https://www.faz.net/-gtm-9q35m

Holstein Kiel : Ein Hauch von Luxus im Land zwischen den Meeren

  • -Aktualisiert am

Blick ins Holstein-Stadion: Haupttribüne mit kahler Funktionalität, Spielerkabinen mit wenig Luxus Bild: dpa

Holstein Kiel will sich dauerhaft in der zweiten Bundesliga etablieren, aber die Strukturen sind mit dem Erfolg nicht mitgewachsen. Selbst der neue Trainer soll über die Bedingungen erstaunt gewesen sein.

          Es gibt einige Kuriositäten in der alten Haupttribüne des Holstein-Stadions zu bestaunen. Das rotweiße Klebeband oben an den Türrahmen gehört dazu: Vorsicht, niedrig! Hier soll sich besser kein Fußballprofi den wertvollen Kopf stoßen. Die schmiedeeiserne Pforte, die den Umkleide-Bereich im ersten Stock von den Funktionsräumen im Erdgeschoss trennt, zählt zur Kategorie denkmalgeschützt. Immerhin sind die Duschen neu, die Wände in den Vereinsfarben gefliest, und ein Traumfänger hat sich auch in die Holstein-Kabine verirrt. Aber die kahle Funktionalität oben in der Haupttribüne ist schon verblüffend, bedenkt man, dass unten auf dem sattgrünen Rasen Zweitliga-Fußball gespielt wird.

          2. Bundesliga
          ANZEIGE

          Der neue Trainer André Schubert soll überrascht gewesen sein, wie wenig Luxus am Westring 501 für ihn und seine Spieler existiert. Abschrecken ließ er sich davon nicht. Immerhin ist da, wo sonst viel Platz, eine kleine kurvige Tribüne und ein freier Blick auf das markante Hochhaus neben dem Stadion war, die schmucke Osttribüne entstanden. Es wächst etwas bei der KSV, und dazu gehört vor allem, dass spätestens in fünf Jahren an selber Stelle ein komplett neues Stadion stehen soll. Dann werden die Tage des ewigen Provisoriums Holstein-Stadion gezählt sein. Schaut man auf den rasanten Wandel bei Mannschaft und Trainer seit dem Aufstieg im Mai 2017, scheint es sinnbildlich, dass auch in der Heimspielstätte kein Stein auf dem anderen gelassen wird: In der Radikalität des Umbaus ist die KSV Holstein einzigartig im deutschen Profifußball.

          Nur drei Autominuten entfernt sitzt Fabian Wohlgemuth in seinem Büro mit Blick auf die vielen Trainingsplätze im Stadtteil Projensdorf. Es ist ordentlich was los: Die zweite Mannschaft spielt am Abend in der Regionalliga, die A-Jugend gruppiert sich zum Mannschaftsfoto, die Profis üben. Wer Holstein nur im Stadion am Westring kennt, staunt hier in der großzügigen, grünen Anlage – das sieht nach Profifußball aus. Die Plätze nahe dem Nord-Ostsee-Kanal verströmen einen guten Geist von ungestörter, zielgerichteter Arbeit. Die KSV, Tabellensechzehnte nach zwei Spieltagen, ist im dritten Jahr in der zweiten Liga dabei, erwachsen zu werden. Wohlgemuth sagt trotzdem: „Bei Holstein hat der sportliche Erfolg die Strukturen überholt.“

          Der 40 Jahre alte Sportchef gilt als Motor der Entwicklungen. Ehrgeizig und fordernd versucht er, Mannschaft und Verein voranzubringen. Wohlgemuth kam vor gut einem Jahr nach Kiel. Sieben Jahre als Nachwuchsleiter beim VfL Wolfsburg brachte er mit, war aber wie Trainer Tim Walter ein weitgehend unbeschriebenes Blatt im Männerfußball. Holstein hatte in der Relegation gegen den VfL im Mai 2018 gerade den Aufstieg in die erste Liga verpasst, ehe Wohlgemuth und Walter in ihre persönliche Mission impossible starteten: Die halbe Mannschaft war zu größeren Klubs gegangen. Trotzdem kam man beträchtlich voran; die „Störche“ spielten schönen Offensivfußball, wurden Sechster. Walter und Wohlgemuth waren in ihrem Mut ein harmonisches Duo, und der Verein erwirtschaftete ein Plus von vier Millionen Euro. Wohlgemuth ist selbstbewusst genug, seinen Wert für die KSV zu kennen: „Man muss organisch wachsen, und dennoch immer offen bleiben für Ideen von außen. Und natürlich benötigen wir auch die Erfahrung aus erfolgreichen Modellen, Experten aus Vereinen der ersten Liga.“

          Fabian Wohlgemuth: Kiels Sportchef mit klarem Plan

          Holstein Kiel ist kein kleiner, armer Verein, schon gar nicht für die Verhältnisse Schleswig-Holsteins. Im Maßstab des Landes zwischen den Meeren sind die Kieler mit ihrer Zweitliga-Vergangenheit in den siebziger Jahren, dem starken Nachwuchs und betuchtem Hauptsponsor spitze. Bundesweit ist die KSV indes ein Ausbildungsverein, bei dem sich andere gern bedienen, und finanziell sind Klubs wie Sandhausen und Aue Konkurrenten. Wie es hier so ist, ging Walter im Juni zum VfB Stuttgart. Wieder verließen wichtige Spieler den Verein.

          Der gut vernetzte Wohlgemuth holte Profis Anfang 20. Jung, schnell, stark am Ball, das sind seine Kategorien. Er sagt: „Die Arbeit mit Potentialen gehört zu unserer sportlichen Realität. Wir wollen Qualität nicht nur abschöpfen, sondern entwickeln.“ Klare Strategie in dehnbarem Rahmen – so nennt Wohlgemuth den Holstein-Weg: Niemand hier schließt aus, nach einer Niederlagenserie vielleicht doch „den 30 Jahre alten Vizekapitän von Legia Warschau zu holen“, sagt er. Sprich: vom Talente-Weg abzuweichen.

          Ob Holstein auch für Schubert Sprungbrett zu einem größeren Klub ist, bleibt abzuwarten. Nach den unbekannten Markus Anfang und Walter war Schubert mit seiner Champions-League-Erfahrung jedenfalls eine Überraschung auf Kiels Trainerbank. Andererseits hat seine Karriere einige Dellen, und Holstein ist für ihn auch ein kleiner Neustart. Schubert gilt nicht als Spieler-Versteher. Wohl auch deshalb hat man ihm Fabian Boll als Assistent an die Seite gestellt, den früheren Profi des FC St. Pauli mit ausgeprägter kommunikativer Seite.

          Über allen Namen stehen der Verein und das unumstößliche Ziel, ein ständiger Zweitliga-Vertreter hoch oben im Norden zu werden. Einer, der selbst beim Abstieg nicht ins Bodenlose fiele – und insgesamt gute Aussichten in der Fußball-Diaspora hat. Wohlgemuth sagt: „Den attraktiven Offensivfußball wollen wir weiter zu unserem Markenzeichen machen. Wir sind ein familiärer Klub. Dieses Image ist uns wichtig. Dennoch müssen wir in all unseren Strukturen nachziehen, um den Profifußball in Schleswig-Holstein langfristig zu erhalten.“ Dabei könnte es gut sein, dass in einem Jahr der nächste radikale Umbruch à la KSV Holstein folgt.

          Bundesliga-Tippspiel 2019/2020
          Bundesliga-Tippspiel 2019/2020

          Jetzt anmelden und gewinnen

          Weitere Themen

          Real Madrid zweifelt an allem

          Champions League : Real Madrid zweifelt an allem

          Vor zwei Jahren noch dominierten spanische Klubs den europäischen Fußball. Doch von der einstigen Herrlichkeit ist lediglich ein Schatten geblieben. Das wird an Real besonders deutlich.

          Topmeldungen

          Unsere Sprinter-Autorin: Maja Brankovic

          F.A.Z.-Sprinter : Großkampftag fürs Klima

          Arbeiten oder fürs Klima streiken? Heute wollen die Schüler, dass die Erwachsenen es ihnen gleich tun. In Berlin ringt die große Koalition weiter um ein klimapolitisches Reformpaket. Alles Wichtige im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.