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Im Gespräch: Jürgen Klinsmann : Hoeneß hätte sich auch verabschieden müssen

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Ich glaube, dass es verschiedene Modelle für sportliche Verantwortung gibt. Wenn wie beim Hoffenheimer Modell eine losgelöste Arbeitsteilung von Ralf Rangnick als Trainer und Bernhard Peters als konzeptioneller Sportdirektor stattfindet, dann hängen die Verantwortlichkeiten auch beim Misserfolg nicht zusammen. Die Kompetenzen sind klar abgesteckt, und man arbeitet in verschiedenen Feldern an der sportlichen Weiterentwicklung. Wenn aber ein Manager auf der Bank sitzt und starken Einfluss auf die Mannschaft hat, Gespräche mit den Spielern führt, mit ins Trainingslager fährt und an allen Dingen nah dran ist . . .

. . . so wie Uli Hoeneß bis zu dieser Saison und nun Christian Nerlinger . . .

. . . das hat nichts mit Namen zu tun - es geht um Strukturen. Aber kommt es bei einer solchen Konstellation zum Misserfolg, bei dem es heißt, es müssen Konsequenzen gezogen werden, dann müssten sich eigentlich beide verabschieden. Ich weiß, dass in der Bundesliga heftig darüber diskutiert wird, was die idealen Strukturen sind. Da gibt es aber kein Patentrezept. Für mich ist in Deutschland Hoffenheim der Musterverein, was kontinuierliche Entwicklung angeht. Das Modell funktioniert - natürlich auch mit Auf und Ab, das ist ganz normal. Es ist aber interessant zu sehen, welche Vereine sich mittlerweile in der Bundesliga öffnen und neue Wege gehen möchten gegen die bestehenden Strukturen. Wir müssen uns klarmachen, dass wir von Vereinen mit 100 Jahren Tradition sprechen, in denen sich viele verdient gemacht haben. Da gibt es dementsprechend viel zu verteidigen.

Welche deutsche Mannschaft befindet sich noch auf einem vielversprechenden Weg der Veränderung?

In der Bundesliga wird alles über Erfolg oder Misserfolg definiert - und nicht im Sinne einer Fortentwicklung. Es kann aber eine positive Entwicklung geben, auch wenn der Erfolg noch nicht da ist. Ein Verein, der Zehnter wird, kann sich trotzdem sehr gut entwickelt haben. Beispiele gibt es sicherlich wie der HSV, Leverkusen, Wolfsburg oder Werder Bremen, das sich zu einer Marke mit Offensivfußball entwickelt hat. Da bekommt man zwar manchmal was auf die Mütze, aber das wird mittlerweile akzeptiert. Die langfristige Arbeit von Thomas Schaaf ist beeindruckend.

Mit welchen Augen blicken Sie heute auf den FC Bayern, wenn er 4:1 in Turin und 5:1 in Bochum gewinnt?

Mit einer gewissen Distanz. Klar, ich kenne die meisten Spieler. Ich kann auch ganz gut von außen beobachten, was da los ist. Ich genieße es, den FC Bayern im Fernsehen anzuschauen wie andere Vereine auch - aber nicht mehr und nicht weniger.

Während Ihrer Zeit als Bundestrainer hat sich ein gutes Verhältnis zwischen Ihnen und der Bundeskanzlerin entwickelt. Hätten Sie sich nicht von Angela Merkel Rat holen können - die Bundeskanzlerin hat bisher noch jede Krise gemeistert?

Wir haben uns nach meiner Entlassung getroffen. Ich habe ihr meine Geschichte erzählt. Das hat sie sehr interessiert. Nur: Ich konnte ja keine Krise mehr meistern (lacht). Die Reißleine war ja schon gezogen.

Was hat Sie Ihnen auf den Weg nach Amerika mitgegeben?

Die Erfahrungen aus München mitzunehmen, nach vorne zu blicken und die nächsten Aufgaben anzupacken - und das werde ich tun.

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