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Hoffenheims Ibisevic : Mehr als nur ein sportlicher Aufstieg

Vedad Ibisevic gibt sich volksnah - und genießt große Anerkennung Bild: ddp

Der treffsichere Stürmer Vedad Ibisevic hat maßgeblichen Anteil am Hoffenheimer Hoch im Bundesliga-Fußball. Immer wieder muss der 24-Jährige seine Geschichte erzählen, die eine unfreiwillige Weltreise beinhaltet.

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          Stellt man sich nicht genau so einen Notstand im Angriff vor? Die Chancenverwertung im unteren Drittel der Liga, zwei der fünf Stürmer verletzt - und kurz vor Transferschluss reist der Manager noch einmal ins Ausland, um einen Mann der gehobenen Kategorie zu beobachten. So jedenfalls sieht es aus in diesen Tagen beim 1899 Hoffenheim. Aber natürlich käme niemand im Traum auf die Idee, von einer ernsten Malaise zu sprechen bei dem Aufsteiger, der nach zwei Spieltagen die Tabelle anführt.

          Hoffenheim ist auf dem besten Weg, die Bundesliga im Sturm zu erobern. Und das nicht nur, weil flotter Angriffsfußball eine Systemvoraussetzung unter Trainer Ralf Rangnick ist. Dass die Kraichgauer an diesem Samstag als Ligaprimus nach Leverkusen reisen (15.30 Uhr im FAZ.NET-Liveticker), hat vor allem auch mit einem Mann zu tun, dem vor der Saison eigentlich nur eine Nebenrolle im Angriff zugedacht war: Mit drei Toren in zwei Spielen (dazu eines im Pokal) hat Vedad Ibisevic maßgeblichen Anteil an der Maximalausbeute von sechs Punkten.

          Eine halbe Weltreise

          Natürlich ist Ibisevic derzeit der gefragteste Mann auf dem Trainingsgelände der Hoffenheimer. Es geht dort immer noch beschaulicher und volksnäher zu, als der Tabellenplatz es vermuten ließe. Und auch Ibisevic nimmt sich die Zeit, wieder und wieder seine Geschichte zu erzählen, die ja weit mehr ist als nur die Story eines sportlichen Aufstiegs: Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der schon eine halbe Weltreise hinter sich hat. Nicht, weil er ein moderner Fußballnomade wäre, der dorthin zieht, wo sich das meiste Geld verdienen lässt, sondern vor allem, weil er die politischen Verwerfungen und den brutalen Bürgerkrieg in seiner Heimat miterleben musste.

          Drei Tore in zwei Bundesligaspielen: Vedad Ibisevic

          Schon als Kind floh er mit der Familie aus dem Heimatort Vlasenica nach Tuzla. Als Vedad 16 war, verließ die Familie Bosnien ganz - erst in Richtung Schweiz, dann, nach nur zehn Monaten, weiter in die Vereinigten Staaten. In St. Louis leben seine Eltern mit der 19 Jahre alten Schwester noch heute. Über Collegeteams empfahl sich der Fußballspieler Ibisevic für eine Rückkehr nach Europa. Über Paris und Dijon ging die Reise 2006 nach Deutschland, zu Alemannia Aachen. Höflich, fast ein bisschen schüchtern spricht Ibisevic, inzwischen 24, über diese bewegten Jahre. „Das ist schon eine sehr wichtige Erfahrung“, sagt er, „das macht einen stärker und erwachsener. Man weiß besser, mit irgendwelchen Kleinigkeiten im Alltag umzugehen, weil man viel härtere Sachen gesehen hat.“

          Von allzu kühnen Träumen will Ibisevic nichts wissen

          Ibisevic möchte nicht missverstanden werden: Der Fußball sei ihm wegen dieser Erfahrungen nicht weniger wichtig, betont er. „Es war immer zu 150 Prozent mein Traum.“ Doch vielleicht trägt das Vergangene dazu bei, dass er mit der aktuellen sportlichen Situation gelassener umgeht. Natürlich, wie alle in Hoffenheim verrät auch Ibisevic eine positive, optimistische Anspannung. „Wir wollen“, sagt er, „auch nach Leverkusen fahren und dort unser Spiel durchziehen.“ Das sind die Töne, die Trainer Rangnick seinem aufstrebenden Kollektiv vorgegeben hat. Von allzu kühnen Träumen will Ibisevic allerdings nichts wissen. „Vor zwei Jahren standen wir mit Aachen nach dem vierten Spieltag gut da - und sind dann noch abgestiegen.“ Auch eine persönliche Marke, wie viele Treffer es sein sollen am Ende der Saison, hat er sich nicht gesetzt.

          Es lief schließlich auch nicht immer so gut für ihn, seit er zur vergangenen Zweitliga-Spielzeit nach Hoffenheim gekommen war. „Das war eine schwierige Situation für ihn“, sagt Manager Jan Schindelmeiser über die ersten Monate, in denen Ibisevic - obwohl mit einer Million Euro Ablöse recht günstig - die Erwartungen nicht erfüllte. Der Klub reagierte mit einer Kurskorrektur zu ausgewählten, aber teuer erstandenen Spitzentalenten aus aller Welt. Früh in der Saison wurden ihm Chinedu Obasi und Demba Ba vor die Nase gesetzt - beide kamen für stattliche Millionenbeträge. Ibisevic reagierte nicht wie ein vergrätzter Konkurrent, sondern wie ein guter Kollege. Mit seinen Französischkenntnissen half er Ba, sich ins Team zu integrieren. „Er war der Hauptansprechpartner von Demba“, sagt Manager Schindelmeiser. „Das rechne ich ihm auch heute noch hoch an.“ Inzwischen, sagt Ibisevic, sind die beiden „auch außerhalb des Platzes sehr gute Freunde“. Und es genügt, die Bilder vom gemeinsamen Torjubel zu sehen, um das aufs Wort zu glauben.

          Der Konkurrenzkampf geht von vorne los

          Ibisevic und Ba - das ist auch für Leverkusen die erste Wahl im Hoffenheimer Sturm, zumal der Olympia-Fahrer Obasi (der mit Nigeria die Silbermedaille gewann) und wohl auch der kürzlich für 4,5 Millionen Euro verpflichtete Brasilianer Wellington wegen Muskelverletzungen noch fehlen. Danach, das weiß auch Ibisevic, geht der Konkurrenzkampf von vorne los. Für die Winterpause ist zudem der junge Schweizer Eren Derdiyok vom FC Basel ein ernsthafter Kandidat. Der Europameisterschafts-Teilnehmer bescherte seinem Team am Mittwoch mit dem Siegtor gegen Guimaraes den Einzug in die Champions League.

          Es lag allerdings nicht nur an Derdiyoks verbesserter sportlicher Perspektive, dass eine sofortige Verpflichtung nicht zustande kam. „Es geht auch darum“, sagt Schindelmeiser, „dass wir die exzellente Atmosphäre im Team nicht aufs Spiel setzen wollen.“ Ein Schuss Romantik gehört zum Hoffenheimer Selbstverständnis also dazu. Und ein Vertrauensvorschuss ist es nicht nur für Vedad Ibisevic - auch um die Gesamtlage in der Abteilung Angriff kann es dann ja so schlecht nicht bestellt sein.

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