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Nach dem Sieg im Gipfeltreffen : Der neue „Kaiser“ heißt Boateng

Gut gemacht, Großer! Jerome Boateng (l.) nimmt die Glückwünsche der Kollegen entgegen Bild: AP

Zwar schossen die Angreifer Müller, Lewandowski und Götze den FC Bayern zum deutlichen 5:1 über Borussia Dortmund. Der wichtigste Offensiv-Mann der Münchner war diesmal jedoch ein Verteidiger.

          Tausende Zuschauer waren noch gar nicht wieder auf ihren Plätzen in der Münchner Arena, und viele, die es waren, hatten trotzdem nicht gesehen, warum der Ball ein paar Sekunden nach der Pause schon wieder im Tor lag. In diesem Moment, beim 3:1 durch Robert Lewandowski, kurz nach 18.30 Uhr am Sonntagabend, war das Spitzenspiel der Bundesliga praktisch entschieden – und vielleicht auch, am achten von 34 Spieltagen schon, die deutsche Meisterschaft der Saison 2015/16.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Das dritte Tor machte den Unterschied“, fand Bayern-Trainer Pep Guardiola. Der Mann, der in dieser 46. Minute dafür von den eigenen Kollegen noch intensiver gefeiert wurde als der Torschütze fünfzig Meter weiter vorn, war in einer Mannschaft voller Star-Angreifer und Torjäger wie Lewandowski, Müller, oder Götze der wichtigste Offensiv-Mann beim 5:1-Erfolg über den großen und noch nie so deutlich geschlagenen Rivalen dieses Jahrzehnts. Und der unerwartetste: Jerome Boateng.

          Nur selten hinterher: Boateng im Laufduell mit Aubameyang Bilderstrecke

          Seit eineinhalb Jahren war dem Innenverteidiger keine Torvorlage in der Bundesliga mehr gelungen - und nun „gleich zwei, das ist ja schon etwas Besonderes für einen Verteidiger“, wie Thomas Müller anmerkte. Boateng hatte ihn nach 25 Minuten mit einem langen Steilpass über alle Dortmunder hinweg bediente. Es war das 1:0, es öffnete den Bayern die Tür. Und dann lieferte Boatengs „freier Fuß“, wie es der konsternierte Dortmunder Trainer Thomas Tuchel nannte, den noch längeren Ball genau auf den Fuß von Lewandowski. Den Ball, der die Tür schloss – für die Dortmunder.

          Müller verriet nach dem Spiel lachend den neuen Spitznamen des Innenverteidigers: „Kaiser“. Aber hat Franz Beckenbauer wirklich solche „Sechzig-Meter-Pässe über zehn Gegenspieler hinweg“ gespielt, wie Tuchel es, entsetzt über „unsere wahnsinnige Unaufmerksamkeit nach diesen langen Bällen“, beschrieb? Für ihn war diese Art Gegentor „eines der bittersten, die du kriegen kannst“. Es war ein Stilmittel, das Tuchel im Fußball-Baukasten Guardiolas, den er schon in dessen Barcelona-Zeit bewunderte, wohl nicht vermuten konnte.

          Laut Müller war das auch nicht vom Trainer so geplant, sondern von den Spielern so improvisiert. „Dortmund stand sehr hoch, fast an der Mittellinie. Deshalb war es schwer, die kurzen Pässe zu spielen. Jerome und ich haben uns kurz angeschaut“, sagte er über das 1:0. „Ich habe den Laufweg gesehen, er hat die Lücke gesehen. Wenn ein Raum da ist, dann nutzt man ihn auch.“ Da müsse man „intuitiv handeln“, so der auch für sich selbst meist unberechenbare Müller. „Aber grundsätzlich steht ein Plan dahinter.“

          Der Plan der Dortmunder war es, den Bayern die Wege im Zentrum, zu ihrem Kombinationsspiel zu verbauen, das gelang einigermaßen. Aber gegen die Offensivmacht dieses Gegners, gegen die Planung seines Trainers und die Intuition seiner Spieler ist jede derartige taktische Entscheidung eine zwischen Pest und Cholera. Wer Räume verschließt, öffnet sie woanders - in diesem Fall hinter der letzten Abwehr-Linie und dem Torwart. Den Raum, den Boateng fand.

          Der Stil der beiden Teams hat sich unter Tuchel angenähert, weil die Dortmunder mehr mit Ballbesitz agieren. Aber nun haben die Bayern sie mit ganz anderen Mitteln geschlagen, mit zwei langen Bällen, mit einem „schlecht verteidigten Konter inklusive einem billigen Elfmeter“, so Tuchel. Und erst danach, als es schon gelaufen war, wurden sie dann auch noch in echter Guardiola-Art ausgespielt - ausgerechnet von Spielern, die sie einst selbst ausbildeten, von Götze, der Lewandowski zum 4:1 bediente und zum 5:1 selbst traf.

          Wer soll eine Mannschaft aufhalten, die Torjäger wie Lewandowski und Müller hat, die nun zusammen zwanzig Saison-Tore in der Liga erzielt haben - und denen selbst ein Mann aus der letzten Reihe über sechzig Meter hinweg die Vorlagen liefern kann? Gibt es also eine Mannschaft, die die Bayern stoppen kann? Diese große Frage wurde Tuchel nach dem Spiel gestellt. Er lächelte. Seine Antwort: „Nein, natürlich nicht. In der Summe ist es zu gut.“

          Dem Kollegen Guardiola war es noch nicht gut genug. „Wir haben in der Schlussphase die Kontrolle verloren, da hat jeder ein bisschen für sich selbst gespielt“, meinte. „Ein 5:1 ist gut, aber wir haben immer noch viele Fehler gemacht. Wir müssen sie korrigieren.“

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