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Ein ewiger Krisen-Klub? : Der HSV schon wieder

  • -Aktualisiert am

Hat stets was zu lachen: HSV-Maskottchen Dino Hermann Bild: Witters

Investor Kühne macht den nächsten Versuch, den Hamburger SV mit Millionen zurück in die Bundesliga zu bringen. Das Geld hätte der Klub bitter nötig. Und hinter den Kulissen tobt heftiger Streit.

          3 Min.

          In all den Jahren des Niedergangs war rund um den Hamburger SV eine gewisse Gewöhnung oder besser: Ermüdung eingekehrt, wenn es wieder hieß – neuer Trainer, neuer Sportchef, neuer Vorstand. Und auch Klaus-Michael Kühnes Gepolter aus dem schweizerischen Schindellegi gehörte zum Grundrauschen dieses großen, kleinen Vereins, der zu einem recht normalen Zweitligaklub geschrumpft ist.

          2. Bundesliga

          Die Wogen der Empörung waren meist schnell geglättet und interessierten rasch nur noch in Hamburg, weil überregional und international ganz andere Themen die Fußballwelt bewegen als das verzweifelte und oft peinliche Ringen des HSV, den richtigen Weg einzuschlagen. Insofern ist auch Kühnes Attacke vom Donnerstagnachmittag in diesen größeren Zusammenhang einzuordnen – es ist der nächste Versuch, den Verein mit viel Geld zurück in die Bundesliga zu bringen. Die Reaktion darauf mag seitens der Konkurrenz wohl sein: Ja, ja, der HSV.

          Dass Kühne an seinem Lieblingsklub seit seinem Einstieg vor zwölf Jahren wie Pattex klebt und schon viele Vorstände überlebt hat, die ihn loswerden wollten, amüsiert alle Fußballfreunde, die den Hamburgern spöttisch bis hämisch be­gegnen. Und die Nebenbuhler dürfen sich freuen: Solange der HSV weiter streitet wie aktuell im Showdown zwischen den Vorständen Jonas Boldt und Thomas Wüstefeld und nicht ohne Kühne, aber auch nicht mit ihm kann, wird er sich weiter dergestalt schwächen, dass ein Auf­stieg in immer größere Ferne rückt: Jeder bekommt den Investor, den er verdient. Jedenfalls hat in Hamburg kein Mensch vom Spiel bei Arminia Bielefeld am Samstag (13.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga und bei Sky) gesprochen.

          Kommt das Uwe-Seeler-Stadion?

          120 Millionen Euro will Kühne der HSV Fußball AG geben. Zum einen will er das Volksparkstadion in Uwe-Seeler-Stadion umbenennen lassen und dafür zehn Jahre lang drei bis vier Millionen Euro pro Jahr zahlen. Zudem will der 85 Jahre alte Milliardär seine Anteile an der Fußball AG von derzeit gut 15 auf knapp 40 Prozent erhöhen und dem Verein dafür Kapital in Höhe von 60 bis 80 Millionen Euro spendieren. Im Ge­genzug fordert Kühne, den Vorstand und den Aufsichtsrat des HSV neu zu besetzen mit fortan zwei Getreuen im Kon­trollgremium. Sprich: Wer das Geld gibt, bestimmt – also Klaus-Michael Kühne be­ziehungsweise seine Abgesandten.

          Wenn man sieht, wie achtlos mit Kühnes Geld beim HSV in den vergangenen Jahren umgegangen wurde, kann man Kühne nur zu gut verstehen. Es wäre naiv, zu glauben, er würde der nächsten HSV-Führung einfach Spielgeld hinlegen. Mehr Anteile bedeuteten mehr Einfluss. Wozu man sagen könnte: Nach all dem, was der HSV in den vergangenen Jahren erfolglos unternommen hat, wa­rum sollte man nicht jetzt alles auf die Karte Kühne setzen?

          Hat 120 Millionen und ein paar Wünsche:  Investor Klaus-Michael Kühne
          Hat 120 Millionen und ein paar Wünsche: Investor Klaus-Michael Kühne : Bild: PublicAd

          Bis es so weit kommen könnte, müsste allerdings eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden, in der darüber abgestimmt wird, ob die HSV Fußball AG mehr als die satzungsgemäß erlaubten 24,9 Prozent ihrer An­teile verkaufen darf. Dafür brauchte Kühne eine Zweidrittelmehrheit. Die ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn clever, wie er ist, wendet er sich mit seinem Angebot in Zeiten größter Not an den HSV. Da ist nicht nur der lähmende Streit Boldt/Wüstefeld. Da sind vor allem ausstehende Investitionen ins Stadion, die nicht getätigt werden können, weil der HSV die von der Stadt dafür vorgesehenen und überwiesenen 23 Millionen Euro einfach anders ausgegeben hat.

          Fie­berhaft sucht Wüstefeld nun nach Lö­sungen, um unter anderem die von der UEFA geforderte Klimaanlage zu finanzieren. Zwischendurch stand Hamburg ja sogar als Spielort für die EM 2024 auf der Kippe. Mit der Dringlichkeit, den Ka­der zu verstärken, und der Notwendigkeit, das Stadion zu modernisieren, hing der Klub komplett zwischen Baum und Borke.

          Nun verspricht Kühne 25 Millionen für die Stadionsanierung, 20 Millionen für den Schuldenabbau und 20 Millionen für die Mannschaft: Wer könnte dazu schon nein sagen? Zu Wüstefeld hat Kühne schon nein gesagt und wieder einmal nachgewiesen, dass er nie davor zurückschreckt, Führungspersonal zu diskreditieren. Er hoffe, Wüstefeld sei „beim HSV bald Geschichte“, hatte Kühne dem „Abendblatt“ vor einer Woche gesagt.

          Der Medizintechnik-Unternehmer war selbst erst zu Jahresbeginn als Investor eingestiegen und über sein Aufsichtsrats­mandat in den Vorstand geschlüpft. Verstrickt in den Streit mit Boldt dürfte Wüstefeld diesen Schritt längst bereut ha­ben, obwohl Vereinspräsident und Chef­kontrolleur Marcell Jansen bislang an der Seite Wüstefelds stand statt an Boldts.

          Doch hier wird es schon wieder so unübersichtlich, dass nur noch hanseatische Insider verstehen, wer überhaupt gegen wen schießt. Und warum. Die große Fußballöffentlichkeit dürfte sich derweil zwischen Grusel und Amüsement zurücklehnen und denken: Ach, der HSV wieder.

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