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Im Gespräch: Jürgen Klinsmann : Hoeneß hätte sich auch verabschieden müssen

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Für mich war der FC Bayern die Herausforderung schlechthin. Ich wollte umsetzen, was man beim FC Bayern nach wie vor könnte. Ich habe da so viel Engagement und Energie reingesteckt, aber ich habe merken müssen, dass meine Art der Arbeit nicht akzeptiert wurde. Das habe ich hinnehmen müssen - und dann habe ich aber auch die Verpflichtung gegenüber meiner Familie, dass ich dann nicht sage: Wir hüpfen jetzt von einem Fleck zum anderen. Dass ich mir jetzt nicht vorstellen kann, in der Bundesliga zu arbeiten, hat aber nur etwas mit unserer Lebensentscheidung für Amerika zu tun, nicht mit der Bundesliga. Die Liga ist in den meisten Bereichen wunderbar. Die Infrastruktur und die Stadien sind die besten der Welt.

Nach der WM 2006 haben Sie als Bundestrainer aufgehört, weil die Familie zu ihrem Recht kommen sollte. Wo liegen jetzt Ihre Prioritäten?

Die Priorität hat immer bei der Familie gelegen, auch während der eineinhalb Jahre in München. Wir haben hier eine schöne Lebenserfahrung gemacht, unsere Kinder haben Deutschland kennengelernt. Wir sind auch wegen der Kinder länger in Deutschland geblieben, um ihnen hier noch einen etwas längeren Eindruck zu ermöglichen, den sie mit nach Kalifornien nehmen können. In München haben sie sich sehr wohl gefühlt, aber in Kalifornien noch wohler. Dort sind sie aufgewachsen.

Welche beruflichen Ziele verfolgen Sie in Amerika - da kann doch nur ein Job als Nationaltrainer in Frage kommen?

Möglichkeiten gab es schon - und die Möglichkeiten werden wieder kommen. Ich gehe mit der Offenheit zurück, dass ich irgendwann ein neues Kapitel in Angriff nehme. Ob das in Europa, Amerika oder Südamerika sein wird, ist völlig offen. Ob Klub oder Nationalmannschaft - da lege ich mich auch nicht fest. Ich möchte aber auf jeden Fall im Fußball bleiben. Bei der Nationalmannschaft und beim FC Bayern hat sich bei mir eine große Freude entwickelt, mit jungen Menschen zu arbeiten - und in meinem Berufsfeld gibt es noch viele Verbesserungsmöglichkeiten.

Noch nicht genug von Reformen?

Es geht nicht um Reformen. Schauen Sie die Spieler der heutigen Generation an: Sie sind nicht als Profifußballer ausgebildet. Es gibt zwar eine Ausbildung zum Fußballspieler, aber nicht zu einem Fußballprofi, der weiß, wie er mit seiner Umgebung und seinem Leben umzugehen hat. Wir haben das bei der Nationalmannschaft und dem FC Bayern schon ansatzweise versucht: mit Sportpsychologen, Fortbildungskursen, Medienkursen, Vorträgen von Führungskräften, Sprachunterricht, Computerkursen. Ich glaube, dass wir da erst am Anfang stehen. Die Spieler sind einer gigantischen Medienvielfalt und ihrem Umfeld ausgesetzt und werden mit Geld überschüttet. Aber nicht alle wissen mit diesen Dingen umzugehen. Berater vertreten ihre eigenen Interessen, wenn sie einen Spieler vertreten. Viele Freunde sind Schulterklopfer, und ihre privaten Beziehungen haben auch viel mit ihrer Außenwirkung zu tun. Was ich erlebe: Mittlerweile werden viele Spieler nur noch von dem getrieben, was über sie gesagt oder geschrieben wird. Sie kommen gar nicht dazu, über Wege nachzudenken oder diese umzusetzen, die sie sportlich weiterbringen könnten. Es wird wahnsinnig schwer, wenn man mithelfen will, dass sich die Spieler wieder darauf besinnen, was sie selbst von innen heraus erreichen möchten. Das ist vielleicht gar nicht mehr möglich.

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