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HSV : Kein Geld, kein Einsatz, keine Klasse

  • -Aktualisiert am

Ratlos: HSV-Trainer Bert van Marwijk und Manager Oliver Kreuzer (l.) Bild: dpa

Der Hamburger SV zittert vor dem Abstieg: Die Offensive verletzt, die Defensive marode - und der Trainer vermittelt das Gefühl, seine Aufgabe unterschätzt zu haben. Immerhin gibt es einen neuen Aufsichtsratschef.

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          Niemand hätte erwartet, dass der Van-Marwijk-Effekt so schnell verpuffen könnte. Drei Siege, drei Unentschieden und sechs Niederlagen - der Hamburger SV steht da, wo van Marwijk ihn am 25. September 2013 abgeholt hat: auf dem Relegationsplatz. Zwölf Punkte in zwölf Spielen, eine Serie von Heimniederlagen, zuletzt vier punktlose Partien hintereinander und eine Flut an Gegentoren: Nichts davon, was sich die Hamburger Verantwortlichen von dem erfahrenen niederländischen Trainer versprochen hatten, ist eingetreten. Die Minimalerwartung bei Verpflichtung des 62-Jährigen war, die Abwehr zu stabilisieren. Endlich mal zu null spielen, Sicherheit bekommen, auch mal torlose Remis einspielen; das wären die Wünsche von Sportchef Oliver Kreuzer und Vorstand Carl Jarchow.

          Die Bilanz ist ernüchternd. Nur die TSG 1899 Hoffenheim ist hinten noch anfälliger. 41 Gegentore hat sich die zweitschlechteste Defensive der Liga schon eingefangen. Zumindest hat Hamburg einen nüchternen Realisten zum Trainer, der vorgibt, zu wissen, worum es geht: „Ich werde immer gefragt, wie vielter wir werden in dieser Saison. Dabei müssen doch alle wissen, dass es nur gegen den Abstieg geht“, sagte van Marwijk nach dem deprimierenden 0:3 am Sonntagabend gegen den FC Schalke 04.

          Wer soll Tore schießen?

          Der Blick auf die marode Defensive lässt Hamburger Fans zittern, und die Hoffnung, dass die bislang überzeugende Offensive das Dilemma ausgleicht, ist seit Sonntag getrübt. Nach der Verleihe von Artjoms Rudnevs an Hannover 96 und Maximilian Beisters Kreuzbandriss humpelte bei der sechsten Heimpleite auch noch der bislang beste Torschütze mit einem Muskelfaserriss vom Platz: Pierre-Michel Lasogga.

          Genauso ratlos: Die HSV-Spieler nach der Niederlage gegen Schalke
          Genauso ratlos: Die HSV-Spieler nach der Niederlage gegen Schalke : Bild: dpa

          Wer soll beim ersten Abstiegsendspiel am Samstag in Hoffenheim nun für Tore sorgen? Ohne die neun Treffer der Hertha-Leihgabe Lasogga sähe es beim HSV noch viel düsterer aus. Als Mittelstürmer haben die Hamburger lediglich noch Jacques Zoua. Der Angreifer hat bislang nicht einmal angedeutet, was er in der Bundesliga soll. Weil sowohl Geld als auch adäquater Nachwuchs fehlt, wird Kreuzer aber nicht müde, auf ebendiesen Zoua als letzte Sturmoption zu verweisen. Längst ist Kreuzer in die Notlage geraten, den (auch) von ihm zusammengestellten Kader verbal zu stärken - das ist reiner Selbstschutz für den Sportchef, der ja selbst erst im Sommer 2013 anfing.

          Immer wieder leise Zweifel

          Der Sportliche Leiter entzaubert, der Trainer doch kein Retter und eine willenlose Mannschaft: Viele empfinden diesen lahmen HSV keinen Deut besser als Nürnberg, Braunschweig oder Freiburg. „Uns fehlen Aggressivität und Rücksichtslosigkeit“, sagt van Marwijk, „man muss auch mal böse werden.“ Häufig haben die Gegner in der Hamburger Arena mehr Fouls und mehr gelaufene Kilometer auf der Uhr. Wenn einer Mannschaft sowohl Einsatz als auch Klasse fehlt, fällt es wirklich schwer, an den Klassenverbleib zu glauben. „Ich verstehe die Spieler nicht“, sagte Kreuzer, „ich hätte früher meine Schwiegermutter umgebracht, um ein Tor zu verhindern.“ Stützen der Hamburger Gesellschaft wie Westermann und Jansen ließen ihre Gegenspieler am Sonntag gänzlich unbehelligt; so fielen alle Schalker Tore.

          An dieser Stelle kommt eigentlich die Arbeit des Trainers ins Spiel. Er gibt dem verunsicherten Team eine Spielweise vor, an die es glaubt. Er setzt auf die richtigen Typen. Er geht mit breiter Brust voran und lässt keine Zweifel an seinen Qualitäten - und denen der Mannschaft. So ähnlich war van Marwijk auch angetreten in Hamburg. So ähnlich ließ sich van Marwijk auch nach dem Trainingslager in Abu Dhabi vernehmen. Doch zuletzt schlichen sich immer wieder leise Zweifel in seine Aussagen.

          Verlängerung der Heimmisere

          Das dem Wintercamp vorgeschaltete Spiel in Indonesien - weite Reise, ungewohntes Wetter, fragwürdige Erkenntnisse - war einzig der desolaten Finanzlage geschuldet. Van Marwijk schluckte die Kröte nicht ohne Widerworte. „Das ist keine gute Vorbereitung“, sagte er, wurde dann gelassener, als es in der Wüste ordentlich lief und er zwei holländische Leihspieler bekam. Das Spiel gegen Schalke sollte der perfekte Start in die Rückrunde werden - wurde aber die Verlängerung der Heimmisere, die 2013 mit der Niederlage gegen Mainz endete. Nun hat Bert van Marwijk das zweifelhafte Vergnügen, die heimschwächste Mannschaft in der HSV-Geschichte zu verantworten.

          Er ist renommiert, er wurde mit den Niederlanden Weltmeisterschaftszweiter, aber es ist ihm bislang misslungen, dieser Mannschaft ein ganzheitliches Abwehrverhalten beizubringen. Mit diesem steht und fällt aber die Hamburger Aussicht auf Erfolg. Dass van Marwijk reihenweise eingeplante Abwehrspieler ausgefallen sind und er bei der Aufstellung jonglieren muss, erschwert seine Aufgabe immens. Es hält sich das Gefühl, Bert van Marwijk habe seinen Job beim Hamburger SV unterschätzt.

          Immerhin ist der Aufsichtsrat komplett

          Immerhin hat der HSV derweil einen neuen Aufsichtsratschef gefunden: Die Amtszeit des am Montagabend gewählten Jens Meier ist allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit auf maximal fünf Monate befristet. Spätestens bis Ende Juni will der HSV über die Umbildung der Fußball-Profi-Abteilung in eine Aktiengesellschaft entscheiden. Sollte das Strukturmodell „HSV Plus“ eine Dreiviertelmehrheit erhalten, wird die AG einen eigenen Aufsichtsrat in anderer Besetzung bilden.

          Interimschef im Aufsichtsrat: Jens Meier
          Interimschef im Aufsichtsrat: Jens Meier : Bild: dpa

          „Ich sehe das als Interimsaufgabe an“, sagte Meier nach seiner Wahl. Der 49 Jahre alte Geschäftsführer der Hamburg Port Authority war am Montagabend als Nachfolger von Journalist Manfred Ertel einstimmig gewählt worden. Ertel hatte seinen Rückzug als Vorsitzender in der vergangenen Woche bekanntgegeben.

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