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Jens Lehmann und Rassismus : Ein Rauswurf, der nichts kostet

Jens Lehmann Bild: dpa

Wie weit der Fußball in der Rassismus-Frage vorangekommen ist, zeigt nicht die Trennung von Jens Lehmann. Dafür braucht es einen Fall anderer Strahlkraft. Doch es gibt ein wirklich gutes Zeichen.

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          Jens Lehmanns Versuch, zu retten, was nicht mehr zu retten war, sah so aus: Ein Schwarzer, der Quote bringt – das ist doch eigentlich etwas Positives. So jedenfalls, gewissermaßen als Kompliment für fachkundige Arbeit, sei die Whatsapp-Nachricht gemeint gewesen, die er an Dennis Aogo geschickt hatte, offenbar aus Versehen. Aogo, früherer deutscher Nationalspieler und derzeit TV-Experte beim Sender Sky, hatte das allerdings ganz anders empfunden, als er Lehmanns Nachricht zu später Stunde am Dienstagabend erhielt und sich entschloss, den Beitrag über seinen Instagram-Kanal offenzulegen: „Ist Dennis eigentlich euer quotenschwarzer?“

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          Weder der Smiley, der sich vor dem Fragezeichen fand, noch Lehmanns Entschuldigungs-Tweet oder die via Bild-Zeitung nachgereichte Erklärung, er habe sich „unglücklich ausgedrückt“, machte daran irgendetwas besser. Ein bisschen semiotisches Augenzwinkern, ein bisschen relativierendes „war nicht so gemeint“ – das sind gängige Muster, um mit etwas durchzukommen, wofür es ein Wort gibt, das klar benennt und nichts kaschiert: Alltagsrassismus.

          Bei der Frage, was rassistisch ist und was nicht, hat sich der Blick in der öffentlichen Debatte zuletzt erkennbar gewandelt: Die Perspektive des Empfängers ist gegenüber der des Senders in den Vordergrund getreten. Das ist, bei aller Notwendigkeit, im Einzelfall zu differenzieren, Ausdruck einer Entwicklung in die richtige Richtung. Zu der hat in einem größeren Kontext auch der Sport beigetragen: durch die Proteste in den Vereinigten Staaten, eine Welle, deren Ausläufer hier noch stark genug waren, um alte Denk- und Interpretationsmuster zu unterspülen.

          Ob der umstandslose Rauswurf Lehmanns als Berater und Aufsichtsrat bei den Berlinern Ausdruck dieses neuen Bewusstseins ist? Es wäre zu wünschen angesichts des langen Anlaufs bei diesem gerade im Fußball über Jahrzehnte an den Rand gedrängten Thema. Allerdings lag wohl eher etwas anderes zugrunde: die Null-Toleranz-Logik eines global operierenden Wirtschaftsbetriebs, der Tennor Group von Investor Lars Windhorst. Hinzu kommt, dass dessen Gesandter Lehmann, obwohl gewiss kein Leistetreter, bislang keine erkennbaren Spuren im märkischen Sand hinterlassen hatte.

          Man könnte es deshalb auch so formulieren: Lehmann, der sich selbst vermutlich als Leuchte sieht, war in diesem Fall ein kleines Licht, für eine Trennung musste niemand ein Opfer bringen, auch nicht die Sender Sky und Sport 1, die ihn zur Persona non grata erklärten. Wie weit der Fußball in der Rassismus-Frage wirklich vorangekommen ist, wäre erst bei einer anderen Strahlkraft zu erkennen. Im Fall Clemens Tönnies etwa stand tatsächlich etwas auf dem Spiel. Damals wand sich der Fußball, aber er kam noch einmal auf die alte Tour durch. Dass man sich das heute, knapp zwei Jahre später, kaum mehr vorstellen kann, ist das wirklich gute Zeichen.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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