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Familie Gündogan im Interview : „Wir kennen keine Grenzen im Kopf“

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„Der eine geht nach China, der andere unter die Erde“: Ilkay über die Wege von Onkel (l.) und Bruder (r.) Bild: Jan Krebs

Der Fußballprofi, der Student und der Bergmann: Für BVB-Spieler Ilkay Gündogan beginnt gegen Gladbach (18.30 Uhr) die neue Bundesliga-Saison. Mit Bruder Ilker und Onkel Ihsan spricht er über den Weg seiner Familie – nach Deutschland und in die Welt.

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          In der Zeche Nordstern fing Ihr deutsches Familienabenteuer an. Welche Erinnerungen haben Sie?

          Ihsan: Es war für uns alle eine harte Zeit. Mein Bruder und ich waren noch sehr jung, als mein Vater uns Richtung Deutschland verließ. Es war traurig, er fehlte. Nur einmal im Jahr besuchte er uns in der Türkei. Für die Mutter war es sehr schwierig, sie hat sich um alles kümmern müssen.

          Ilker, sind Sie in der Tradition des malochenden Bergmanns erzogen worden, wussten Sie viel vom Leben des Großvaters Ismail?

          Die Tradition und allgemein die gesellschaftlichen Werte, dass man hart arbeiten muss, dass man diszipliniert sein muss, haben wir schon erfahren, obwohl mein Vater selbst kein Bergmann war. Uns wurde schon im jungen Alter vor Augen geführt, worauf man achten muss, um erfolgreich zu sein.

          Ilkay, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Jugend?

          Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass unser Papa meinen Bruder und mich immer in den Ferien – außer im Sommer – zur Arbeit mitgenommen hat. Er hat als Lkw-Fahrer für eine Brauerei gearbeitet. Ilker und ich haben geholfen, Wasser- und Bierkästen oder Fässer zu tragen. Als Jugendlicher hattest du dazu wenig Lust. Es war schon so, dass wir gezwungen wurden, das zu machen.

          Ilker: Das streichen wir.

          Ilkay: Nein, das streichen wir nicht! Sagen wir es so, wenn wir die Wahl gehabt hätten, hätten wir es nicht gemacht. Nachher hatte ich Glück, dass der Fußball bei mir immer mehr an Bedeutung gewann, gerade als ich beim VfL Bochum in der Jugend gespielt habe. Mein Bruder hatte dieses Glück leider nicht. Und so hieß es nachher: ,Ilkay, du bleibst zu Hause, du musst trainieren! Ilker, du kommst mit, du hast ja frei! Du darfst mit zur Arbeit.‘ Das hieß aber auch: um 5 Uhr aufstehen und bis abends 18, 19 Uhr schuften.

          Auf dem Feld statt unter Tage: Gündogan im Testspiel gegen Bochum

          Ihsan, Sie sind 1979 als 14-Jähriger nach Deutschland gekommen. War es schwer, sich ans deutsche Leben zu gewöhnen?

          Es war verdammt schwer, wir konnten kein Wort Deutsch. Glücklicherweise haben wir in einer Gegend gewohnt, wo nur Deutsche lebten. Wir haben uns anfangs mit Händen und Füßen verständigt, und man muss sagen, die Nachbarschaft hat uns sehr gut aufgenommen. Ich war jeden Tag mit den Jungs unterwegs, auf der Straße, am Stahlwerk, das hat sehr geholfen, die deutsche Sprache zu lernen.

          Sie haben hier in Gelsenkirchen in der Zeche Nordstern die Arbeit unter Tage begonnen.

          Anfang der achtziger Jahre war es wirklich schwer, Ausbildungsplätze zu finden, gerade für Ausländer. Bei circa 85 Bewerbungen habe ich nur zwei Zusagen bekommen, einmal im Pütt, einmal in einer Papierfabrik in Schalke, als Papiermacher. Das habe ich mir angeguckt und gesagt: Nee, das ist nichts für mich. So habe ich dann 1983 hier im Bergwerk angefangen. Auch mein älterer Bruder Irfan, der Vater von Ilker und Ilkay, war einmal an der Zeche gewesen. Als er sah, wie dreckig die Leute aus dem Bergbau rauskamen, wollte er lieber noch etwas auf die Schule gehen. Unser Vater hat das erlaubt. Ich habe insgesamt 31 Jahre unter Tage gearbeitet, bin gesund, darf jetzt mit 49 Jahren zu Hause bleiben, weil ich im letzten Herbst die „Anpassungsmaßnahme Vorruhestand“ angenommen habe. Ich bin ein zufriedener Mensch.

          In der Zeche „Nordstern“ trifft sich die Familie Gündogan

          31 Jahre unter Tage: War das ein Traumjob?

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