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HSV-Torwart Adler : Absturz auf Raten

  • -Aktualisiert am

13 Länderspiele, das war einmal: René Adler Bild: Picture-Alliance

René Adler wollte mit dem HSV in die Champions League, jetzt sitzt der Torwart auf der Bank – genau wie Timo Hildebrand in Frankfurt. An diesem Sonntag (17.30 Uhr) treffen die Teams der beiden aufeinander.

          Die Rolle des Stinkstiefels oder Querulanten würde kein Regisseur der Welt mit René Adler besetzen. Aber stillschweigend mag Adler seine Degradierung zum Ersatztorwart auch nicht hinnehmen. Also bediente sich der Keeper des Hamburger SV Mitte der Woche der sozialen Netze, um auf seine Lage hinzuweisen. „Klar ist das für mich eine neue Situation“, schrieb Adler, „aber ich kann damit umgehen. Mittlerweile weiß ich ja, wie schnelllebig es im Fußball nach oben und unten gehen kann. Ich akzeptiere meine momentane Rolle, stelle mich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft.“ Das klingt verständnisvoll.

          Doch der Absturz vom Nationaltorwart zum Bankdrücker lässt ihn nicht kalt. Aktionismus brachte den inzwischen entlassenen HSV-Trainer Mirko Slomka vor zwei Wochen dazu, den 29 Jahre alten Adler in Hannover aus dem Tor zu nehmen und Jaroslav Drobny hineinzustellen. Adler hatte zuvor ordentlich gespielt, doch Slomka stand unter Druck: Adler war eines der Opfer. In einem Interview hatte ihn Slomka vorher überraschend hart kritisiert und Drobnys Leistungen in den Relegationsspielen gegen Greuther Fürth im Mai hervorgehoben. Dann vollzog sich ein Torwartwechsel, der auch unter dem neuen Trainer Josef Zinnbauer Bestand hat und für Adler bittere Folgen haben könnte. Denn auf Dauer wird sich der zum Sparen gezwungene HSV keine zwei Torhüter dieser Preisklasse leisten können. Adler besitzt einen Vertrag bis 2017. Er spielte 13 Mal für Deutschland.

          Noch ist Adler vom Berufs-Schicksal des Kollegen Timo Hildebrand ein Stück entfernt. Hildebrand tingelt nach seinem missglückten Valencia-Abenteuer 2007 als Stand-by-Keeper durch die Liga (mit einem Abstecher nach Lissabon), ist nach mehr oder weniger guten drei Jahren auf Schalke nun bei Eintracht Frankfurt gelandet. Dort soll er als zweiter Mann hinter Felix Wiedwald den verletzten Kevin Trapp ersetzen. In Gelsenkirchen hatte man sich im Sommer auf Ralf Fährmann als ersten Torwart festgelegt. Hildebrand packte seine Koffer. Er wird an diesem Sonntag (Anstoß: 17.30 Uhr/ Sky und im FAZ.NET-Liveticker) beim Spiel der Eintracht in Hamburg die Bank drücken. Doch für den 35 Jahre alten Hildebrand, 2007 Meister mit dem VfB Stuttgart, ist das kein Problem: „Ich kenne meine Rolle hier bei der Eintracht und kann mich zu 100 Prozent damit identifizieren. Ich möchte Felix unter die Arme greifen. Die Absprachen sind klar, und es wird mit mir kein Theater geben.“

          Drobny nutzt seine Chance

          Für Hildebrand, sieben A-Länderspiele, war die Station Spanien der Karriereknick. Bei Adler war es eine Verletzung. Sicher wäre seine Karriere anders verlaufen, hätte Adler nicht wegen anhaltender Rippenschmerzen seine Teilnahme an der WM 2010 absagen müssen – als Stammtorwart. Manuel Neuer übernahm, und wurde vier Jahre später zum WM-Helden. Adlers Geschichte erzählt seitdem vom Abstieg auf Raten.

          7 Länderspiele hat Timo Hildebrand absolviert

          Als der HSV ihn im Sommer 2011 ablösefrei aus Leverkusen holte, sollte er das Gesicht der Hamburger werden. Bei Bayer hatte ihn Bernd Leno verdrängt, auch wegen Adlers Patellasehnen-OP. Eine ganze Reihe großartiger Spiele unter wechselnden Trainern zeigte Adler in Hamburg. Ende 2012 wurde er erstmals wieder für die DFB-Elf nominiert, ehe ihn im vergangenen Winter das Verletzungspech einholte. Diesmal schmerzte das Sprunggelenk. Adler mühte sich durch die Rückrunde. Doch als vor dem Relegationsspiel gegen Fürth eine Rückenverletzung mit Lähmungserscheinungen im Bein aufbrach, musste Drobny einspringen – und führte Hamburg mit klarem Kopf und großen Taten zum Klassenverbleib.

          Rückzug als Sprachrohr

          Der Tscheche ist ein Schweiger, er kratzte nie an Adlers Thron, er ist ein loyaler zweiter Mann, trägt aber die Nummer eins auf dem Rücken. Zuletzt gab es kaum Unterschiede in der Leistung der beiden. Adler wirkte hinter seiner Abwehr aber merkwürdig verzagt. Es schien, als folgte keiner mehr seinen Anweisungen. Er ist ja auch kein Muskeltyp wie Roman Weidenfeller oder ein Mitspieler wie Neuer. Keiner, der brüllt. Adler hat Reflexe, er ist der Mann spektakulärer Paraden. Die fehlten jüngst, und seine Unentbehrlichkeit im Hamburger Tor schwand. Auch wenn Zinnbauer sagt: „Die Entscheidung im Tor ist uns am schwersten gefallen.“ Es mag Adler frustriert haben, dass der HSV aus seinen Möglichkeiten und Versprechungen so wenig macht. Nicht der Abstiegskampf, sondern die Champions League war das Maß, als er 2011 herkam. Adler war tapfer – nein, Hamburg sei keine Enttäuschung, er danke dem ehemaligen Manager Frank Arnesen dafür, auf ihn gesetzt, ihn als Langzeitverletzten geholt zu haben. Doch die so innige Beziehung zwischen Adler und seinem Verein wirkt seit längerem beschädigt.

          Mit der Zeit hat sich Adler als Sprachrohr der Mannschaft zurückgezogen. Er gab kaum noch Interviews, die öffentlichen Auftritte mit Freundin Lilli Holunder wurden weniger. Illoyal ist Adler dabei nie gewesen. Es muss ihm wehgetan haben, wie zunächst Ron-Robert Zieler, dann auch Weidenfeller im DFB-Team vorbeizogen. Inzwischen gibt es in Marc-André ter Stegen, Ralf Fährmann, Oliver Baumann oder Timo Horn eine Fülle jüngerer Torhüter, denen eine Karriere in der Nationalmannschaft zuzutrauen wäre. Immer mal wieder hat Adler mit einem Wechsel in die Premier League geliebäugelt. Vielleicht würde das seiner Karriere noch einmal Schwung geben. Allerdings sind deutsche Torhüter auf der Insel unbeliebt. Das musste auch schon Timo Hildebrand erfahren.

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