunde lang atemraubend schön gewesen war, endgültig in den Abgründen des Sports angekommen.

          „Ich würde gerne mehr über Fußball reden. Ich habe ein richtiges Spitzenspiel gesehen, es ging hoch, runter, mit Chancen auf beiden Seiten“, sagte Marco Rose, als er noch nichts von der Bellingham-Wendung wusste. Von einer Vorentscheidung im Titelkampf mochte der Dortmunder Trainer nicht sprechen: „Die Saison ist noch lang“, die beiden besten Teams der Liga hätten „schon auf Augenhöhe agiert“, obgleich der BVB „einfach besser werden“ müsse, „um dauerhaft da oben reinzuriechen“.

          Die Defensive lässt viel zu viele gegnerische Chancen zu, aber dieses Thema ist etwas für ruhigere Tage. Nun ging es um die Schiedsrichter, die zum Ärger der Dortmunder nach einem Zweikampf zwischen Lucas Hernández und Marco Reus im Münchner Strafraum beim Stand von 2:2 nicht einmal eine Überprüfung in der Review Area vornahmen.

          Hier hatte Zwayer „einen Kontakt im Oberkörperbereich“ gesehen, „da darf Kontakt stattfinden“, sagte er später. Eine Argumentation, die Jochen Drees, Projektleiter für den Videobeweis, am nächsten Tag stützte. Dass Hernández Reus’ Oberkörper mit seinem Arm und seiner Hand gestoßen und überdies noch ein Kontakt am Bein stattgefunden hatte, übersahen aber sowohl Zwayer als auch Tobias Welz, sein Assistent in Köln.

          Die Dortmunder waren sich einig, dass Hernández Reus eindeutig gefoult hatte, selbst der Münchner Trainer Julian Nagelsmann sagte: „Es gab schon Schiedsrichter, die das gegeben hätten.“ Aber diese Szene, die man wohl auch auf eine Abseitsstellung von Haaland hätte untersuchen müssen, wäre keine große Sache gewesen, wenn nicht die andere Entscheidung gefallen wäre, in der ein Grundproblem der Schiedsrichter bei ihrer Arbeit mit den Bildern erkennbar wurde.

          Nach einem Handspiel von Mats Hummels im eigenen Strafraum betrachtete Zwayer in der Review-Area immer wieder einen kleinen Ausschnitt der Situation, vorwärts und rückwärts. Zu sehen war, wie Hummels sich in die Flugbahn des Balles hineinbewegt, der ihm dann auf den tatsächlich recht weit abgespreizten Arm fällt. Der Videoassistent habe ihm gesagt, „dass Hummels den Arm in einer unnatürlichen Haltung vom Körper weggestreckt hat und am Ende den Ball deutlich mit dem Ellenbogen abwehrt“, berichtete Zwayer später.

          Genau das schienen die Bilder zu bestätigen. Rose jedoch hatte die ganze Situation vor Augen, als er sagte: „Das geht los mit der Hand von Thomas Müller auf Mats Hummels, Mats versucht sich dadurch ein Stück weit zu schützen, was sehr natürlich ist, kommt ins Straucheln, sieht den Ball gar nicht mehr, taucht irgendwohin ab, und dann fällt ihm der Ball auf die Hand.“

          Hätte Zwayers Assistent einen Ausschnitt der Situation gezeigt und diesen mit den zweifellos zutreffenden Worten Roses beschrieben, wäre die Entscheidung sehr wahrscheinlich anders ausgefallen. Mit der Aussage, Hummels habe den Ball „deutlich mit dem Ellenbogen abgewehrt“, erweckten die Schiedsrichter stattdessen den Eindruck, der Verteidiger habe in fester Absicht agiert. Die Frage nach dem Motiv für ein Handspiel soll ja seit Saisonbeginn im Zentrum der Abwägungen stehen. Um dem Abwehrchef in dieser Szene Absicht zu unterstellen ist jedoch eine ordentliche Portion Fantasie erforderlich.

          In jedem Fall haben die Dortmunder Gründe, sich wieder einmal in einem Spiel gegen München ungerecht behandelt zu fühlen. Wie schon beim für den Meistertitel elementar wichtigen Duell im Frühjahr 2020, als die Bayern viel Glück hatten, weil die Videoschiedsrichter ein sehr klares Handspiel von Jerome Boateng im eigenen Strafraum übersehen haben. Bellinghams Behauptung, dass etwas schief- läuft mit den Schiedsrichtern, wenn der BVB gegen die Bayern spielt, hat eine Vorgeschichte, und wahrscheinlich wird sie auch ein Nachspiel haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen