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Drama in der Relegation : Karlsruher Tränen, Ärger und Wut

Einfach untröstlich: Der Karlsruher SC verliert die Relegation auf dramatische Art und Weise Bild: dpa

So unglaublich kann Fußball sein! Der HSV steht nach 51 Jahren und 281 Tagen am Bundesliga-Abgrund und rettet sich doch noch auf dramatische Weise. Gegner Karlsruhe ist untröstlich – und hadert mit dem Schiedsrichter.

          Als Manuel Gräfe am Montagabend um 21.31 Uhr ein letztes Mal in seine Pfeife blies, kannte die Enttäuschung auf der einen und der Jubel auf der anderen Seite keine Grenzen mehr. Der Hamburger SV feierte überschwänglich den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenverbleib in der Fußball-Bundesliga, die Karlsruher wussten nach dem 1:2 nach Verlängerung im Rückspiel der Relegation  gar nicht mehr wohin mit Tränen, Ärger und Wut. Der Schiedsrichter verließ als einer der ersten Protagonisten den Rasen im Wildparkstadion, war aber auch lange nach dem Abpfiff noch in aller Munde.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Der Deutsche Fußball-Bund hatte bei der Einteilung für das brisante Spiel nicht umsonst einen ihrer erfahrensten Männer geschickt. 185 Partien hat der 41 Jahre alte Berliner in der höchsten deutschen Spielklasse schon geleitet. Und noch wichtiger: Mit seiner ruhigen Art ist der Sportwissenschaftler, der seit 2007 auch auf Fifa-Ebene eingesetzt wird, prädestiniert für Duelle, in denen es besonders hitzig zugeht. 90 Minuten war es ein souveräner Auftritt von Gräfe, dann aber griff er entscheidend ein in die Antwort auf die Frage, wer den letzten Platz in der Bundesliga 2015/16 ergattert.

          Als Verteidiger Slobodan Rajkovic in der Nachspielzeit einen Ball volley nahm, lagen die Hamburger nach dem Treffer das Karlsruhers Reinhold Yabo (78. Minute) mit 0:1 hinten und standen ganz dicht vor dem ersten Abstieg nach 51 Jahren und 281 Tagen Bundesliga. Rajkovics Schuss traf KSC-Spieler Jonas Meffert, der sich noch wegdrehte, am angewinkelten Arm. Keine Absicht, keine Vergrößerung der Körperfläche und  aus kurzer Entfernung – alles Argumente für Meffert. Gräfe aber plädierte auf schuldig und pfiff zwanzig Meter vor dem Karlsruher Tor Freistoß. Der HSV bekam sie, die wirklich allerletzte Chance, als die Aufsteiger-Shirts schon neben der KSC-Bank bereit lagen.

          Und Marcelo Diaz, der kleine Chilene, der erst am 2. Februar, am letzten Tag der Winter-Transferfrist,  aus Basel nach Hamburg gekommen war, nutzte sie. Auf eine Art, als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen als unter diesem riesigen Druck, wenn an einem Schuss alles hängt, einen Freistoß ins Tor zu schaufeln. Dabei sollte eigentlich Rafael van der Vaart schießen. Doch Diaz, der bisher in Deutschland noch torlos war, habe ihm den Ball „geklaut“, sagte der Niederländer und grinste, weil er heilfroh war, sich nicht mit dem Abstieg verabschieden zu müssen in seinem letzten HSV-Spiel. Es war der erste direkt verwandelte Freistoß der Hamburger in dieser Saison.

          Diaz traf also und nach zwei kompletten Spielen waren alle so schlau wie zuvor. Nach dem 1:1 im Hinspiel am vergangenen Donnerstag mussten beide nun nach dem Ausgleich in die Verlängerung. Dort war es dann Nicolai Müller, der nach Vorlage von Cleber, eigentlich Verteidiger, nach seiner Einwechslung wegen seiner Kopfballstärke aber als Stürmer aufgeboten, zum 1:2 einschob (115.) und die Grundlage für die Hamburger Party schuf.

          Mehr Dramatik geht nicht. Der Spielverlauf erinnerte ein wenig an die lang gezogene Version des Champions-League-Finals von 1999, als Manchester United die Bayern nach 0:1-Rückstand durch zwei Tore in der Nachspielzeit noch besiegte.

          „Als ob uns jemand das Herz rausgerissen hat“

          Sie waren so dicht dran an der Bundesliga – und am Ende untröstlich. „Es tut weh, es ist, als ob uns jemand das Herz rausgerissen hat“, sagte Torschütze Yabo. Sportdirektor Jens Todt sprach unzensiert über seine Gefühlslage: „Man kann nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.“ Er bezog sich dabei weniger auf den verpassten Aufstieg als auf Gräfes Entscheidung. „Das ist absoluter Wahnsinn.“ Trainer Markus Kauczinski war etwas nüchterner: „Er dreht sich weg, das kann man mit der Regel nicht erklären, keine Ahnung, was er da gepfiffen hat.“ Auch Präsident Ingo Wellenreuther haderte: „Wir hätten den Aufstieg verdient gehabt. Nur einer hatte was dagegen, das war der Schiedsrichter.“

          Nach dem verhängnisvollen Pfiff, vor dem entscheidenden Freistoß: Schiedsrichter Manuel Gräfe kontrolliert die Mauer Bilderstrecke

          Da half es auch nicht, dass Karlsruhe einen ebenso unberechtigten Elfmeter in letzter Minute der Verlängerung bekam, als Rouwen Hennings Johan Djourou den Ball an die Schulter geschossen hatte. Doch spätestens als Hennings an Rene Adler scheiterte, war klar, dass es nicht eine noch verrücktere Wende geben würde. „Es tut mir leid für die Spieler, die alles gegeben haben. Das Quäntchen Glück hat uns heute gefehlt“, sagte Trainer Kauczinski. Daran, dass er mit seinem Team nächste Saison einen neuen Anlauf nehmen kann, wollte er verständlicherweise in diesem Moment nicht denken, zu frisch war der Schock, zu tief saß der Stachel der Enttäuschung nach diesem K.o. in der letzten Runde.

          Den Hamburgern war das natürlich egal. Schon in der Relegation vor einem Jahr waren sie nach einem 0:0 und einem 1:1 gegen Greuther Fürth dem Absturz nur haarscharf entkommen, nun war es noch knapper. Die Emotionalität des Augenblicks packte auch die oft leidgeprüften HSV-Fans, von denen einige schon vor Abpfiff über den Zaun kletterten und auf der Tartanbahn hinter dem Tor von Polizei und Ordnungsdienst in Schach gehalten werden mussten. Anders als etwa in der Drittliga-Relegation in Offenbach am Sonntag gelangten sie aber zum Glück nicht auf das Spielfeld.

          Im Mittelpunkt der ausgelassenen Feier standen weder die Torschützen Diaz und Müller noch Elfmeterheld Adler. Fast jeder beim HSV erwähnte zuerst den großen Anteil von Bruno Labbadia an der geglückten Mission „Rettet den Bundesliga-Dino“. In sechs Spielen holte er zehn Punkte und verschaffte durch Platz 16 die zweite Chance über die Relegation. „Abstiegskampf ist mit Abstand das Schlimmste“, sagte der Retter, der wie aufgekratzt von Spieler zu Spieler rannte. Nach Entlassung 2010 hatte er immer im Hinterkopf, dass seine Mission in Hamburg noch nicht beendet war.

          Nun beendete er die Aufgabe, die ihm am 15. April gestellt worden war, erfolgreich und lässt die berühmte Bundesliga-Uhr in der Hamburger Arena auch in der nächsten Saison weiterticken. „Ein ganz großes Lob und ein ganz großes Dankeschön an Bruno und seinen Stab“, sagte der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer. Am Ende des aufregenden Tages gab es dann aber doch noch eine schlechte Nachricht. Die Internetseite HSV.de brach unter dem Ansturm der Fans zwischenzeitlich zusammen. „Sorry Leute, die Seite ist tot“, twitterten die Hamburger. „Aber egal, Hauptsache, der Dino lebt“. Das tut er tatsächlich immer noch. Und wie!

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