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Hertha BSC Berlin : Die alte Dame in neuem Gewande

Neuer Schwung: Hertha BSC mit Maskottchen und Trainer Jos Luhukay Bild: dpa

Unter Trainer Luhukay entwickelt sich Hertha BSC vom irrlichternden Hauptstadtklub zum seriösen Aufsteiger. Dem 6:1-Auftaktsieg gegen Frankfurt soll am Sonntag in Nürnberg (15.30 Uhr) das nächste Ausrufezeichen folgen.

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          Die vergangene Woche dürfte John Anthony Brooks nicht so schnell vergessen. Wenige Tage vor dem Bundesliga-Saisonstart hatten wohl nur ausgewiesene Fußballexperten etwas mit dem Namen des 20 Jahre alten Verteidigers aus Berlin anfangen können. Brooks war eben nicht mehr als irgendein Talent eines Bundesliga-Aufsteigers. Vor dem zweiten Ligaspiel an diesem Sonntag beim 1. FC Nürnberg (15.30 Uhr/ live in Sky und F.A.Z.-Liveticker) darf sich Brooks nun aber schon amerikanischer Nationalspieler nennen, der die Weltmeisterschaft in Brasilien in den Blick nimmt - und mit Hertha BSC stand der Innenverteidiger zumindest vorläufig an der Tabellenspitze der Bundesliga nach dem sensationell anmutenden 6:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt beim Auftakt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es war nicht weniger als ein Start fürs Bundesliga-Geschichtsbuch der Hertha. Bei dem rundweg verblüffenden Berliner Auftritt, der die ansonsten nicht gerade fußballbegeisterte Hauptstadt aus dem Häuschen geraten ließ, hatte Brooks überhaupt erst sein erstes Bundesligaspiel gemacht - und dabei auch gleich sein erstes Tor erzielt. All das zusammen - der spektakuläre Sieg der Hertha, die Tabellenführung, sein starkes Bundesligadebüt und sein Aufstieg zum Nationalspieler vier Tage später - macht Brooks zu einem Symbol des Berliner Aufstiegs. Kein Aufsteiger hatte in fünfzig Jahren Bundesliga zuvor sechs Tore im ersten Spiel zustande gebracht, und innerhalb von Wochenfrist zum Zweitligakicker zum WM-Kandidaten aufzusteigen, kommt auch nicht alle Tage vor. „Das ging alles ziemlich schnell“, sagte der Innenverteidiger nach der Rückkehr vom ebenfalls erfolgreichen Länderspiel gegen Bosnien-Herzegowina (4:3).

          Das kann man so sagen. Der fulminante Start der Hertha hat auch bei der Konkurrenz Eindruck hinterlassen. Auf dem Papier sei Hertha zwar ein Aufsteiger, aber man nehme den Klub mittlerweile ganz anders wahr, sagte der Nürnberger Manager Martin Bader vor der Partie an diesem Sonntag. „Ganz ehrlich: Ich traue Hertha zu, eine ähnliche Saison hinzulegen wie Eintracht Frankfurt im Vorjahr“, so Bader in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“. Die Eintracht erreichte als Aufsteiger gleich einen Platz im Europapokal.

          Lektionen in Demut

          So viel Lob mag die Hertha des Jahrgangs 2013 gar nicht hören. Trainer Jos Luhukay hat seit seiner Verpflichtung nach dem desaströsen Abstieg im Mai 2012 nicht zuletzt daran gearbeitet, den Hauptstadtklub, sein Umfeld und den Anhang an seriöse Arbeit und Realismus zu gewöhnen. Schon vor dem Auftaktsieg hatte der frühere Coach des FC Augsburg gesagt, erst nach rund zehn Spielen könne man ernsthaft sagen, wohin die Reise erster Klasse der Hertha in der Bundesliga gehe. An dieser Haltung änderten für den Niederländer auch sechs Tore, drei Pfostenschüsse und haufenweise Komplimente gegen Frankfurt nichts.

          Um ein bisschen besser zu verstehen, wie der bodenständige Luhukay ganz bei sich bleibt und damit dem lange irrlichternden und von der großen Fußballwelt phantasierenden Hauptstadtklub immer wieder Lektionen in Demut beibringt, konnte man am 21. April ganz gut beobachten. Luhukay saß abends im Olympiastadion und verkündete: „Dieser Verein muss sich in allen Bereichen verbessern.“ Da war die Hertha gerade in die Bundesliga aufgestiegen.

          Mit wehenden Fahnen: Die Hauptstadt ist wieder stolz auf ihre Hertha
          Mit wehenden Fahnen: Die Hauptstadt ist wieder stolz auf ihre Hertha : Bild: dpa

          Noch erstaunlicher als der fulminante Auftakt ist die stille Art und Weise, mit der Luhukay den lauten und am Ende nur noch schrillen Berliner Klub zu einem ziemlichen normalen Profiverein zurückverwandelte. Im Abstiegsjahr war Hertha bevölkert von Lügenbaronen (in der Affäre um die Trennung von Trainer Markus Babbel), Fans stürmten den Platz, der Kapitän schlug auf den Schiedsrichter und mittendrin war Otto Rehhagel, der Goethe zitierte und in den düsteren Stunde des Relegationsspiels in Düsseldorf vom Zweiten Weltkrieg erzählte.

          Nur einmal Ablöse

          Wenn nun über Hertha gesprochen wird, geht es den Fans um temporeiches Umschaltspiel und Handlungsschnelligkeit. Die Hertha ist mit Luhukay zum Fußball-Kerngeschäft zurückgekehrt, und dafür hat Luhukay auch genau die Leute geholt, von denen er wusste, dass sie ihn und seinen Fußball verstehen. In der Sommerpause verpflichtete die Hertha mit Hosogai, Baumjohann, van den Berg und Langkamp gleich vier Spieler, mit denen Luhukay schon bei anderen Vereinen arbeitete. Und weil es um die Finanzen in der Hauptstadt auch nicht rosig bestellt ist, wurde nur für einen einzigen Spieler Ablöse gezahlt. Hosogai kostete eine Million Euro, die Hertha zahlt in Raten. Beim 6:1 war der herausragende japanische Mittelfeldspieler gleich an drei Toren beteiligt.

          Brooks wiederum gehört zu den Nachwuchskräften, die unter Luhukay nun tatsächlich auch den Weg aus der eigenen Jugend in die Bundesliga finden. Sogar der großen Fußballwelt ist das nicht verborgen geblieben, „John ist ein Innenverteidiger mit einem wunderbaren Spielverständnis, sehr entschlossen in den Zweikämpfen und für sein Alter sehr reif“, lobte Jürgen Klinsmann, der Trainer des US-Teams. Er kam mit der Nominierung von Brooks dem DFB zuvor.

          Auch Horst Hrubesch hatte den Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners in seine U21-Auswahl zum Spiel gegen Frankreich eingeladen. Brooks entschied sich aber für Klinsmann. Der Weg in die deutsche Auswahl steht dem Innenverteidiger dennoch offen - erst mit 21 Jahren oder seinem ersten Pflichtspiel für die Amerikaner wäre die Entscheidung gefallen. Man kann sicher sein, dass auch der DFB und Klinsmann in den kommenden Wochen und Monaten sehr genau auf den Aufsteiger aus Berlin schauen werden.

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