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Berliner Probleme : Hertha ist ein Fall für den Dolmetscher

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„Wir haben uns das komplett anders vorgestellt“: Hertha-Trainer Bruno Labbadia Bild: dpa

Vier Spiele, drei Niederlagen, dazu das DFB-Pokal-Aus in Runde eins: Für Hertha BSC läuft es zum Start in die Saison überhaupt nicht. Die Berliner sind eine Mannschaft im Werden, aber keine im Sein.

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          Für seine Ansprache am Sonntag holte sich Bruno Labbadia Verstärkung. Ein spanisch sprechender Dolmetscher wurde hinzugezogen, um auch jene Spieler von Hertha BSC zu erreichen, die weder des Deutschen noch des Englischen mächtig sind. Und davon beschäftigt der Berliner Bundesligaverein inzwischen einige. Labbadia war es wichtig, alle Teile des Kaders zu erreichen. Denn seine Ausführungen gingen nach dem 0:2 gegen den VfB Stuttgart über eine normale Spieltagsanalyse hinaus. Herthas Trainer sprach tiefgreifende Probleme an wie taktische Undiszipliniertheiten, Egoismus und fehlende Kommunikation. „Dabei müssten wir gerade jetzt davon leben, als Mannschaft zu funktionieren“, sagt Labbadia.

          Bundesliga

          Von einem funktionierenden Gebilde sind die Berliner derzeit weit entfernt. Die Niederlage gegen Stuttgart war die vierte im fünften Pflichtspiel der Saison. Ein klassischer Fehlstart. Erst unter der Woche hatte Aufsichtsratsmitglied Jens Lehmann, ein Entsandter des Investors Lars Windhorst, in der „Sportbild“ die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb als Ziel ausgegeben, was bei Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer gar nicht gut ankam. Kaum etwas fürchtet die Klubführung mehr als ein öffentliches Vorpreschen von Windhorst, dessen großspurige Ankündigungen intern sehr kritisch beäugt werden. Aber der Investor wird dem Verein über seine Holding bald 270 Millionen Euro bereitgestellt haben und verlangt nach Ergebnissen.

          Trainer Labbadia gibt sich Mühe, davon möglichst unbeeindruckt zu wirken. Es gebe „definitiv Wichtigeres“, richtete er aus und verwies auf seine tägliche Arbeit, die von allerlei Hindernissen geprägt ist. Während der Länderspielpause musste er seine verbleibenden Profis zeitweise mit der U 23 trainieren lassen, weil einfach nicht genügend Personal anwesend war. Abgesehen von den Spitzenklubs Bayern, Dortmund und Leipzig stellt kaum ein Bundesligaverein so viele Nationalspieler ab wie Hertha, was sich in diesen Tagen noch ungünstiger auswirkt. Mit dem Geld von Windhorst hat der Klub in der abgelaufenen Transferperiode kräftig in neues Personal investiert.

          Unter anderem kamen ein neuer Torwart (Alexander Schwolow), ein Innenverteidiger (Omar Alderete), ein Außenverteidiger (Deyovaisio Zeefuik), ein Stürmer (Jhon Cordoba), der französische Mittelfeldspieler Matteo Guendouzi und dessen bereits im Winter verpflichteter Landsmann Lucas Toussart. Alles Spieler, die viel Potential besitzen, aber allein aufgrund fehlender Sprachkenntnisse Zeit zur Eingewöhnung brauchten.

          Unmittelbar nach der Niederlage gegen Stuttgart hatte Maximilian Mittelstädt angedeutet, dass auch die Sprachbarriere das Zusammenwachsen der Mannschaft beeinträchtigt. „Richtig ist, dass mehr kommuniziert werden muss. Viel zu oft müssen wir noch von außen Dinge reinrufen, selbst so einfache Sachen wie ,Hintermann‘“, sagt Labbadia. „Aber die Frage ist dann auch, wer kommuniziert, wer Verantwortung übernimmt und führt.“ In dieser Hinsicht besteht bei Hertha ein großes Vakuum. Abgegeben hat man in erster Linie erfahrene Fußballer wie Per Skjelbred, Salomon Kalou oder Vedad Ibisevic, die sportlich für verzichtbar gehalten worden, aber als respektierte Führungskräfte ungemein wichtig für das Innenleben waren. Weitere Stammkräfte, etwa Karim Rekik oder Marko Grujic, sind ebenfalls gegangen, der personelle Umbruch ist enorm.

          So ist Hertha dieser Tage im Idealfall eine Mannschaft im Werden, aber keine im Sein. Das wurde gegen die kompakten Stuttgarter sichtbar, die mit sieben Punkten aus vier Spielen jenen Saisonstart hingelegt haben, den sich die Berliner erhofft hatten. Während Stuttgart als Mannschaft einen homogenen Auftritt zeigte, blieb bei Hertha vieles Stückwerk. Das begann bei scheinbaren Kleinigkeiten wie dem falschen Trikot, dass sich Stürmer Dodi Lukebakio kurz vor seiner Einwechslung überstreifen wollte, und setzte sich über die negative Körpersprache vieler Berliner fort. Vor allem Matheus Cunha haderte nach jeder misslungenen Aktion mit den Mitspielern oder winkte genervt ab.

          Labbadia kritisierte Cunhas Verhalten zwar, nannte es auch „Teil der Entwicklung eines jungen Spielers“. Überhaupt seien abgesehen von Torwart Schwolow (28) alle Zugänge überaus jung und entsprechend entwicklungsfähig. „Ich wusste von vorneherein, dass das ein sehr steiniger, intensiver Weg wird. Kaum eine Mannschaft hat so viele neue Spieler zu integrieren“, sagt Labbadia. Das erfordere nun mal Zeit. Labbadia wird nach etlichen Profistationen als Trainer selbst sehr gut wissen, wie viel er bei einem aufgeregten Verein wie Hertha BSC noch davon hat.

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