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Investor von Hertha BSC : Ist Windhorst nur ein Zocker und Blender?

  • -Aktualisiert am

Andere reden von einer Krise, Lars Windhorst spendiert Hertha BSC 150 Millionen Euro. Bild: EPA

Lars Windhorst war das Wunderkind der deutschen Wirtschaft und wurde der Popstar der Manager. Er erlebte Abstürze und wundersame Rückkehren. Nun pumpt er Hunderte Millionen Euro in Hertha BSC. Was steckt dahinter?

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          Während der eine Fußballpatron geschäftlich vor einem Scherbenhaufen steht und beim sportlich wie finanziell abgewirtschafteten Revierriesen abgedankt hat, pumpt der andere trotz Corona-Krise neue Millionen in das expandierende Hauptstadtfußballprojekt. Kontrastreicher könnte die Entwicklung in dieser Woche nicht sein zwischen Schalke 04 und Hertha BSC. So gehört Großschlachter Clemens Tönnies nun der Bundesliga-Vergangenheit an, während der Großinvestor Lars Windhorst es jetzt richtig wissen will. Nachdem der schillernde Geschäftsmann über seine Beteiligungsholding Tennor zuletzt bereits 224 Millionen Euro in Hertha investiert hat, werden weitere 150 Millionen Euro an den Klub fließen – Big Money für den Big City Club.

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          Die Branche reibt sich vor Ungläubigkeit die Augen, wie der über Jahre herumkrebsende Hauptstadtklub derzeit im großen Stil vitalisiert wird. Viele andere Vereine und Ligen zittern vor den wirtschaftlichen Ausfällen aufgrund der Pandemie. In einem „Bild“-Interview sprach der 43 Jahre alte Windhorst von der Meisterschaft und dass der Klub zukünftig in der Champions League mitspielen könne, wenn keine großen Fehler gemacht würden. Manche halten ihn für einen Zocker und Blender. Andere sehen in ihm einen mutigen Entrepreneur, der sich auch von Rückschlägen nicht kleinkriegen lässt.

          Einst war er das Wunderkind der deutschen Wirtschaft, wurde als Teenager vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl in hochkarätigen Delegationen im Tross von Konzernlenkern der Deutschland AG auf Auslandsreisen mitgenommen und so zum Popstar der Manager. Er erlebte Abstürze und wundersame Rückkehren. Windhorst kommt aus dem Provinzstädtchen Rahden im Mindener Land. Mit 14 Jahren schraubt er Computer zusammen und verkauft sie. Die Teile erwirbt er von chinesischen Großhändlern.

          Sein Vater, Besitzer eines Geschäfts für Bürobedarf, unterschreibt die Verträge für den Filius, beschafft ihm den ersten Kredit über 100.000 Mark. Die Mutter ist Lehrerin. Der umtriebige Sohn verlässt das Gymnasium vorzeitig. Er sei schon damals besessen gewesen von der Idee, einen Konzern aufzubauen. „Heute macht doch jeder Trottel Abitur“, soll er gesagt haben. Mit 17 Jahren ist Windhorst Chef einer Unternehmensgruppe von 13 Gesellschaften. Er hat 100 Beschäftigte, importiert Computerzubehör und Rohstoffe wie Wolfram aus Fernost und macht 50 Millionen Dollar Umsatz.

          Einige Male wollte Windhorst die Welt erobern. Doch er ging schon zweimal pleite. Im Jahr 2003 fuhr er die Windhorst AG gegen die Wand. Das Landgericht Berlin verurteilte ihn wegen Untreue in 27 Fällen. 2009 verzockte er sich mit Aktien. Windhorst ging in die Privatinsolvenz, wurde von Mitgläubigern mit Strafanzeigen überzogen. Während sich andere von solchen Rückschlägen nicht erholen, schafft Windhorst stets ein Comeback. An Weihnachten 2007 überlebt er sogar einen Flugzeugabsturz seines Privatfliegers in Kasachstan. Windhorst ist ein Stehaufmännchen.

          Vor allem überzeugte er jedes Mal wieder Geldgeber, in seine Ideen zu investieren. Er nutzt geschickt Netzwerke in prominente Kreise. Er tummelte sich in der Formel 1, seine Beteiligungsgesellschaft Sapinda (Vorläufer von Tennor) sponserte mehrere Jahre den Red-Bull-Rennstall Toro Rosso. Windhorst ist Mitglied im Beirat der Londoner Serpentine Gallery – wie der frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg oder Milliardär Nicolas Berggruen. Er hat Wohnsitze nahe Zürich und Monaco. Seine Büros sind in Berlin und London.

          Er hält vielfältige Finanzbeteiligungen wie an der Dessous-Marke La Perla. Immer wieder aber tauchen aufgrund seiner Vergangenheit Fragen nach Seriosität und Liquidität auf – auch in der Bundesliga von der argwöhnenden Berliner Konkurrenz. Derweil hat Windhorst seine Kommanditanteile an der ausgegliederten Hertha-Kapitalgesellschaft auf fast 67 Prozent erhöht. Doch der Mutterverein bleibt über eine Komplementärgesellschaft bestimmend und stellt die Geschäftsführung der GmbH und Co. KG auf Aktien. De facto ist Windhorst aber am Drücker.

          Unter ihm wird Jürgen Klinsmann geholt und wieder geschasst. Mit Trainer Bruno Labbadia geht es aufwärts. Im Aufsichtsrat soll der frühere Nationaltorwart Jens Lehmann Fußballkompetenz einbringen. Das wird nicht die letzte prominente Personalie gewesen sein. Für Spektakel ist mit Windhorst immer gesorgt.

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