https://www.faz.net/-gtm-10xya

Jens Lehmann : Der Frust des großen Vorbilds

  • -Aktualisiert am

Immer wieder für Aufregung gut: Stuttgarts Torwart Jens Lehmann Bild:

Wie geht es weiter mit Jens Lehmann? Der VfB Stuttgart würde gerne mit dem Torwart-Dino verlängern. Doch dieser macht keinen glücklichen Eindruck, weil es auch für ihn derzeit nicht läuft. Nun gibt es einige zu beantwortende Fragen.

          Seinen Geburtstag wird Jens Lehmann wohl im Örtchen Berg am Starnberger See verbringen. Er wird am Montag 39 Jahre alt, und es gehört zu den Privilegien des ehemaligen Nationaltorwarts, nach Spielen am Wochenende - wie an diesem Sonntag bei Eintracht Frankfurt (17.00 Uhr / Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) - das Regenerationstraining auslassen zu dürfen. Dies Stückchen Freiheit hat sich Lehmann beim VfB Stuttgart in den Vertrag schreiben lassen. Der kleine Passus war ein Zugeständnis der Schwaben, den sich auch seine Ehefrau gewünscht hatte, die mit den drei Kindern in Bayern lebt. Lebensmittelpunkt, das legte die Familie vor ihrem Umzug aus London fest, sollte nämlich der Starnberger See sein. In Stuttgart haben die Lehmanns nur eine Wohnung angemietet.

          Unter diesen Bedingungen stand der Rückkehr in die Bundesliga nichts im Wege – als Abschluss der Karriere, die beim FC Schalke 04 begann, Lehmann über den AC Mailand, Borussia Dortmund und FC Arsenal im Sommer zum VfB Stuttgart führte. Allein sein Name löste eine Welle der Begeisterung im Umfeld des Klubs aus, und auch der Torwart hatte sich vorgestellt, noch einmal die Großen der Branche herauszufordern, noch einmal seine internationale Erfahrung in die Waagschale zu werfen, um ganz oben mitzuspielen. Von den ehrgeizigen Plänen aber ist im Herbst 2008 wenig übrig.

          Im Januar öffnet sich das Lehmannsche „Zeitfenster“

          Der Klub zeigt Leistungsschwankungen, die sogar das erfahrene Vorbild Lehmann erfassen. Und wenn Ausraster auf dem Spielfeld, wie der Tritt gegen den Kölner Roda Antar vor einer Woche, als Zeichen der Gemütsverfassung eines Profis taugen, darf man beim gebürtigen Essener einen erhöhten Frustpegel feststellen. Zuvor schon gab sich Lehmann nicht von seiner besten Seite: Beim 0:3 in Dortmund zeigte er Schiedsrichter Felix Brych den „Vogel“, weil der ein Foul an ihm nicht ahndete. In Hamburg beim 0:2 warf er den Ball nach David Jarolim, um diesen für eine „Schwalbe“ zu strafen. Währenddessen schweigt der gereizte Torwart zu seiner Zukunft in der Bundesliga. Aus Klubkreisen verlautet, es gäbe ein „Zeitfenster“ im Januar, in dem verkündet wird, ob man sich einen neuen Torwart suchen muss oder Lehmann wenigstens in anderer Position für den schwäbischen Klub aktiv wird.

          „Wir haben elf Spiele gemacht und fünf davon verloren. Ich finde das happig. Das ist zu viel”

          Dass sich die Stuttgarter einen erstklassigen Keeper an Land gezogen haben, steht außer Frage. Zudem vergeht kaum einmal eine Woche, in der nicht irgendeiner der Würdenträger des Klubs den Wunsch ausspricht, Lehmann möge doch bitte noch ein weiteres Jahr bleiben. Lehmann gilt als Vorbild, was Trainingsvorbereitung und Einstellung angeht. Vor den Einheiten oder danach, manchmal beides, spult er sein Zusatzprogramm ab. Ein Zugeständnis an das fortgeschrittene Fußballeralter und an das eigene Gefühl, das genau mitteilt, was der Körper braucht.

          „Das könnte auch für mich interessant sein“

          Trotzdem gibt es genug zu überlegen und zu besprechen, weitere frustrierende Erlebnisse abzustreifen wie der „emotionale Rückschlag“, als Löw anordnete, das Testspiel in der übernächsten Woche gegen England in Berlin nicht zum Abschiedsspiel einer verdienten Kraft machen zu wollen. Der zurückgewiesene Kandidat hätte sich nach 61 Länderspielen mit dem Höhepunkt der Weltmeisterschaft 2006 ein Abschiedsspiel sehnlich gewünscht. Er habe Oliver Kahns Abschiedsparty „sehr schön“ gefunden.

          Beim Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, ließ Lehmann den Hinweis fallen, „dass das auch für mich interessant sein könnte“. Doch sein Stuttgarter Trainer Armin Veh glaubt, der Korb von Bundestrainer Löw werde Lehmann nicht umwerfen, und erinnerte den DFB an einen fairen Umgang mit seinen Leistungsträgern. Schließlich sei Lehmann von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff ein Abschiedsspiel versprochen worden. Der Torwart, der dazu schweigt, soll durchaus getroffen sein von Löws Absage, berichten Insider.

          „Fünf Niederlagen? Ich finde das happig. Das ist zu viel“

          Was den guten Bekannten von Oliver Bierhoff zusätzlich belastet und seine Entscheidung übers Karriereende genau abwägen lässt, ist neben der Trennung von der Familie die sportliche Zukunft der Schwaben. Die obersten drei Plätze in der Tabelle, die zu einer Teilnahme an der Champions League berechtigen würden, könnte die Elf nur noch mit einer beeindruckenden Siegesserie erreichen. „Wir haben elf Spiele gemacht und fünf davon verloren. Ich finde das happig. Das ist zu viel“, sagte Lehmann und wunderte sich über manche Aussage seiner Kollegen, die das Team nicht in einer sportlich schwierigen Phase oder gar Krise sehen.

          Lehmann, so meinen Experten, werde nicht mit der Wünschelrute durch Stuttgart spazierengehen, um seine Entscheidung zu treffen. Auch die Trainerfrage könnte eine Rolle spielen. Bisher ist unklar, ob Armin Veh im Winter verlängert – und sich mit den Millionen aus einem möglichen Verkauf von Stürmerstar Mario Gomez neue Perspektiven entwickeln könnten. Dessen Abgang wird für den Sommer erwartet, weil der Torjäger den nächsten Karriereschritt bald hinter sich bringen wolle.

          Lehmann oder Kahn? Wer landet bei Bayern München?

          Schließlich käme für Lehmann ein Job im Umfeld der Bayern-Mannschaft – neben dem ehemaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der ihn stets gefördert hatte – in Frage. Der Torwart würde wohl nicht lange überlegen. Von 1992 bis 1998 belegte er mehrere Semester Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster, er verfügt zumindest über Management-Basiswissen. Der Reisestress fiele weg, er würde wie andere aus der Bayern-Familie einen kürzeren Weg zur Arbeit haben.

          In München aber ist kaum abzusehen, wann Manager Uli Hoeneß seinen Posten räumt. Als Kandidat für die Führungsetage wird nun öfter der Name seines langjährigen Torwart-Rivalen Oliver Kahn gehandelt, den man Lehmann sicher vorziehen würde. Deshalb bleibt dem VfB Stuttgart doch etwas Hoffnung, dass Lehmann seine Wohnung in Stuttgart doch noch länger behält.

          Weitere Themen

          Zeit für einen Torwartwechsel?

          Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

          Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.

          Neuer not amused

          Nach ter-Stegen-Aussagen : Neuer not amused

          „Auch wir Torhüter müssen zusammenhalten“: Manuel Neuer hat sich kritisch gegenüber Marc-André ter Stegen geäußert. Der Nationalmannschaftskollege vom FC Barcelona hatte sich zuvor frustriert über seine Ersatzrolle gezeigt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.