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HSV-Trainer Mirko Slomka : Gemeinsam ziehen und zerren

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„Es wäre natürlich blauäugig, wenn man den Blick auf die Tabelle richtet, nicht an die zweite Liga zu denken“: HSV-Trainer Mirko Slomka Bild: dpa

Mirko Slomka gibt sich bei seinem ersten Auftritt als HSV-Trainer als Mann der Tat und der Zuversicht. Sein Vertrag gilt auch für die Zweite Liga.

          Sein neues Revier hat Mirko Slomka gleich mal in ein paar scheinbar harmlosen Nebensätzen markiert – und dabei verdeutlicht, was ihn von seinem Vorgänger unterscheiden wird. „Ich bin hier erst einmal privat untergekommen“, sagte Slomka, „ich werde mir schnell eine Wohnung in Hamburg suchen. Aber hier wartet so viel Arbeit, dass ich wenig zu Hause sein werde.“ Nein, als Spitze gegen den holländischen Dauerheimfahrer Bert van Marwijk wollte der nette Herr Slomka diese Sätze nicht verstanden wissen. Aber wer Slomka ein bisschen kennt, weiß, dass sie genau so gemeint waren.

          Als wolle er Tatkraft verkörpern, trat der 46 Jahre alte Fußball-Lehrer bei seiner Vorstellung in Trainingsklamotten und nicht im Anzug auf. Das, was er sagte, klang gewohnt geschmeidig, geschliffen und nachvollziehbar. Slomka ist ein Medienprofi; er ist kein zum Trainer mutierter früherer Profi wie Thorsten Fink und auch kein den Trainer-Weltmann gebender Bert van Marwijk. Beide hatten ihre Schwierigkeiten mit den Medien. Slomka ist aus seinen beiden Schalker Jahren einiges an journalistischer Aufgeregtheit gewohnt, das könnte bei seiner dritten Trainerstation im Profibereich helfen.

          Slomka ist als Retter angetreten

          Angriffslustig und frisch wirkte der neue Hamburger Coach am Montag. „Ich brauchte keine lange Pause“, sagte er, „ich habe mich nach fast vier Jahren bei 96 auch nicht ausgelaugt gefühlt. Jetzt ist einfach Vorfreude da, dass es wieder losgeht.“ In Hamburg ist er als Retter angetreten, zum zweiten Mal in seiner Karriere. Sein turbulentes Halbjahr bei Hannover 96 in der Rückrunde 2009/2010 war neben sofortiger Verfügbarkeit der Hauptgrund, warum die Hamburger Verantwortlichen ihn haben wollten. Damals übernahm Slomka die nach Robert Enkes Suizid traumatisierte Mannschaft, verlor sechs Mal hintereinander und schaffte doch den Klassenverbleib. In den nächsten beiden Spielzeiten führte der in Hildesheim geborene Familienvater die „Roten“ in die Europa League. Im vergangenen Dezember entließ Hannover 96 ihn.

          Der neue Trainer Mirko Slomka (Mitte) will den HSV retten (links Sportchef Oliver Kreuzer und Vorstandschef Carl Jarchow)

          Slomkas Signal am Montagmittag war: ich bin zuversichtlich, ich nehme alle mit. Aber auch: ich bin kämpferisch, vertraut mir. Der Eindruck, den man von ihm gewann, war deutlich positiv. Slomka wirkte gut gelaunt, erholt, er kommt direkt aus dem Ski-Urlaub in Österreich. Er erschien gut informiert, ernsthaft, aber auch mit einer gewissen Leichtigkeit und nicht als läge nun die Last der Welt auf seinen Schultern. „Wir werden alle gemeinsam daran ziehen und zerren, die Lage zu verbessern“, sagte er, „wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Fußball nicht nur Kampfbereitschaft bedeutet, sondern auch Spiel.“ Dass er hervorhob, wie gut dieser Kader zusammengesetzt sei, über wie viel individuelle Klasse er verfüge – das war allerdings reine Schönfärberei.

          Slomka kennt die Lage des HSV

          Natürlich kennt Slomka die Lage des Hamburger SV. Er sagte: „Es wäre blauäugig, nicht an die zweite Liga zu denken. Ich wäre auch bereit, beim HSV in der zweiten Liga zu arbeiten und ihn dann zurück zu führen.“ Würde er jedoch den Hamburgern die Erstklassigkeit bewahren, polierte das seinem Ruf kräftig auf. Bis 2016 und also auch für das Unterhaus gilt sein Vertrag; Slomka soll etwa eine Million Euro im Jahr verdienen.

          Sportchef Oliver Kreuzer hatte ihn am Mittwoch nach dem 0:5 im Pokal gegen Bayern München erstmals angerufen; am Sonntag verhandelte man bei Liefer-Pizza stundenlang im Hotel, ehe sich Kreuzer und Slomkas Berater Harun Arslan einigten. Slomka kennt den Hamburger Innenverteidiger Djourou aus Hannoveraner, Westermann aus Schalker Zeiten. In einer intensiven Trainingswoche wolle er sich mit allen Spielern und den Gegebenheiten beim HSV vertraut machen. Slomka bringt seinen Assistenten Nestor el Maestro mit nach Hamburg, vertraut ansonsten aber auf das Funktionsteam, das auch schon Fink und van Marwijk zur Seite stand.

          Am Samstag wartet Dortmund auf die Hanseaten. Slomka sagte: „Es ist gut, gleich gegen den BVB zu spielen, um zu zeigen: hier ist Leben in der Mannschaft.“ Danach folgen fünf Partien gegen Abstiegskandidaten. Slomka kündigte schon für den Samstag eine leicht veränderte Taktik an – er wird entgegen seiner Vorliebe defensiver spielen lassen –, und sprach von Überraschungen, die zu einem Trainerwechsel hinzugehörten. Als Psychologe sehe er sich nicht. Die intuitiv richtige Mannschaftsführung war in Hannover seine größte Stärke.

          Auch die bekannte und zuletzt eskalierende Unruhe im Umfeld wird Slomka bekannt sein. Am Montag sagte er dazu: „Der Nichtabstieg ist das vorrangige Ziel, alles andere schieben wir weit weg.“ Sprach’s, und machte sich auf, das Nachmittagstraining zu leiten.

          An anderer Stelle geht die Auflösung weiter. Nach einigen Räten am Sonntag trat am Montag der ehemalige Aufsichtsratschef Manfred Ertel entnervt und nach Drohungen von Fans auch verängstigt zurück. Am Montag waren nur noch sechs Räte im Amt. Um gemäß Satzung handlungsfähig zu bleiben, braucht der HSV wenigstens vier Kontrolleure. Ansonsten müsste es eine außerordentliche Mitgliederversammlung mit Neuwahlen für das höchste Vereinsgremium geben. Doch so tief ins Vereins-Kleinklein wollte Slomka fürs Erste lieber nicht eintauchen.

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