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Im Gespräch: Jürgen Klinsmann über Abhängigkeit : „Alle müssen sich verändern - auch ich“

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„Unabhängig war ich in Kalifornien und ich bin es auch in Deutschland” Bild: dpa

Reformer brauchen Freiheit. Aber Trainer leben in ständiger Abhängigkeit vom kurzfristigen Erfolg - vor allem beim FC Bayern. Jürgen Klinsmann spricht über seinen Balanceakt und den Kampf um die innere Unabhängigkeit auch seiner Spieler.

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          Jürgen Klinsmann erfindet sich immer wieder neu. Mit seiner Rückkehr hat sich der 44 Jahre alte Weltmeister für den Weg als Vereinstrainer entschieden. Aber Reformer brauchen Freiheit. Distanz und Unabhängigkeit, die er sich vor der Weltmeisterschaft 2006 durch seinen kalifornischen Wohnort für seine Arbeit als Bundestrainer erhalten wollte, sucht er sich bei Bayern auf andere Weise. Doch Trainer leben in ständiger Abhängigkeit vom kurzfristigen Erfolg - vor allem beim FC Bayern. Jürgen Klinsmann spricht über seinen Balanceakt und den Kampf um die innere Unabhängigkeit auch seiner Spieler.

          Vermissen Sie Kalifornien?

          Mir persönlich fehlt Kalifornien überhaupt nicht. Seit wir mit der Familie in München sind, gehe ich in meiner Arbeit auf. Aber für die Familie ist der Wohnortwechsel natürlich schon eine größere Umstellung. Es ist ein Schritt mit Fragezeichen, wenn man als Familie gemeinsam an einen anderen Ort geht. Aber wir haben uns gut eingelebt. Nach dem Spiel gegen Stuttgart fliegen wir zurück nach Kalifornien, um dort Weihnachten zu feiern. Die Kinder haben dort ihre Wurzeln.

          „Je größer der Berg vor mir ist, desto lieber fange ich zu klettern”

          Mit Kalifornien verbindet sich noch immer der Traum von Freiheit und Unabhängigkeit. Haben Sie nicht ein Stück Unabhängigkeit zurücklassen müssen?

          Unabhängig war ich in Kalifornien, und ich bin es auch in Deutschland.

          Sie könnten aber jetzt nicht mehr so einfach zurück in ihr altes Leben wie nach der WM. Das macht abhängiger.

          Als Trainer ist man immer an den Erfolg gebunden. Ich habe einkalkuliert, dass man seinen Job verlieren kann, wenn eine negative Serie kommt – ob nun bei der Nationalelf oder bei Bayern. Aber eines ist auch klar: Ich habe in München den Wunsch, längerfristig zu arbeiten und zu leben. Ich bin auch überzeugt, dass mir das gelingen wird. Aber das Risiko bleibt, dass nach Niederlagen schnell in Frage gestellt wird, was ich tue.

          Sind Sie abhängig von immer neuen Herausforderungen?

          Dass ich einen der größten Klubs der Welt trainieren darf, gibt mir enorm viel Energie und stachelt meinen Ehrgeiz wahnsinnig an. Das sind Dinge, die mir liegen. Je größer der Berg vor mir ist, desto lieber fange ich an zu klettern. Mir war sehr wohl bewusst, dass nach meiner Unterschrift beim FC Bayern viele Skeptiker kommen werden. Es stimmt schon: Je komplizierter eine Sache ist, desto mehr Spaß habe ich daran, sie zu lösen. Außerdem bin ich ein schlechter Verlierer.

          Ist nach der Aufholjagd in der Liga und den Erfolgen in der Champions League Ihre persönliche Unabhängigkeit gewachsen – Sie wollen ja langjährig in München arbeiten und leben? Davon waren Sie vor zwei Monaten deutlich weiter entfernt.

          Als Vereinstrainer trägt man eine konstante Spannung in sich. Man arbeitet zielstrebig darauf hin, die Erwartungen, die mit dem Job verbunden sind, auch zu erfüllen. Davon ist man immer abhängig. Auch wenn wir zehn Spiele in Folge gewinnen, ist das für mich auch kein Zustand, um durchzuatmen und loszulassen. Es zählt die Konstanz, bis die deutsche Meisterschaft endgültig eingefahren ist – und dass wir im DFB-Pokal und der Champions League nie lockerlassen. Ich habe keine Lust darauf, dass die Luft aus einer Sache rausgeht, nur weil man ein Ziel erreicht hat. Ich will diese Spannung bei uns halten, jeden Tag. Und dabei ist es für mich sehr interessant zu sehen: Wer kann das mit dir durchziehen? Welcher Spieler ist dafür geeignet? Man wird nicht alle Spieler gleichzeitig weiterbringen. Mir ist ganz klar, dass wir mit der Zeit den einen oder anderen Spieler verlieren werden. Denn wer diese Spannung nicht über ein ganzes Jahr halten kann, mit dem werden wir nicht weiterarbeiten. Dieselbe Frage stellt sich auch beim Team hinter dem Team: Wer kann bei dieser Denkweise mitgehen?

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