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Unruhe, Machtspielchen, Streit : Der HSV und die Schatten der Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Im Kern der Querelen: Vereinspräsident Marcell Jansen Bild: WITTERS

Sportlich liegt das Team unter Trainer Daniel Thioune gut im Rennen – hinter den Kulissen aber brodelt es gewaltig. Mittendrin: der frühere Profi und heutige Präsident Marcell Jansen.

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          Fehler reduzieren und Resistenz entwickeln: Das sind Aufgaben jeder Fußballmannschaft, um gesteckte Ziele zu erreichen. Dass Trainer Daniel Thioune beides vom Hamburger SV fordert und gerade das Wort „resistent“ gern verwendet mit Blick auf die nächsten Spiele, hängt mit den vergangenen Spielzeiten zusammen – da war der HSV im Saisonfinale kaum noch widerstandsfähig und brach in den Spitzenspielen ein: zweimal Platz vier war die Folge.

          2. Bundesliga

          Auch in dieser Zweitligasaison zeichnet sich ab, dass vier Vereine um die beiden Aufstiegsplätze und den Trostpreis Relegation kämpfen. Die Hamburger, Bochum, Kiel und Greuther Fürth. In den kommenden vier Wochen spielt Thiounes Team gegen die drei Verfolger; den Start in die Serie von Gipfeltreffen macht die Partie gegen den Tabellenvierten aus Fürth an diesem Samstag (13.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga sowie bei Sky).

          Anders als 2019 und 2020 geht der HSV aber im Gefühl der Stärke in die Spitzenspiele. Tatsächlich hat Thioune eine belastbare Stammelf gefunden, was seinen Ausdruck in einer Folge von zehn Spielen ohne Niederlage findet und auch darin, dass Ausfälle gut aufgefangen wurden. Gerade gegen den Ball sind die Hamburger besser geworden als unter Thiounes Vorgänger Dieter Hecking – da ist mehr Entschlossenheit im gemeinsamen Verteidigen, auch wenn der letzte Wille, Vorsprünge auszubauen oder zu verteidigen, immer noch manchmal fehlt. Wie beim 3:3 nach 3:1 in Aue vergangenen Freitag. Sportlich wird der Aufstieg also nur gelingen, wenn sich die auch taktisch renovierte Mannschaft weiterhin widerstandsfähig zeigt.

          Welche Rolle soll Investor Kühne spielen?

          Widerstandsfähigkeit braucht wieder einmal auch der ganze HSV, besser: der Verein und die HSV Fußball AG. Denn die Führung der AG mit den Vorständen Jonas Boldt (Sport) und Frank Wettstein (Finanzen) erlebt seit einigen Wochen, dass die Schatten der Vergangenheit lang und länger werden. Wieder einmal geht es um die grundsätzliche Ausrichtung des HSV: Soll man sich stärker für Investoren öffnen und die Rechtsform ändern, um Klaus-Michael Kühne den Erwerb weiterer Anteile über seine gut 20 Prozent hinaus zu ermöglichen? Auch eine breitere Aufstellung der Gesellschafterstruktur könnte dann möglich werden. Oder wählt man einen von Kühne und anderen unabhängigen Weg?

          Im Kern der Querelen steht der frühere Profi Marcell Jansen als Präsident des HSV e.V. Jansen gilt als Kühne-Befürworter. Er ist mit seinen Präsidiumskollegen Thomas Schulz und Moritz Schaefer derart zerstritten, dass sie sich in dieser Woche nicht einmal auf einen Termin für die außerordentliche Mitgliederversammlung einigen konnten. Auf dieser Versammlung sollte es nach Wunsch einiger Vereinsgremien um die Abwahl Schaefers gehen, dem vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen wird. Schaefer und Schulz sind dagegen, sich enger an Kühne zu binden. Für die AG ist das Handeln des e.V. vor allem deshalb relevant, weil der e.V. zwei Posten im Aufsichtsrat der AG besetzt, die derzeit vakant sind. Hält man sich vor Augen, dass der Aufsichtsrat für die Bestellung des Vorstands zuständig ist, erkennt man seine Macht. Welche Kontrolleure der e.V. in die AG entsendet, ist umstritten.

          Die Vorgeschichte zu den aktuellen Querelen ist dabei Bernd Hoffmanns Aus vom März 2020. Damals kam es im Vorstand der AG zum Zerwürfnis zwischen Boldt und Wettstein auf der einen und Hoffmann auf der anderen Seite. Der Aufsichtsrat musste entscheiden. Jansen positionierte sich gegen Hoffmann. Es kam zum Führungswechsel, den auch Kühne befürwortete – Hoffmann hatte weitgehend ohne den Milliardär weitermachen wollen. Dafür gab es Applaus vieler Fans, während Jansen als „Kühnes Mann“ kritisch gesehen wird.

          Nun, ein Jahr später, gibt es in Hamburg die Wahrnehmung, dass Schaefer und Schulz als dessen Vertraute die nächste Rückkehr Hoffmanns vorbereiten. Auch seine frühere rechte Hand Katja Kraus kam mit einem möglichen Comeback in den Führungsgremien ins Gespräch. Welche Rolle dabei Status-Verbesserungen und Eitelkeit spielen, sei dahingestellt. Die Krise im e.V. hat Jansen jedenfalls unzulänglich gemanagt.

          Unruhe, Personaldebatten, Machtspielchen, Streit: Boldt, 39 Jahre alt, ist es in seinen anderthalb Jahren beim HSV gelungen, diese alten Gespenster zu vertreiben und die Stimmung aufzuhellen. Das Pöstchen-Geschacher ist ihm zuwider. Boldt will den HSV voranbringen. Er steht für viele gute Entscheidungen, auch und gerade, was Spielertransfers betrifft. Man hört, dass das Gezerre im e.V. bislang keine Auswirkungen auf die tägliche Arbeit rund um die Profis habe. Widerstandsfähigkeit muss indes auch Boldt aufbringen, um seine Ziele beim HSV zu verwirklichen.

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