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Im Gespräch: Fußball-Profi Aogo : „Es ist das Geld, das uns unfrei macht“

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Der Fußball-Profi Dennis Aogo und die Prominenz: „Ich habe schon extrem starke Antennen bekommen“ Bild: picture alliance / augenklick/fi

Er ist begehrt, er wird hofiert. Im Interview äußert sich der 26 Jahre alte Dennis Aogo, gerade wegen eines Kreuzbandrisses außer Gefecht, über die schönen Seiten des Daseins als Fußballprofi - und über den Verlust an persönlicher Freiheit.

          Was bedeutet für Sie Freiheit?

          Freiheit im Allgemeinen heißt für mich, tun und lassen zu können, was ich will, und den Moment so zu gestalten, wie ich mir das vorstelle. Ohne jegliche Einschränkung. Dass ich bestimmen kann, was ich in dem Moment mache.

          Sind Sie dann gerade eher frei oder unfrei?

          Jetzt im Moment bin ich unfrei, weil ich eben nicht genau das machen kann, was ich will.

          Das dürfte aber oft der Fall sein, Sie müssen ja nicht nur Interviews geben, sondern trainieren, reisen, spielen, alles zu nicht selbst gewählten Zeitpunkten. Und gerade stecken Sie, auch nicht gerade freiwillig, in der Regeneration nach Ihrem Kreuzbandriss.

          Das stimmt, so gesehen, bin ich sehr oft unfrei. Andererseits muss man, wenn man die Freiheit genießen will, auch oft in der Unfreiheit sein. Je häufiger man in Situationen ist, in denen man sich nicht frei fühlt, umso mehr genießt man es, wenn man Freiheit hat.

          Fühlen Sie sich im Stadion, wenn mehrere zehntausend Menschen Ihnen zusehen, wenn Sie beurteilt und zum Teil verrissen werden, frei?

          Ja, aber so war ich nicht immer. Es war ein Prozess da hinzukommen. Es war für mich immer eine Herausforderung, auf dem Platz so etwas wie Freiheit zu spüren, sich zu fühlen, als wäre es wie früher: dass man sich als kleiner Junge entschieden hat, mit seinen Kumpels auf den Platz zu gehen, um gemeinsam zu bolzen. Also frei zu sein, um Spaß zu haben und alles auszublenden, was drum herum noch alles passiert. Dieser Prozess hat lange gedauert. Aber es gibt auch heute noch Momente, in denen es nicht klappt. Da schaffe ich es eben nicht, alles andere auszublenden.

          Aber gegen Beobachtung allgemein haben Sie nichts?

          Diese Art der Beobachtung gehört zum Job, dessen ist man sich bewusst, wenn man damit anfängt. Es ist ja sogar ein Ziel, im Mittelpunkt zu stehen. Auf dem Platz darf ich ruhig gläsern sein.

          Und daneben?

          Es wäre zu viel gesagt, dass ich ein Problem damit habe, in meinem Privatleben beobachtet zu werden. Aber es ist mir immer noch unangenehm. Es gibt in meinem Alltag fast täglich Situationen, in denen ich mich aufgrund von Beobachtung durch andere nicht mehr frei fühle. Weil sich mein Gegenüber im Umgang mit mir nicht mehr normal verhält.

          Inwiefern?

          Ich bin von vorneherein in einer Sonderposition, eben der bekannte Fußballer, dem man sich nähert. Da ist es nicht möglich, einen normalen Kontakt herzustellen so wie bei anderen Menschen, das geht schon mal flöten. Solche Situationen habe ich nicht gerne, und sie haben auch nichts mehr mit Freiheit zu tun. Das ist nur anders, wenn ich unter Leuten bin, die mich kennen und so akzeptieren, wie ich bin, die in mir nicht den bekannten Fußballprofi sehen. Ich mag es nicht, als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden.

          „Jetzt im Moment bin ich unfrei, weil ich eben nicht genau das machen kann, was ich will“

          Wo werden auf diesem Gebiet Grenzen überschritten?

          Es ist nicht so, dass ich mit der Situation todunglücklich wäre, denn mit der Zeit lernt man, damit umzugehen. Aber wenn zum Beispiel meine Familie bei mir ist und ich ihr die neue Stadt zeige, in der ich jetzt wohne, und dann Passanten kommen, die um ein gemeinsames Foto bitten, weil sie Fans von mir sind, dann ist das einerseits etwas Schönes, und man macht es gerne. Aber andererseits bin ich sofort wieder in dieser Sonderposition, in der ich eigentlich nicht sein möchte - schon gar nicht, wenn meine Familie dabei ist und sie durch mich in den Hintergrund gerückt wird. Man wird aus der Normalität herausgerissen, und es wird einem gezeigt, dass man eben nicht normal ist. Das ist mir bis heute unangenehm, auch wenn ich schon seit knapp zehn Jahren Profi bin und einiges mitgemacht habe. Aber warum ich etwas Besonderes sein soll, nur weil ich gut Fußball spiele, begreife ich bis heute nicht.

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