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Hochleistungssport : Die Angst der Supermänner

Spitzensportler müssen immer Supermänner sein - doch das geht gar nicht Bild: AFP

Wer Schwäche zeigt, verliert. So ist der Hochleistungssport. Das gilt auch und vor allem für den Fußball. Nationaltorwart Robert Enke fürchtete sich jahrelang davor, alles zu verlieren. Seine Angst war berechtigt.

          Eric Cantona, der als „Le Roi“, als König, verehrte Alltime-Superstar von Manchester United, sagt in seinem Film „Looking for Eric“ zwei Sätze, die das Rollenbild des Sporthelden auf den Punkt bringen: „Ich bin kein Mensch. Ich bin Cantona!“ Nicht Gott, das wäre zu blasphemisch, aber Cantona, und das meint das Gleiche: unfehlbar, allmächtig, anbetungswürdig, stark, großartig - eine Projektionsfläche für alles, was sich der Gläubige, der im Sport Fan heißt, wünschen mag. Fußballgott! Kein Mensch. Cantona! Messi! Kahn! Lehmann! Alles Menschliche, alles Persönliche wird ausgeknipst. Der Star wird inszeniert und produziert. Das Vorbild des modernen Fußballhelden, des Supersportlers, ist die funktionierende Maschine.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Skrupel, aus Menschen Maschinen zu machen, gibt es im Fußball nicht mehr. Eigene Meinungen und Individualität sind unerwünscht, der Athlet hat im Sinne des Arbeitgebers zu funktionieren. Auch die hier und da beschäftigten Psychologen dienen vor allem dem Leistungstuning. Sie kitzeln noch ein paar mehr PS heraus. Die Medizin ist längst zum Büttel des Systems geworden. Spieler bekommen nicht mehr nur in der Kabine, sondern am Spielfeldrand in aller Öffentlichkeit Schmerzmittel gereicht, Betäubungsmittel, damit sie eine Partie durchstehen können. Wer alles schluckt, der wird als Held verkauft, er ist ein starker Profi, der seiner Mannschaft hilft. Oder ist er doch bloß einer, der Angst hat um seinen Arbeitsplatz, falls er den ärztlichen Irrsinn verweigert?

          Die Funktionalisierung und Entmündigung des Menschen im Fußballspieler wird gefördert vom Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Fußball Liga, die den Profivereinen Musterverträge vorgeben, welche aus Spielern Marionetten machen. Jedes Interview, jede Meinungsäußerung, muss, so steht es im Vertrag, dem jeweiligen Verein zur Genehmigung vorgelegt werden, zur Zensur.

          Ein Sportler kann zweifeln - oder im Extremfall zerbrechen wie Robert Enke

          Was es bedeutet, den Mund aufzumachen und Kritisches zu äußern, hat Philipp Lahm gerade beim FC Bayern erfahren. 25.000 Euro Vertragsstrafe hat es ihn gekostet und ein öffentliches Abwatschen durch die Münchner Klubführung. Lahm hatte versucht, Gedanken zu verbreiten, doch Fußballprofis dürfen sich nicht äußern, dürfen keine Meinung haben. Allerdings werden sie selbst andauernd von Hinz und Kunz beurteilt und verurteilt. Fachlich manchmal, als Fußballer, aber - gänzlich wehrlos - auch als Mensch.

          „Enke hat für mich keinerlei Ausstrahlung“, hieß es im März

          Benny Lauth, Stürmer bei 1860 München und einst einer der größten deutschen Fußballhoffnungen, ist von „Bild“ nach sportlichen Krisen als „Totalversager“ deklariert worden. Dagegen könne man sich nicht wehren, sagte Lauth in einem Interview mit dieser Zeitung. „Nur der Fußballplatz bietet eine Möglichkeit dazu, aber welcher Profi schafft es schon, solche Attacken, die viele gelesen haben, allein durch Leistung zurechtzurücken? Das schaffen die wenigsten.“

          Überall lauern Stammtische und Experten, die tagtäglich über Sportler richten. „Enke hat für mich keinerlei Ausstrahlung“, hieß es im März. Erklärt hatte dies im Rahmen eines Sport-Stammtisches Trainer Ottmar Hitzfeld, der damit Bayern-Torwart Michael Rensing sekundieren wollte. Solche Äußerungen müssten Profis ertragen, heißt es, sie seien in den Wahnsinnsgehältern, welche die Vereine ihren Spielern zahlen, quasi eingepreist.

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