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Union besiegt Hertha im Derby : Das Beste, was Berlin zu bieten hat

  • -Aktualisiert am

So sehen glückliche Sieger aus: die Spieler von Union Berlin nach dem Derby Bild: EPA

Stark, dynamisch, und intelligent zusammengestellt: Union Berlin gewinnt das Derby gegen Hertha BSC 2:0 und schafft neue Kräfteverhältnisse in der Stadt.

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          Den Sieg gegen den Stadtrivalen Hertha BSC feierten die Fans des 1. FC Union Berlin überschwänglich. „Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer eins“, sangen sie so laut sie konnten. Was man eben so singt im Überschwang der Glückseligkeit. Nur steckte dahinter viel mehr Substanz als hinter einer Momentaufnahme voller Dopamin. Zu dominant, zu selbstverständlich, zu überzeugend war dieses 2:0, um die neuen Kräfteverhältnisse in der Stadt länger ignorieren zu können. Der 1. FC Union stellt die beste Fußballmannschaft Berlins, daran ließen die 90 Minuten vom Samstag keinen Zweifel. „Der Gegner war besser, dynamischer, stärker“, sagte Herthas Trainer Pal Dardai und klang dabei wie jemand, der sich einer kaum beizukommenden, sportlichen Übermacht geschlagen geben musste. Ist dann halt so.

          Bundesliga

          Herthas Dominanz in Berlin ist älter als die Bundesliga, eine über hundert Jahre gewachsene Selbstverständlichkeit. Umso überraschender, wie schnell sich das neue Rollenbild in den Köpfen der Protagonisten dieser Berliner Auseinandersetzung festgesetzt hat, auch wenn Union-Kapitän Christopher Trimmel halbherzig versuchte, noch einmal die Vergangenheit zu bemühen. „Ich glaube, so lange sind wir noch nicht in der Bundesliga. Da braucht’s noch ein paar Jahre. Wir sind bodenständig und nicht so arrogant, dass wir von der absoluten Nummer eins reden. Unser Ziel bleibt der Klassenerhalt“, sagte Trimmel, der mit seinem Tor zum 2:0 einen großen Anteil zur rot-weißen Jubelarie vor über 22.000 Zuschauern in der ausverkauften Alten Försterei beitrug. Die volle Auslastung des Stadions hatte aufgrund des Infektionsgeschehens für Kritik gesorgt, zum Spiel waren nur geimpfte oder genesene Personen zugelassen worden.

          Für seine urpessimistische Haltung sind Trimmel mildernde Umstände zu attestieren, der Österreicher hat noch die Zeiten der tristen Mittelmäßigkeit in Liga zwei mit dem 1. FC Union erlebt. Dass der Klassenverbleib ein ernsthaftes sportliches Ziel für diese Mannschaft darstellt, glaubt inzwischen aber kaum noch jemand, vermutlich nicht einmal Trimmel selbst.

          Stetig aufwärts für Union

          Im dritten Jahr spielt der Verein aus dem südöstlichen Stadtteil Köpenick nun in der Bundesliga. Seitdem geht es stetig aufwärts. Platz elf in der Premierensaison, dann Platz sieben und die Qualifikation für die neu geschaffene Conference League. Aktuell ist Union Fünfter, sogar die Qualifikation für die Champions League scheint möglich. „Man hat gesehen, wozu wir in der Lage sind“, sagte Max Kruse. Der ehemalige Nationalspieler gehörte zu den auffälligsten Spielern dieses Derbys, auch wenn er dieses Mal an keinem Tor beteiligt war. Das 1:0 schoss Taiwo Awoniyi nach einem Fehler des gegnerischen Innenverteidigers Marton Dardai, der sich bei einer Eingabe verschätzt und über den Ball geschlagen hatte. „Für uns ist dieser Sieg sehr wichtig, wir leben in der selben Stadt. Die Fans können jetzt mit erhobenem Kopf durch die Straßen gehen“, sagte Awoniyi. Acht Tore hat der Stürmer aus Nigeria in dieser Saison schon erzielt, nur Robert Lewandowski und Erling Haaland liegen in dieser Hinsicht vor ihm.

          Awoniyi verkörpert, warum es Union innerhalb kurzer Zeit möglich war, das jahrzehntelange Kräfteverhältnis der Stadt zu erschüttern. Als Leihspieler hatte er in der vergangenen Saison schon überzeugt. Im Sommer zögerten die Union-Verantwortlichen nicht und investierten die vereinsinterne Rekordsumme von 6,5 Millionen Euro, um den Stürmer vom FC Liverpool loszueisen. Die Investition zahlt sich aus, anders als die meisten Transfers von Hertha BSC in der jüngeren Vergangenheit.

          Puh: Hertha-Trainer Pal Dardai (rechts) erlebte im Derby schwere Minuten.
          Puh: Hertha-Trainer Pal Dardai (rechts) erlebte im Derby schwere Minuten. : Bild: AP

          Kurz nachdem Union Berlin den erstmaligen Aufstieg in die Bundesliga bejubelte, gab Hertha BSC den Einstieg des Investors Lars Windhorst bekannt. Meisterschaft und Champions League waren das erklärte Ziel, Hertha strebte nach oben und lächelte über den Emporkömmling vom anderen Stadtrand. Man freue sich über zwei Derbys und sechs Punkte, ließ der Verein über seine sozialen Netzwerke verlauten, da war Union gerade aufgestiegen. Seitdem stellte Windhorst Hertha 374 Millionen Euro zur Verfügung, über 100 Millionen flossen in die Mannschaft. Die Ablösesummen von Spielern übertrafen die von Awoniyi um ein Vielfaches, aber der Ertrag blieb aus. Seit besagtem Zeitpunkt müht sich Hertha durch die Spielzeiten, dem Abstieg stets näher als dem gesicherten Mittelfeld. Eine Rolle, die eigentlich dem 1. FC Union zugedacht war. Pal Dardai war auf Hertha-Seite schon der dritte Trainer, der ein Derby zu verantworten hatte. Für Union war Urs Fischer in allen Begegnungen dabei. Konstanz ist auch so ein Thema.

          „Union hat eine Wirbelsäule“, sagte Dardai und meint damit Spieler wie den sicheren Torwart Andreas Luthe, die Verteidiger Marvin Friedrich und Christopher Trimmel oder eben Kruse, der im Alter von 33 Jahren noch jeder Abwehr Probleme bereiten kann. Union Berlin ist ein intelligent und umsichtig zusammengestelltes Team, vor allem in Anbetracht der wirtschaftlichen Gegebenheiten.

          Hertha verfügt über keine solche Wirbelsäule nach Dardais Bilde. Gegen Union wurden nicht einmal Wangenknochen oder Gesichtskonturen deutlich. Nur einmal drohte das Spiel etwas spannender zu werden, als Peter Pekarik kurz vor der Pause den vermeintlichen Anschlusstreffer erzielte. Wegen einer vorherigen, minimalen Abseitsstellung wurde das Tor durch den Videoassistenten aber annulliert. „Ich glaube, das hätte Hertha in die Karten gespielt. Ansonsten waren es aber drei hochverdiente Punkte. Wir waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft“, sagte Union-Abwehrspieler Friedrich. Das sahen selbst Herthas Fans so. Die bewerteten den Auftritt ihrer Mannschaft als derart schlecht, dass sie den Spielern Davie Selke und Kevin-Prince Boateng deren angebotene Trikots wieder vor die Füße warfen. Nicht nur die Stadtmeisterschaft, auch der innere Frieden ist nach diesem Spiel für Hertha erst einmal in weite Ferne gerückt.

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