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Eintracht-Museum : Jörg Berger, die Cola-Geschichte und zwei Halbzeiten

Mehr Lesung als Theateraufführung: Im Eintracht-Museum wird an das Leben des Fußballtrainers erinnert. Bild: Francois Klein

Mehr Lesung als Theateraufführung: Im Eintracht-Museum wird an das Leben des Fußballtrainers Jörg Berger erinnert. Starke Gefühle spielen eine große Rolle.

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          Das erste, was Jörg Berger in Belgrad tut: eine Cola trinken. Er hat keine Ahnung, ob er verfolgt wird, ob die Stasi weiß, dass er das Mannschaftshotel im Norden Jugoslawiens verlassen hat und versucht, sich in den Westen abzusetzen. Er hat keinen Plan, an wen er sich wenden soll. Wie viele Jahre Gefängnis wird er bekommen? Und was wird eigentlich mit seinem Sohn passieren, wenn dessen Vater ein geächteter Republikflüchtling ist? Bergers Lage ist nicht gut. Aber erst mal die Cola.

          Jörg Berger, der erfolgreiche Trainer zahlreicher Bundesligamannschaften, der 1999 gegen alle Vorzeichen den Klassenverbleib der Eintracht sicherte, war ein Kämpfer, und meist kam er irgendwie weiter. So war es 1979 bei seiner Flucht aus der DDR, die ihm doch noch glückte. So war es bei seinem neuen Leben im Westen, wo er sich lange durchbeißen musste, bis er wieder namhafte Mannschaften trainieren durfte. Und so war es auch bei seiner Darmkrebserkrankung, von der er sich bis zum Schluss nicht diktieren lassen wollte, wie er zu leben hatte.

          Am 13. Oktober wäre Berger 75 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren legte Stefan Kleinert im Eintracht-Museum sein Theaterstück „Meine zwei Halbzeiten“ noch einmal auf, in dem die Cola-Geschichte und viele weitere einen Blick auf das bewegte Leben des Trainers geben. Kleinert trägt die Geschichten langsam vor, ohne viel Spiel oder Kulisse. Das Ein-Mann-Stück ist darum eher eine szenische Lesung als eine Theateraufführung. Es orientiert sich eng am gleichnamigen autobiografischen Buch von Jörg Berger, den Kleinert auch persönlich aus seiner Zeit beim Radio kannte. Er hatte den Trainer mehrmals interviewt. Der Schauspieler spielt zusätzlich zu seinem Text, der Bergers Erlebnisse in der Ich-Perspektive beschreibt, immer wieder Originalzitate des sächselnden Trainers ein. So entsteht ein ziemlicher Abstand zwischen Bühnenfigur und der Person Berger.

          Etwa eine Stunde dauert die Vorstellung, die sprunghaft kleine Anekdoten und große Lebensereignisse aus Bergers Perspektive nacherzählt. Da ist etwa die Reaktion auf seine Krebsdiagnose, die er kurz vor einem Spiel erhielt. Er ging trotzdem hin, denn: „Es ist mein Lebensinhalt, Coach zu sein.“

          Starke Gefühle spielen eine große Rolle: Berger beschreibt, wie er sein erstes Bundesligaspiel sah, die Eintracht gegen den VfB Stuttgart im Waldstadion, diesem Koloss aus Stahl und Flutlicht, das er in seiner Heimat DDR noch nie gesehen hatte. Er ist stolz, als er sich den Ruf als Feuerwehrmann in der Bundesliga erarbeitet hat, nicht zuletzt für die Eintracht 1999. Dass der Spieler Jan-Aage Fjörtoft nach dem berühmten 5:1-Sieg sagte: „Er hätte auch die Titanic gerettet“, ist natürlich auch im Stück zu hören. Aber es gibt auch immer wieder harte Momente, zum Beispiel, als Berger nach der Wiedervereinigung seine Stasiakten einsieht und feststellt, dass zwei seiner Freunde ihn bespitzelt haben. Außerdem erhielt er die Gewissheit, in den achtziger Jahren nur knapp einen Giftanschlag der Staatssicherheit überlebt zu haben.

          Trotzdem erhielt Berger sich seine positive Sicht auf die Welt, wie Weggefährten immer wieder hervorheben. Auch ein eingespieltes Originalzitat aus dem Stück bestätigt das: „Ich glaube daran, dass ich den Kampf gegen meinen Krebs schaffe, dass ich als Sieger hervorgehe.“ Auch, wenn er diesen Kampf 2010 verlor, bleibt er mit Stücken wie dem von Kleinert in guter Erinnerung.

          „Meine zwei Halbzeiten“ gibt es auch an diesem Donnerstag im Eintracht-Museum. Los geht es um 20.00 Uhr (Einlass: 19.30 Uhr). Eintritt 15 Euro. Buchung direkt im Museum.

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