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Union-Trainer Jens Keller : „Das kann eine ganz große Welle werden“

Jens Keller mit nüchternem Blick: In den vergangenen Spielen hat seine Mannschaft plötzlich Druck verspürt. Bild: dpa

Union Berlin kämpft um den Bundesliga-Aufstieg. Trainer Jens Keller spricht über den Unterschied zwischen positivem Berliner und negativem Schalker Druck – und die Begeisterung, die diesen besonderen Hauptstadtverein trägt.

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          Vor gut einem Jahr saßen wir zuletzt zusammen, Sie waren damals lange ohne Verein und beklagten, dass Trainer immer mehr zu Schauspielern würden. Nun könnte Ihnen mit Union Berlin der Aufstieg in die Bundesliga gelingen – sind Sie auf diesem Weg auch zum Schauspieler geworden?

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ich bin noch immer so, wie ich war: authentisch. Ich mache kein Schauspiel für die Öffentlichkeit. Ich bin nicht bereit, mich auf eine Weise zu inszenieren, die nicht zu mir passt. Ich mache nur Dinge, von denen ich überzeugt bin. Das heißt: Ich mache meine Arbeit mit der Mannschaft. Und man sieht ja, dass es gar nicht schlecht ist, wenn man sich darauf konzentriert. Und das wird so bleiben.

          Was passt denn nicht zu Ihnen?

          Wenn ich jetzt auf einmal an der Seitenlinie großes Theater machen würde, wenn ich in einer Weise coache, die nicht meinem Naturell entspricht. Das mache ich auch dann nicht, wenn ich Druck spüre wie zuletzt, als wir aus drei Spielen nur einen Punkt geholt hatten. Dieser Druck führt alleine dazu, dass ich nur der Mannschaft helfe, aus dieser Situation rauszukommen. Aber ich ziehe keine Show für die Öffentlichkeit ab, nur um den Eindruck zu erwecken, dass wir etwas tun.

          Aber Sprüche wie „Die anderen müssen aufsteigen, wir nicht“ hauen auch Sie im Aufstiegskampf raus.

          Das ist kein Spruch. Das ist Realität. Keiner hat erwartet, dass wir vor dem 30. Spieltag so dicht dran sind. Bei unserem nächsten Gegner Stuttgart und auch bei Hannover ist das anders. Die haben sich finanziell schon so aufgestellt, dass sie direkt wieder in die Bundesliga aufsteigen. Und wir müssen eben wirklich nicht, damit kann ich meiner Mannschaft ein bisschen Druck nehmen. Denn Druck ist ein schlechter Ratgeber; er führt zu Verkrampfungen.

          Beim Spitzenspiel in Stuttgart an diesem Montag (20.15 Uhr / Live bei Sport1, Sky und im 2. Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) wollen doch alle 22 Spieler, die auf dem Platz stehen, unbedingt aufsteigen. Wie soll da Druck verschwinden?

          Druck gehört zum Fußball. Aber Druck darf nicht lähmen. Wir müssen uns klarmachen, dass wir keinen negativen, keinen sportlich existentiellen Druck wie im Abstiegskampf haben. Es geht um unseren Wunsch und unser Ziel: den Aufstieg. Wenn man etwas im Leben erreichen will, hat man immer Druck, aber das sollte positiver Druck sein. In der Wirtschaft gibt es auch niemanden, der ein Unternehmen führt, der keinen Druck spürt. Aber man muss mit dieser Art von Druck umgehen können. Meinen Spielern fehlt diese Erfahrung, das muss die Mannschaft jetzt lernen. Sie haben zuletzt nicht mehr ihr Spiel gespielt, sie haben angefangen, etwas zu verteidigen, anstatt frei zu spielen, wie wir es bis dahin getan hatten. Sie haben gemerkt, dass sie etwas zu verlieren haben, und dieses Denken hat unserem Spiel nicht gutgetan. Wir haben sozusagen von Herz auf Kopf umgestellt. Wir haben während des Spiels plötzlich zu viel nachgedacht und darüber die Automatismen vergessen, die wir uns über Monate erarbeitet hatten. Wir haben dem Team zuletzt nun immer aufgezeigt, was uns stark gemacht hat, in Gesprächen, Videosequenzen und auch in der Art und Weise, wie wir trainieren.

          „Bei Union ist eine große Familie am Werk“: Das gilt nicht nur für die Fans, wie Jens Keller erfahren hat, sondern für den kompletten Verein. Bilderstrecke
          „Bei Union ist eine große Familie am Werk“: Das gilt nicht nur für die Fans, wie Jens Keller erfahren hat, sondern für den kompletten Verein. :

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