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Bundesliga-Neustart und Corona : Die Milliarden-Geisterspiele beginnen

  • -Aktualisiert am

Die große Leerstelle: Fußball ohne Fans im Stadion. Bild: dpa

Die Vorfreude der Bevölkerung auf das Hochglanzprodukt Bundesliga hält sich in Grenzen. Die Fortsetzung der Fußballsaison ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

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          Das hatten sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und viele Politiker anders gedacht: In den jüngsten Umfragen hat sich rund die Hälfte der Befragten gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußball-Bundesliga ausgesprochen. Nur ein Drittel teilt die Meinung des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, dass ein Wochenende mit Fußball deutlich erträglicher sei als eines ohne. Die beiden Bundesligen setzen an diesem Wochenende nach 66 Tagen Pause ihre Saison trotzdem fort. Es ist eine Abenteuerreise mit ungewissem Ausgang.

          Zumindest der Auslandsvermarktung ist ein gehöriger Wachstumsschub sicher. In normalen Zeiten kann die Bundesliga mit der englischen Premier League oder der spanischen La Liga nicht mithalten. Diesmal hat sie das weltweite Interesse exklusiv, weil sie als erste der großen Ligen wieder antritt. Für einen Moment wurde die zuletzt erkennbare Demutshaltung des deutschen Fußballs aufgelöst: Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des deutschen Rekordmeisters und aktuellen Tabellenführers Bayern München, rechnet mit einem Milliardenpublikum.

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          In deutschen Wohnzimmern wird die Fortsetzung der Saison mit „Geisterspielen“ ohne Zuschauer dagegen skeptisch aufgenommen. Diese Distanz hat sich die Fußballbranche wegen diverser Auswüchse und der Gier nach immer mehr Einnahmen zwar redlich verdient, aber nicht alles, was an dem DFL-Projekt kritisiert wird, ist sachlich begründet.

          Das Sicherheits- und Hygienekonzept, das die Grundlage für die Freigabe des Spielbetriebs darstellt, ist schwerer zu erfüllen und komplexer als jeder Überprüfungsprozess, dem sich andere Branchen unterziehen mussten, bevor sie wieder öffnen durften. Der Vorwurf, dass sich der Profifußball für „systemrelevant“ hält, was er nie behauptet hat, wird unverdrossen erhoben. Und die vielen Tests auf das Coronavirus – fehlen sie tatsächlich an anderer, zweifelsohne wichtigerer Stelle? Dass im Profifußball jetzt so viel getestet wird, darf man nicht der DFL zum Vorwurf machen, sondern allenfalls der Politik. Die hat gleichzeitig eine allgemeine Ausweitung der Tests angekündigt. Aber die Überzeugung, dass die DFL ein Privileg genieße, sitzt dennoch tief.

          Mit Attacken auf den Profifußball lässt sich derzeit viel Aufmerksamkeit erzielen; etwa mit dem Hinweis, Leistungssport könne für symptomfrei Infizierte gefährliche Folgen haben. Dieses Risiko aber sollen die vielen Tests ausschließen. Dass Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, nun ankündigte, auch den Breitensport mit unvermeidbarem Kontakt Ende Mai für alle wieder zu öffnen, sorgte dagegen für wenig Aufsehen, obwohl unter diesen Athleten keine Tests vorgesehen sind und die Teilnahme symptomfrei Infizierter vorhersehbar ist.

          Das Eis, auf das sich die DFL an diesem Wochenende wagt, ist trotzdem an vielen Stellen dünn und an manchen brüchig. Das hochgelobte Konzept wurde hier und da konterkariert, erst durch ein Video eines Berliner Profis, das eine laxe Handhabung der Hygienevorschriften dokumentierte, nun auch durch den Augsburger Trainer Heiko Herrlich, der die vorgeschriebene Quarantäne brach, um noch schnell Zahnpasta im Supermarkt zu kaufen. Die Skepsis gegenüber der Alltagstauglichkeit des Konzeptes ist auch deshalb groß, weil sich nur wenige Bürger vorstellen können, dass die in einem eigenen Kosmos lebenden Fußballprofis die strengen Verhaltensvorschriften erfüllen. Bleiben sie wirklich im Hotel, während die Menschen draußen wieder in Cafés sitzen?

          Bundesliga

          Zudem könnten Ansammlungen von Fans – zumindest in Ultrakreisen werden Geisterspiele abgelehnt – ebenso Probleme bereiten wie positive Corona-Tests bei den Beteiligten während der verbleibenden Spieltage. Das von der Politik und dem Robert-Koch-Institut gelobte DFL-Konzept sah in diesem Fall keine Quarantäne der gesamten Mannschaft vor, das Gesundheitsamt in Dresden aber verordnete sie zuletzt für Dynamo Dresden.

          Das Holz fürs Lagerfeuer ist feucht

          Innenminister Horst Seehofer machte deutlich, dass es keine Ausnahme von den Regeln geben dürfe. Daran könnte die Rückkehr in den Notbetrieb im Verlauf der kommenden Wochen scheitern. Auch über die zentrale Frage, wie die Saison bei einem Abbruch zu werten sei, konnten sich die Vereine noch nicht einigen. Die Frage nach dem Meister ist dabei weniger bedeutend als die Ermittlung der Ab- und Aufsteiger, denn die finanziellen Folgen sind gravierend.

          Schließlich handelt es sich beim Profifußball um einen in Existenznot geratenen Mittelstandsbetrieb, in dem wirtschaftliche Interessen an erster Stelle stehen. Für das Live-Erlebnis am Fernseher sind immer mehr Abonnements bei verschiedenen Rechteinhabern nötig, was wiederum Einnahmerekorde produzierte. Kritik am Hochglanzprodukt war kaum geduldet, erst recht nicht beim Deutschen Fußball-Bund und seiner Vermarktungsmaschine Nationalmannschaft. Der Fußball wurde dort gern als letztes Lagerfeuer überhöht, an dem sich die Nation versammelt. Dort sitzen im Moment nicht mehr so viele. Das Holz, das nun nachgereicht wird, ist möglicherweise zu feucht.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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