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Im Gespräch: Jürgen Klinsmann : Hoeneß hätte sich auch verabschieden müssen

  • Aktualisiert am

Jürgen Klinsmann geht zurück nach Amerika: „Ich kehre mit einem großen Erfahrungsschatz zurück.” Bild: ddp

Im April scheiterte das Projekt Bayern München. Nun kehrt Jürgen Klinsmann nach Amerika zurück. Zuvor spricht er im F.A.Z.-Interview über seine Entlassung in München, Uli Hoeneß, Grenzerfahrungen, neue Herausforderungen, „growth mindset“ und „fixed mindset“.

          7 Min.

          Mit besten Wünschen von Angela Merkel: Jürgen Klinsmann kehrt nach Amerika zurück. Die Entlassung beim FC Bayern (siehe: Klinsmann-Kommentar: Trümmer der Wankelmütigkeit) hat er auf- gearbeitet. Seine Erkenntnis: Uli Hoeneß hätte sich eigentlich auch verabschieden müssen.

          Im F.A.Z.-Interview spricht der ehemalige Bundestrainer über seine Entlassung bei Bayern München, über Grenzerfahrungen und neue Herausforderungen.

          Mit welchen Erinnerungen und Erfahrungen kehren Sie in die Vereinigten Staaten zurück?

          Ich kehre mit einem großen Erfahrungsschatz zurück, der viele Dinge beinhaltet, die ich nach meiner Entlassung aufgearbeitet habe. Ich weiß jetzt, warum ich manche Dinge beim FC Bayern nicht umsetzen konnte - und warum man das vielleicht immer noch nicht kann. Diese Lebenserfahrung hilft mir sehr beim Blick nach vorne. Ich weiß jetzt sehr genau, worauf man besonders achten muss. Es geht um den Umgang mit den Leuten, die nah an der Mannschaft dran sind. Und es geht natürlich um die Mannschaft selbst. Aber es geht auch um das Wissen, wie die Strukturen eines großen Vereins wie beim FC Bayern wirken.

          Rückblick auf eine Episode: „Für mich war der FC Bayern die Herausforderung schlechthin”
          Rückblick auf eine Episode: „Für mich war der FC Bayern die Herausforderung schlechthin” : Bild: ddp

          Was heißt das konkret?

          Es gibt zwei Kategorien von Menschen. Die einen sind bestrebt, ständig zu wachsen. Die anderen treibt das Gefühl, ihren Status und die Dinge zu verteidigen, die sie aufgebaut haben. Im Englischen nennt man das „growth mindset“ oder „fixed mindset“. In der deutschen Sprache fällt mir kein besserer Begriff ein. Ich bin beim FC Bayern in dieser Beziehung an meine Grenzen gestoßen. Ich hatte zu viel damit zu tun, an Besitzständen zu rütteln und sie einzureißen, anstatt ruhig an der Weiterentwicklung der Mannschaft zu arbeiten. Ich bin beim FC Bayern mit Menschen zusammengetroffen, die komplett anders denken. Im Nachhinein war es deshalb auch ganz gut und richtig, dass man sich getrennt hat.

          Am Wochenende hieß die Überschrift über Sie: „Klinsmann macht Ärger“ - weil Sie im englischen Fernsehen die Leistung des FC Liverpool kritisierten. In England wurde das als Bewerbung interpretiert.

          Ich hatte noch nie Bewerbungsschreiben laufen. Ich habe bei einer Diskussion zum Spiel von Liverpool in der Champions League gegen Florenz nur festgestellt, dass Liverpool zu abhängig ist von Fernando Torres und Steven Gerrard. Rafael Benitez hat das als Kritik an sich verstanden.

          Er hat umgehend gekontert. Sie seien ein toller Trainer mit einer phantastischen Bilanz - und wenn Sie im Fernsehen aufträten, schalte er den Ton ab. Unter Kollegen schenkt man sich wohl nicht viel?

          Was in dieser Diskussionsrunde mit Graeme Souness zum Ausdruck kam, gilt für alle Klubs und Nationalmannschaften: Ist ein Entwicklungsprozess vorhanden? In Liverpool fehlt er im Moment. Ich habe mich da ansonsten ziemlich rausgehalten.

          Warum haben Sie nach der Entlassung beim FC Bayern noch kein Angebot angenommen?

          Für mich war der FC Bayern die Herausforderung schlechthin. Ich wollte umsetzen, was man beim FC Bayern nach wie vor könnte. Ich habe da so viel Engagement und Energie reingesteckt, aber ich habe merken müssen, dass meine Art der Arbeit nicht akzeptiert wurde. Das habe ich hinnehmen müssen - und dann habe ich aber auch die Verpflichtung gegenüber meiner Familie, dass ich dann nicht sage: Wir hüpfen jetzt von einem Fleck zum anderen. Dass ich mir jetzt nicht vorstellen kann, in der Bundesliga zu arbeiten, hat aber nur etwas mit unserer Lebensentscheidung für Amerika zu tun, nicht mit der Bundesliga. Die Liga ist in den meisten Bereichen wunderbar. Die Infrastruktur und die Stadien sind die besten der Welt.

          Nach der WM 2006 haben Sie als Bundestrainer aufgehört, weil die Familie zu ihrem Recht kommen sollte. Wo liegen jetzt Ihre Prioritäten?

          Die Priorität hat immer bei der Familie gelegen, auch während der eineinhalb Jahre in München. Wir haben hier eine schöne Lebenserfahrung gemacht, unsere Kinder haben Deutschland kennengelernt. Wir sind auch wegen der Kinder länger in Deutschland geblieben, um ihnen hier noch einen etwas längeren Eindruck zu ermöglichen, den sie mit nach Kalifornien nehmen können. In München haben sie sich sehr wohl gefühlt, aber in Kalifornien noch wohler. Dort sind sie aufgewachsen.

          Welche beruflichen Ziele verfolgen Sie in Amerika - da kann doch nur ein Job als Nationaltrainer in Frage kommen?

          Möglichkeiten gab es schon - und die Möglichkeiten werden wieder kommen. Ich gehe mit der Offenheit zurück, dass ich irgendwann ein neues Kapitel in Angriff nehme. Ob das in Europa, Amerika oder Südamerika sein wird, ist völlig offen. Ob Klub oder Nationalmannschaft - da lege ich mich auch nicht fest. Ich möchte aber auf jeden Fall im Fußball bleiben. Bei der Nationalmannschaft und beim FC Bayern hat sich bei mir eine große Freude entwickelt, mit jungen Menschen zu arbeiten - und in meinem Berufsfeld gibt es noch viele Verbesserungsmöglichkeiten.

          Noch nicht genug von Reformen?

          Es geht nicht um Reformen. Schauen Sie die Spieler der heutigen Generation an: Sie sind nicht als Profifußballer ausgebildet. Es gibt zwar eine Ausbildung zum Fußballspieler, aber nicht zu einem Fußballprofi, der weiß, wie er mit seiner Umgebung und seinem Leben umzugehen hat. Wir haben das bei der Nationalmannschaft und dem FC Bayern schon ansatzweise versucht: mit Sportpsychologen, Fortbildungskursen, Medienkursen, Vorträgen von Führungskräften, Sprachunterricht, Computerkursen. Ich glaube, dass wir da erst am Anfang stehen. Die Spieler sind einer gigantischen Medienvielfalt und ihrem Umfeld ausgesetzt und werden mit Geld überschüttet. Aber nicht alle wissen mit diesen Dingen umzugehen. Berater vertreten ihre eigenen Interessen, wenn sie einen Spieler vertreten. Viele Freunde sind Schulterklopfer, und ihre privaten Beziehungen haben auch viel mit ihrer Außenwirkung zu tun. Was ich erlebe: Mittlerweile werden viele Spieler nur noch von dem getrieben, was über sie gesagt oder geschrieben wird. Sie kommen gar nicht dazu, über Wege nachzudenken oder diese umzusetzen, die sie sportlich weiterbringen könnten. Es wird wahnsinnig schwer, wenn man mithelfen will, dass sich die Spieler wieder darauf besinnen, was sie selbst von innen heraus erreichen möchten. Das ist vielleicht gar nicht mehr möglich.

          Klingt pessimistisch.

          Mir wurde der Spruch, dass ich jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen möchte, um die Ohren gehauen. Ich habe das falsch ausgedrückt. Ein Trainer kann nur helfen, damit sich ein Spieler selbst besser macht. Ein Trainer kann einen Spieler nicht besser machen. Der Antrieb muss beim Spieler selbst liegen. Denn jeder von uns hat den Schlüssel in sich selbst liegen: Was will ich morgen machen? Wie will ich mich entwickeln? Wo möchte ich in fünf Jahren stehen? Die Frage ist nicht: Wo will mich die Öffentlichkeit in fünf Jahren sehen? Dass viele Spieler nicht mehr sagen können, was sie wollen, ist ein Thema über Deutschland hinaus. Wenn man darüber mit Trainern in England oder Italien spricht: überall dasselbe Problem.

          Der deutsche Fußball hat sich nach dem Tod von Robert Enke nachdenklich gegeben - hat Sie das überzeugt?

          Ein sehr großes Problem von Robert war ja die Angst, dass es heißen könnte: Robert Enke hat ein Problem. Sich aber immer wieder mit der Frage zu belasten, was die Außenwelt über einen denkt, und sich dafür nicht stabil genug zu fühlen - das führt in die Sackgasse. Aber das ist kein Fußball-Phänomen. Viel zu viele verschwenden viel zu viel Energie darauf, was Nachbarn, Kollegen oder Freunde über sie denken. Und bei einem Profifußballer kommt noch die gesamte Öffentlichkeit dazu. Es ist heute unglaublich schwierig, Spieler in der Balance zu halten - dass sie sich einen Sinn für die Realität erhalten und mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Das ist kein Vorwurf. Die Spieler werden einfach überrollt. Das ist die Konsequenz der in den letzten zehn Jahren dramatisch veränderten Fußballwelt. Die Spieler sind kaum in der Lage zu sagen, was sie eigentlich möchten.

          Viele sagen jetzt über Sie: „Na ja, der Klinsmann - Bundestrainer konnte er, Vereinstrainer nicht.“ Das ärgert Sie nicht?

          Nein, denn die Leute wissen ja nicht, was beim FC Bayern passiert ist. Ich bin ja selbst mit der naiven Denkweise und unglaublich viel Vorfreude nach Deutschland gekommen, um beim FC Bayern eine Spielphilosophie aufbauen zu können, die attraktiv und schnell ist - und die viel Spielfreude enthält. Es ist außerdem kein großer Unterschied, Bundes- oder Klubtrainer zu sein. Entscheidend ist immer die interne Zusammensetzung.

          Einspruch: Bei der Nationalmannschaft waren Sie so etwas wie der Vorstandsvorsitzende, beim FC Bayern nur der sportliche Abteilungsleiter - und mit der Rückkehr nach Deutschland hatten Sie sich zusätzlich abhängig gemacht.

          Es war eine der Lektionen, dass ich nicht das Gewicht und die Unabhängigkeit wie beim DFB hatte, um bei unterschiedlichen Meinungen sagen zu können: „Dann halt nicht.“ In der Bundesliga ist man als Trainer angestellt und dem Vorstand unterstellt - beim DFB war die Situation in sportlichen Dingen anders. Felix Magath hat aus seiner Münchner Zeit die Konsequenz gezogen, dass er keinen Manager mehr um sich haben will. Er macht das lieber selbst, und zwar sehr erfolgreich. Das ist nachvollziehbar.

          Auch das richtige Modell für Sie in Zukunft?

          Ich glaube, dass es verschiedene Modelle für sportliche Verantwortung gibt. Wenn wie beim Hoffenheimer Modell eine losgelöste Arbeitsteilung von Ralf Rangnick als Trainer und Bernhard Peters als konzeptioneller Sportdirektor stattfindet, dann hängen die Verantwortlichkeiten auch beim Misserfolg nicht zusammen. Die Kompetenzen sind klar abgesteckt, und man arbeitet in verschiedenen Feldern an der sportlichen Weiterentwicklung. Wenn aber ein Manager auf der Bank sitzt und starken Einfluss auf die Mannschaft hat, Gespräche mit den Spielern führt, mit ins Trainingslager fährt und an allen Dingen nah dran ist . . .

          . . . so wie Uli Hoeneß bis zu dieser Saison und nun Christian Nerlinger . . .

          . . . das hat nichts mit Namen zu tun - es geht um Strukturen. Aber kommt es bei einer solchen Konstellation zum Misserfolg, bei dem es heißt, es müssen Konsequenzen gezogen werden, dann müssten sich eigentlich beide verabschieden. Ich weiß, dass in der Bundesliga heftig darüber diskutiert wird, was die idealen Strukturen sind. Da gibt es aber kein Patentrezept. Für mich ist in Deutschland Hoffenheim der Musterverein, was kontinuierliche Entwicklung angeht. Das Modell funktioniert - natürlich auch mit Auf und Ab, das ist ganz normal. Es ist aber interessant zu sehen, welche Vereine sich mittlerweile in der Bundesliga öffnen und neue Wege gehen möchten gegen die bestehenden Strukturen. Wir müssen uns klarmachen, dass wir von Vereinen mit 100 Jahren Tradition sprechen, in denen sich viele verdient gemacht haben. Da gibt es dementsprechend viel zu verteidigen.

          Welche deutsche Mannschaft befindet sich noch auf einem vielversprechenden Weg der Veränderung?

          In der Bundesliga wird alles über Erfolg oder Misserfolg definiert - und nicht im Sinne einer Fortentwicklung. Es kann aber eine positive Entwicklung geben, auch wenn der Erfolg noch nicht da ist. Ein Verein, der Zehnter wird, kann sich trotzdem sehr gut entwickelt haben. Beispiele gibt es sicherlich wie der HSV, Leverkusen, Wolfsburg oder Werder Bremen, das sich zu einer Marke mit Offensivfußball entwickelt hat. Da bekommt man zwar manchmal was auf die Mütze, aber das wird mittlerweile akzeptiert. Die langfristige Arbeit von Thomas Schaaf ist beeindruckend.

          Mit welchen Augen blicken Sie heute auf den FC Bayern, wenn er 4:1 in Turin und 5:1 in Bochum gewinnt?

          Mit einer gewissen Distanz. Klar, ich kenne die meisten Spieler. Ich kann auch ganz gut von außen beobachten, was da los ist. Ich genieße es, den FC Bayern im Fernsehen anzuschauen wie andere Vereine auch - aber nicht mehr und nicht weniger.

          Während Ihrer Zeit als Bundestrainer hat sich ein gutes Verhältnis zwischen Ihnen und der Bundeskanzlerin entwickelt. Hätten Sie sich nicht von Angela Merkel Rat holen können - die Bundeskanzlerin hat bisher noch jede Krise gemeistert?

          Wir haben uns nach meiner Entlassung getroffen. Ich habe ihr meine Geschichte erzählt. Das hat sie sehr interessiert. Nur: Ich konnte ja keine Krise mehr meistern (lacht). Die Reißleine war ja schon gezogen.

          Was hat Sie Ihnen auf den Weg nach Amerika mitgegeben?

          Die Erfahrungen aus München mitzunehmen, nach vorne zu blicken und die nächsten Aufgaben anzupacken - und das werde ich tun.

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