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2:1 n.V. in Karlsruhe : Das nächste Hamburger Last-Minute-Wunder

Sie haben es geschafft: HSV-Trainer Labbadia liegt nach dem Abpfiff in den Armen von beziehungsweise auf Kapitän van der Vaart. Bild: AFP

Wieder ein Drama, diesmal mit noch mehr Glück: Wie in der vergangenen Saison entgeht der HSV auch gegen Karlsruhe in der Relegation dem  Abstieg. Nicolai Müller erzielt den entscheidenden Treffer in der Verlängerung – und lässt die Bundesliga-Uhr des Traditionsklubs weiterlaufen.

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          Es geht weiter. Wirklich. Der Glaube daran hatte arg gelitten – nicht nur in den vergangenen Tagen. Auch am Montagabend schien der Hamburger SV schon geradewegs und endgültig auf dem Weg in die Zweite Liga. Dass es dann reichte in einem Finish, das sich die Erfinder der Relegation nicht packender hätten ausmalen können – das war ein Glückmoment von einer Größe, wie er selbst in dieser emotionalen Branche nur ganz selten ist.

          Er war am Ende auch begleitet von Szenen, wie man sie eigentlich in keiner Liga sehen möchte, als Hamburger Fans massenweise aus ihrem Block in den Innenraum strömten und von Sicherheitsketten im Zaum gehalten werden mussten. Sportlich aber, daran gab es keinen Zweifel, hatten diese vielmals totgesagten Hamburger ein veritables  Last-Minute-Wunder vollbracht.  „Wir wussten, dass es eng werden kann, aber dass es so eng würde, haben wir nicht gedacht“, sagte der Hamburger Kapitän Rafael van der Vaart angesichts des Dramas, das er, seine Hamburger - und natürlich auch die Karlsruher durchlebt hatten.

          Hamburg kennt kein Halten mehr

          Beim KSC wird man vielleicht noch lange hadern mit jener Szene in der 90. Minute, in der Schiedsrichter Manuel Gräfe Freistoß für Hamburg pfiff wegen eines Handspiels knapp außerhalb des Strafraums, nachdem Meffert aus kurzer Distanz von Rajkovic getroffen wurde. Für die Hanseaten aber bedeutete es nicht weniger als den Schuss ins Glück, weil Marcelo Diaz direkt verwandelte und damit die  KSC-Führung durch Reinhold Yabo aus der 78. Minute ausglich.

          In der  Verlängerung, mit der nicht mehr zu rechnen gewesen war, schien das Team von Markus Kauczinski dann eigentlich seine Fassung wiedergefunden zu haben und auf gutem Weg, das Versäumte nachzuholen. Doch als Nicolai Müller in der 115. Minute zum 2:1 für den HSV traf, gab es kein Halten mehr bei den Hamburgern. Männer in Rot jagten kreuz und quer über den Platz und rissen sich die Hemden vom Leib. Bruno Labbadia ballte mit aller Macht die Faust, und sein Jackett wehte dabei, wie man es eigentlich nur von ihm kennt, diesem Ausbund an Temperament und Leidenschaft.

          Ausgelassene Freude: Die HSV-Spieler bejubeln den Klassenerhalt Bilderstrecke

          Natürlich gebührt dem Trainer der größte Verdienst daran, dass die ewige Bundesliga-Uhr des HSV nicht abgestellt werden muss. Die zehn Punkte, die Labbadia aus seinen sechs Ligaspielen holte, brachten die Hamburger überhaupt erst in die glückliche Lage, auf eine Rettung in der Nachspielzeit dieser Saison hoffen zu dürfen – wie auch schon in der vergangenen, als der HSV unter Mirko Slomka durch ein 0:0 und ein 1:1 gegen Greuther Fürth die Klasse gehalten hatte.

          Und  auch in der Relegation, dieser Nervenkitzel-Veranstaltung, schaffte Labbadia es, seiner Mannschaft so etwas wie Glauben an sich selbst zu vermitteln – selbst  nach dem ernüchternden 1:1 im Hinspiel am Donnerstag, in dem der KSC von  Trainer Kauczinski so forsch und der HSV so verzagt aufgetreten war. Nicht aufgeben – das war das Motto, das Labbadia vorlebte, und das am Ende belohnt  wurde, selbst wenn es in der Gesamtabrechnung natürlich auch glücklich war. Es passte zu den speziellen Hamburger Abwehrkräften, dass Torhüter René Adler in  der letzten Minute der Verlängerung noch einen Handelfmeter von Hennings parierte. 

          „Ich habe sechs Wochen als Familienvater nicht existiert“, sagte Labbadia vor  den Fernsehkameras über seine erfolgreiche Rettungsmission. „Ich bin  unglaublich stolz, wie meine Mannschaft gearbeitet hat. Hier waren Menschen am  Werk, die nicht aufgegeben haben.“ Stolz konnte er sein, weil seine Hamburger  in Karlsruhe tatsächlich einen wehrhaften Auftritt zeigten, bei dem sich  phasenweise sogar so etwas wie Spielkultur andeutete. Das alles schien lange jedoch nicht zu reichen, weil aus der Dominanz, die das Team sich erarbeitete, bis kurz vor Ultimo nichts Zählbares herausspringen wollte: Harmlosigkeit vor dem  Tor gehörte eben zu den Hamburger Schlüsselmerkmalen in dieser Saison.

          Es ist  aber zugleich verblüffend, wie sich immer wieder ein Retter in der Not auftat,  mit dem man vorher nicht unbedingt gerechnet hätte – so wie an diesem Abend  Diaz, der erst im Februar vom FC Basel nach Hamburg gekommen war und noch keinen eigenen Treffer hatte bejubeln können.

          Auch Dietmar Beiersdorfer wird in Karlsruhe gezittert und gelitten haben wie kaum ein anderer. Der Vorstandschef, der bei seiner Rückkehr nach Hamburg wie ein Heilsbringer empfangen worden war, hatte durch zögerliche Führung seinen Teil  zur maximalen Misere beigetragen, dann aber in höchster Not doch noch einmal  eine richtige Entscheidung getroffen, als er Labbadia das Vertrauen schenkte. Die Führungscrew mit Beiersdorfer, Labbadia und Sportchef Knäbel hätte auch im Falle eines Abstiegs weitermachen sollen.

          So können sie in der  ersten Liga am Neuanfang arbeiten, den der HSV so dringend braucht, um nach Jahren des Kuddelmuddels endlich wieder ein Team von Format - oder zumindest  mit erkennbarer Struktur - zu entwickeln. „Niemals zweite Liga“, sangen die  Hamburger Fans in Karlsruhe aus voller Brust. Es ist ja auch wirklich kaum zu  fassen, wie viele Leben dieser Klub zu haben scheint.

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