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Ingolstadts Hinterseer : Kein Sänger, kein Skifahrer

Geschichtenschreiber: Lukas Hinterseer erzielte das erste Ingolstädter Bundesligator Bild: Imago

Als erster Ingolstädter Torschütze in der Bundesliga hat Lukas Hinterseer den ersten Schritt getan, sich selbst einen Namen zu machen. Gar nicht so leicht, bei seinem berühmtem Onkel.

          Neue Töne in der Bundesliga - es sind zwei etwas sperrige österreichische Namen, die jedoch im Siegesrausch flüssig über die Zunge gehen. „Hasenhüttl, Hasenhüttl, hey, hey“, so tönte es am Samstag nach dem 1:0-Erfolg in Mainz aus Kabine und Bus der Ingolstädter. Alternativ dazu: „Hinterseer, Hinterseer, hey, hey“. Bei denen, die Ralph Hasenhüttl feierten, den Trainer, war Lukas Hinterseer, der Torschütze. Und umgekehrt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mit dem Namen Hasenhüttl hat man es einfacher. Es ist keiner, den fast jeder aus einem anderen Zusammenhang kennt. Bei Hinterseer ist das anders. Er stammt aus altem Kitzbüheler Ski-Adel mit Ausreißer Richtung Showbühne. Opa Ernst: Slalom-Olympiasieger 1960. Vater Guido: drei Mal österreichischer Meister. Und natürlich Onkel Hansi: früherer WM-Zweiter im Riesenslalom, heute Schlagersänger und Showmaster.

          Keine Lust auf Skifahren

          Auch Lukas Hinterseer war zuerst Skifahrer, obwohl er in Wien aufwuchs - wo der Vater arbeitete - und nur gelegentlich das Wochenende in Kitzbühel verbrachte. Als er zehn Jahre alt war, zog die Familie zurück nach Tirol, wodurch sich die Chance bot, die Hinterseer-Tradition auf der Piste fortzusetzen. Doch der kleine Lukas, der bei Rennen mit vom Opa hergerichteten Ski sein Talent bewies und bis heute die „Streif“ problemlos bewältigt, hatte keine Lust darauf: „Ich wollte nur noch Fußball spielen.“

          „Fast jeder hat einen Onkel, meiner ist halt ein bisschen berühmter als andere Onkels“ - er heißt Hansi

          Die Laufbahn abseits der Piste war beschwerlich. Der 1,92 Meter große Angreifer, der sich am liebsten zentral sieht, „als hängende Spitze, als falscher Neuner, der gerne in die Tiefe geht“, wurde von Wacker Innsbruck als Leihgabe in der zweiten Liga in Österreich herumgereicht. Mit 19 Jahren musste er sich wegen unkontrollierbaren Herzrasens einer Operation unterziehen, bei der überflüssige Reizleitungsbahnen unterbrochen wurden. Erst mit 22 Jahren gelang der Durchbruch als Fußballer. Als herausragender Mann des Tabellenletzten Innsbruck kam er auf 13 Tore, gab sein Debüt im Nationalteam und schaffte den erträumten Wechsel ins Ausland. Beim FC Ingolstadt, der ihn ablösefrei bekam, wurde er mit neun Toren der beste Schütze in der Aufstiegssaison - und nun dessen erster Bundesliga-Torschütze.

          „Irgendwer musste das Tor ja machen“, findet der 24-jährige Tiroler, der von sich sagt, er sei früher „ein kleiner Chancentod“ gewesen. Weil ihm in der gesamten Saisonvorbereitung kein Treffer gelungen war, hatte es erste Kritik gegeben. Aber gerade im System von Trainer Hasenhüttl, das sich mit Pressing und Tempo an der unter Jürgen Klopp gepflegten Spielweise von Borussia Dortmund orientiert, dem Gegner im ersten Heimspiel an diesem Sonntag, wird ein Stürmer nicht allein nach Toren bewertet; sondern auch nach Fleiß und Geschick beim frühen Attackieren des Gegners.

          „Wir hatten auch in der vergangenen Saison keinen Topstürmer in unseren Reihen, der 15 Tore macht, und trotzdem hatten wir die beste Offensive der Liga“, sagt Hinterseer. „Durch unser frühes Anlaufen und das Pressing geht uns Stürmern auch viel Kraft verloren. Dann müssen die Tore eben auf mehrere Spieler verteilt werden.“ Das sieht auch der Trainer so. „Wahnsinn, was der gelaufen ist“, sagte Hasenhüttl in Mainz über Hinterseer.

          Der blonde Sonnyboy hat eine Wettkampfhärte, die man ihm nicht ansieht. Im EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro im Oktober bekam er einen Schuss ins Gesicht, erlitt, unbemerkt von ihm selbst und den Betreuern, eine Gehirnerschütterung und spielte bis zum Ende. „Er ist einfach immer weiter marschiert“, staunte Nationaltrainer Marcel Koller: „Verrückt!“

          Kämpfer statt Künstler: Hinterseer beim Zweikampf

          In Mainz fand der ausgepumpte Hinterseer trotz aufwendiger Vorwärtsverteidigung die nötige Kraft und Konzentration, um den Siegtreffer zu setzen: feine Ballannahme, Körpertäuschung, Ballmitnahme per Außenrist, präziser Schuss ins lange Eck. Der 83-jährige Opa, der die „Pension Hinterseer“ über der Talstation am Hahnenkamm einst erbaut hatte, und der Vater, der sie heute betreibt, jubelten daheim vor dem Fernseher über das schöne Tor.

          „Der neue Blitz vom Kitz“, so nannte ihn darauf die Website „nachrichten.at“. Es war keine ganz neue Idee der Heldenverehrung. Die Konkurrenz von „news.at“ hatte Hinterseer junior schon Anfang 2014 so bezeichnet - und den unvermeidlichen Vergleich mit dem ebenfalls blonden und ähnlich entwaffnend lächelnden Onkel gezogen: „Beide haben außer der sportiven Ader noch eine gewisse Wirkung auf Damen gemeinsam.“

          „Fast jeder hat einen Onkel“

          Kein Wunder, dass diese Verwandtschaft und ihre ewige Erwähnung den Neffen mittlerweile langweilt. „Fast jeder hat einen Onkel, meiner ist halt ein bisschen berühmter als andere Onkels“, sagt Lukas Hinterseer über Hansi Hinterseer, dessen Musik er, „bei allem Respekt“, nicht mag: „Er macht das wirklich gut, aber meine Musikrichtung ist es nicht.“

          Vielleicht sorgt der Show-Onkel ja noch für die Extramotivation, sich selbst einen Namen zu machen. Der Fußballspieler, den die Mannschaftskollegen auch noch mit dem Rufnamen „Hansi“ foppen, nennt es seinen „Ansporn“: „Dass die Leute irgendwann nicht mehr sagen, ich bin der Neffe vom Hansi, sondern er ist der Onkel vom Lukas.“ Aber dafür, weiß er, „muss ich wohl noch einige Tore schießen“.

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