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Fußball-Bundesliga : Ein Schalker Überraschungscoup

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Bisher noch nicht wirklich aus der Masse herausgestochen: Jochen Schneider (rechts), neuer Sportvorstand des FC Schalke 04 Bild: Picture-Alliance

Jochen Schneider wird Nachfolger von Christian Heidel als Sportvorstand bei Schalke 04. Für viele ist die Personalie erstaunlich. Auf den 48-Jährigen kommen nun schwierige Aufgaben zu.

          Der alte Schalker Sportvorstand Christian Heidel hatte sich schon in seinen Mallorca-Urlaub verabschiedet, als der letzte große Transfer vollzogen wurde, der die Handschrift des zurückgetretenen Funktionärs trug. Heidel ist ein großer Freund der Diskretion, diese Eigenart auf den traditionell fiebernden Standort Schalke 04 übertragen zu haben, zählt zu den Errungenschaften des 55 Jahre alten Mainzers. Am Dienstagnachmittag haben die Schalker nun bekannt gegeben, dass Jochen Schneider Heidels Amt übernehmen wird, nicht einmal ganz leise Gerüchte hatten auf diesen Coup hingedeutet. Es ist kein Geheimnis, dass Heidel an der Suche nach seinem Nachfolger beteiligt war. Clemens Tönnies, der Aufsichtsratschef des FC Schalke 04, bezeichnete seine neue, aber der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannte Führungskraft als „erfahrenen Fußballfachmann, der über ein erstklassiges Netzwerk im nationalen und internationalen Profifußball verfügt“, und verkündete, dass Schneiders erste Aufgabe darin nun bestehe, einen Sportdirektor zu suchen.

          Tatsächlich hat Schneider viel erlebt im nationalen Spitzenfußball; 16 Jahre lang lernte und arbeitete der Betriebswirt beim VfB Stuttgart, wo er unter anderem mit Felix Magath, Armin Veh, Horst Heldt und Fredi Bobic zu tun hatte. 2007 wurde er mit den Schwaben deutscher Meister, 2015 wechselte er zur Red Bull GmbH, zunächst als „Leiter Global Soccer“, wo er für die weltweiten Fußball-Engagements des Unternehmens zuständig war. Vor eineinhalb Jahren wurde er „Leiter Sport und Internationalisierung“ bei RB Leipzig. Mit dem Wechsel nach Gelsenkirchen ist er nun an einem vorläufigen Karrierehöhepunkt angelangt.

          Personalwechsel an neuralgischer Stelle

          Der FC Schalke vollzieht nicht nur einen Personalwechsel an einer neuralgischen Stelle im Organigramm, zugleich wird eine überfällige strukturelle Maßnahme ergriffen. Schon im vorigen Sommer hatte Heidel ja angeregt, einen zweiten Experten für Transfers und engen Begleiter des Alltags von Trainer und Mannschaft einzustellen. Es hatte Gespräche mit dem damals noch für Bayer Leverkusen arbeitenden Jonas Boldt gegeben, wohl deshalb galt Boldt bis Mittwoch als möglicher Erbe Heidels. Nun wird spekuliert, ob Schneider den ehemaligen Leverkusener als Sportdirektor nach Schalke holt, was aber als eher unwahrscheinlich gilt. Schließlich fühlen sich sowohl Boldt als auch Schneider nicht sehr wohl als Figuren im Rampenlicht der Öffentlichkeit.

          Hier liegt der Grund dafür, dass Schneider seinen größten öffentlichen Auftritt lange vor seiner Karriere im professionellen Fußball hatte. Im Alter von 17 Jahren war er Kandidat in der TV-Sendung „Wetten, dass ...“, wo er 100 Tennisbälle betrachtete und anfasste und später fünf hinzugefügte Bälle identifizierte. Damit wurde er sogar Wettkönig. Beim FC Schalke 04 soll nun der neue Sportdirektor einen Großteil der Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Im Gespräch sind Thomas Linke, der im Moment den FC Ingolstadt berät, und der langjährige Dortmunder Chefscout Sven Mislintat, der den FC Arsenal London im Januar nach nur 14 Monaten wieder verlassen hat.

          Eine Frage bleibt

          Aber vielleicht ziehen die Schalker abermals einen unerwarteten Kandidaten aus dem Hut, wobei die Frage bleibt, warum der Klub sich nicht schon viel früher mit zusätzlicher Sportkompetenz verstärkt hat. Zuletzt hatten immer mehr Klubs auf dieser Ebene aufgerüstet. Beim BVB wurde mit Sebastian Kehl ein Mitarbeiter auf dem neu geschaffenen Posten des Leiters der Lizenzspielerabteilung installiert, beim VfL Wolfsburg hat sich Sportvorstand Jörg Schmadtke den ehemaligen Spieler Marcel Schäfer als Sportdirektor hinzu geholt, in Frankfurt arbeitet Vorstand Fredi Bobic eng mit Bruno Hübner zusammen, sogar bei einem kleinen Klub wie dem SC Freiburg teilen sich Jochen Saier und Clemens Hartenbach das komplexe Aufgabengebiet zwischen Transfers, konzeptioneller sportlicher Weiterentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Steuerung des Bundesliga-Alltags.

          Auf die Frage, warum er in Frankfurt so viel erfolgreicher arbeite als zuvor in Stuttgart, nannte Bobic jüngst gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ einen „entscheidenden Unterschied“: Er habe in Hübner einen Teammanager an seiner Seite, „anders würde es auch gar nicht mehr funktionieren. Die Aufgaben eines Sportchefs sind so vielfältig geworden, dass du das alleine gar nicht mehr bewerkstelligen kannst.“ Ganz offensichtlich entsteht gerade ein neues Berufsbild, das von Klub zu Klub sehr unterschiedlich profiliert sein kann. Heidel hatte in Axel Schuster zwar einen engen Mitarbeiter, der aber eher ein Organisator für die kleinen Dinge des Alltags ist und „kein Sportdirektor“ sei, wie Heidel sagt.

          Wie lange Schuster seinen Job auf Schalke noch ausüben wird, ist unklar. Hier gilt Gerald Asamoah als Nachfolgekandidat. Angeblich findet Tönnies das Modell mit einem Held der Vergangenheit ganz nah am Team attraktiv. In jedem Fall sind die sportlichen Leitungen vieler Vereine gerade mächtig in Bewegung, was sich gut an den jüngsten Entlassungen erkennen lässt. Innerhalb weniger Tage mussten nach sportlichen Krisen sowohl in Stuttgart als auch in Nürnberg und Gelsenkirchen mit Michael Reschke, Andreas Bornemann und nun Heidel die Sportvorstände ihre Posten räumen, während zumindest in Stuttgart und Schalke die Trainer weiter arbeiten durften.

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