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Wieder kein HSV-Aufstieg : „Die anderen haben es mehr gewollt“

  • -Aktualisiert am

Auch Interimstrainer Horst Hrubesch konnte dem HSV nicht mehr helfen. Bild: dpa

Wieder verpasst der Hamburger SV den Aufstieg in die Bundesliga. Wie konnte das nur passieren? Die Analyse sollte sich eng an einen simplen Satz von Horst Hrubesch anlehnen.

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          Die Armseligkeit dreier Spielzeiten hat Horst Hrubesch in einen simplen Satz gepackt: „Die anderen haben es mehr gewollt.“ Es wird auch nach dieser Saison die große Analyse der Verantwortlichen geben; eine Aufrechnung, die erfahrungsgemäß mit Begriffen wie „schonungslos“, „ergebnisoffen“, „ehrlich“ oder „ungeschminkt“ verkleidet wird. Das klingt dann immer sehr dramatisch, während die Ergebnisse oft banal sind.

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          Wahrscheinlich reden sich die Verantwortlichen der HSV Fußball AG während einer Klausurtagung wirklich bald die Köpfe heiß. Die Analyse sollte sich indes eng an Hrubeschs Satz vom Sonntagnachmittag anlehnen. Dann wäre die Aussicht auf Besserung am größten: „Die anderen haben es mehr gewollt.“

          An der Bremer Brücke zu Osnabrück hatte der HSV beim 2:3 gerade seine letzte Aufstiegschance weggeworfen – der VfL hatte zuvor 13 Mal zu Hause verloren. In der Rückrunde haben die Hamburger gegen Würzburg, Sandhausen, Regensburg und nun Osnabrück genau einen Punkt geholt. Eine Woche lang war davon die Rede gewesen, dass man da sein werde, sollte Fürth in Paderborn patzen. Und dann das. „Wir hatten es nicht verdient. Wir müssen einfach mehr leisten, jeder muss sich hinterfragen, ob das alles ist, was wir hier gemacht haben“, sagte Hrubesch. Er wirkte selbst überrascht, ja ratlos, wie wehrlos seine Fußballmannschaft sich ergeben hatte.

          Druckresistenz und Variabilität

          Zwei Dinge hatten Vorstand Jonas Boldt und Hrubeschs Vorgänger Daniel Thioune der Mannschaft und dem ganzen Verein mitgeben wollen: Druckresistenz und Variabilität. Die gesamte Organisation sollte sich entwickeln. Dafür stellten Boldt und Sportchef Michael Mutzel ein Team zusammen, das wohl jeder in dieser Mischung aus erfahren und hungrig zum Aufstiegsfavoriten gestempelt hätte – kein Wunder bei einem Etat von etwa 23 Millionen Euro, dem höchsten der zweiten Liga. Sven Ulreich und Simon Terodde mit Josha Vagnoman und Amadou Onana: das musste doch klappen. Es funktionierte bis Spieltag 19. Dann brach der HSV wie in den beiden Jahren davor zusammen.

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          Jetzt, da ein Coach gehen musste und der Interimstrainer am Fehlen einer Siegermentalität verzweifelt, rücken zwangsläufig Boldt und Mutzel als diejenigen ins Zentrum der Kritik, die diesen Kader zusammengestellt haben und wie im Vorjahr scheiterten. Mit vergleichsweise hohen Gehältern wurden Profis wie Klaus Gjasula oder davor David Kinsombi und Jeremy Dudziak nach Hamburg geholt; der Plan war, mit ihnen die nötige Zweitligaerfahrung und Widerstandsfähigkeit (Gjasula) in den Kader zu importieren. Das Leitmotiv Entwicklung rückte in den Hintergrund, denn der große innere Druck, aufsteigen zu müssen, dominierte die Überlegungen.

          Nun müssen Boldt und Mutzel eingestehen, dass der Kader zwar teuer und nominell gut ist, was den Ertrag betrifft aber durchschnittlich und von Selbstüberschätzung geprägt. Neben Terodde mit seinen 23 Toren gelang eigentlich nur einem eine wenigstens solide Leistung über die ganze Saison hinweg: Moritz Heyer, von dem eigentlich wenig erwartet worden war. Andere, die Stützen sein sollten, wie Jatta, Kittel, Leibold oder Dudziak, ließen ihr Können nur aufblitzen.

          Boldt verweist gern darauf, dass die Erwartungen hier im Erfolgsfall hochschössen, nach Niederlagen eine depressive Stimmung folge. Die Erwartungen bedeuteten für die Spieler eine große Belastung. Das mag sein, wobei der Anspruch vieler Fans an „ihren“ HSV nur noch ist, sich als Gesamtkonstrukt nicht zu blamieren und im sportlichen Kerngeschäft wettbewerbsfähig zu bleiben. Gerade ohne Zuschauer erlebte der HSV in diesen Pandemiezeiten die „druckloseste“ Saison aller Zeiten. Insofern führt Boldts Betrachtung zu nichts.

          Schon eher auf der richtigen Fährte ist er, wenn er die Profis, also mithin seine eigene Arbeit der Sichtung und Verpflichtung kritisiert: „Man muss jetzt auch sehen, wer bereit ist, die Situation in Hamburg anzunehmen. Also nicht immer nur von Druck zu reden, sondern während der Saison nicht abzuheben und bei sich zu bleiben. Nicht vom Aufstieg zu träumen, sondern an diesem Traum hart zu arbeiten.“ Wenn er vom Druck spricht, wirkt das bei Boldt einerseits wie ein stimmiger Teil der Analyse – andererseits aber auch wie ein Alibi für das Versagen der Spieler und letztlich auch seine Verpflichtungspolitik.

          HSV-Torwart Sven Ulreich will nach der Niederlage in Osnabrück gar nicht mehr hinschauen.
          HSV-Torwart Sven Ulreich will nach der Niederlage in Osnabrück gar nicht mehr hinschauen. : Bild: dpa

          Die Führungsriege sollte Hrubesch dankbar dafür sein, dass die Kernproblematik nun so offen daliegt: Die anderen haben es mehr gewollt. Boldt steht als erster Mann des HSV in der Kritik, trotzdem ist es richtig, dem 39-Jährigen zu vertrauen. Ein nächster Führungswechsel auf oberster Ebene wäre fatal. Und Boldt will ja auch weiterhin vorangehen, Führung und Halt liefern.

          In seinem dritten Jahr in der zweiten Liga, dem vierten des HSV, muss sich Boldt mit Mutzel bei der Trainer- und Kaderauswahl mehr denn je die Frage nach dem richtigen Charakter stellen. Halbherzig ist Boldt diesen Weg schon gegangen, indem er gemeinsam mit Thioune sechs Nachwuchsspieler hochzog, Vagnoman und Ambrosius zu Stammspielern machte. Robin Meißner könnte der nächste sein. Wenn der HSV das Thema „Entwicklung“ wirklich zur Leitschnur des Handelns machen will, sollte er versuchen, eine junge Mannschaft aus den eigenen Reihen aufzubauen. Keine, die von vermeintlichen „Starspielern“ der Zweitliga durchsetzt ist. Fürth hat das vorgemacht.

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