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Fußball-Bundesliga : HSV setzt auf Bruchhagen

  • -Aktualisiert am

Aus dem TV-Ruhestand zurück ins Tagesgeschäft Bundesliga: Heribert Bruchhagen. Bild: Picture-Alliance

Vorstandschef Beiersdorfer muss in Hamburg gehen. Für die Trennung gibt es genug gute Gründe. Ihn ersetzt ein alter Bekannter, der noch einen Sportchef mitbringen soll.

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          Dass Reiner Calmund in einer Fußball-Fernsehsendung ausgeplaudert hat, was der Hamburger SV erst nach dem letzten Spiel des Jahres 2016 verkünden wollte, passt zu diesem Verein, in dem so viele ihr eigenes Süppchen kochen. Am Sonntagabend behauptete Calmund, dass der scheidende Hamburger Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer schon vor der Partie bei Darmstadt 98 am ersten Dezember-Wochenende mündlich von seiner Entbindung informiert worden sei, in den vergangene Tagen dann auch schriftlich.

          Calmund trat seit dem Sommer als Berater des HSV-Geldgebers Klaus-Michael Kühne auf und verfügt so über Insiderkenntnisse. Eigentlich hatten sich Beiersdorfer und Aufsichtsratschef Karl Gernandt auf Stillschweigen bis nach dem Schalke-Spiel am 20. Dezember geeinigt. So aber bestätigte Calmund, was diverse Medien am frühen Sonntagabend gemeldet hatten: Die zweite Ära Beiersdorfer (nach seinen Sportchef-Jahren 2002 bis 2009) endet ebenfalls vor der Zeit.

          Hinter den Kulissen hatte Gernandt schon vor einiger Zeit Kontakt zu Heribert Bruchhagen aufgenommen. Gernandt war Ende Oktober in mehreren Interviews auf Abstand zu Beiersdorfer gegangen. Nur hatten viele Beobachter gedacht, dass die Erfolgsserie unter Trainer Markus Gisdol Beiersdorfer vor der Entlassung bewahren könnte – was wiederum auch ziemlich unprofessionell gewesen wäre: Denn sollten die Kontrollgremien des HSV und Kühne nicht mehr vom Vorstand/Sportchef Beiersdorfer überzeugt sein, sollten diese Einschätzung und ihre notwendigen Folgen nicht von vier guten Spielen beeinflusst werden.

          Für die Trennung gibt es nämlich genug gute Gründe. Der sportliche Aufschwung hatte keine Auswirkung mehr auf Beiersdorfers Verbleib, denn die Kontrolleure einigten sich mit dem 68 Jahre alten Bruchhagen auf eine Zusammenarbeit als Vorstandschef bis Sommer 2019. Beiersdorfer wird aus seinem bis 2018 laufenden Vertrag entlassen. Er hatte den HSV als Vorstandsvorsitzender im Juli 2014 übernommen und arbeitete seit Mai auch als Sportchef.

          Seine Tage beim Hamburger SV sind gezählt: Dietmar Beiersdorfer.
          Seine Tage beim Hamburger SV sind gezählt: Dietmar Beiersdorfer. : Bild: dpa

          Bruchhagen wird an diesem Mittwoch, wie der HSV am Sonntag zu später Stunde bestätigte, den Posten übernehmen. Er soll mit geschätzten 1,5 Millionen Euro jährlich entlohnt werden und einen Sportchef mitbringen – womöglich Horst Heldt. Bruchhagen hatte seinen aktiven Part in der Bundesliga nach zuletzt 13 Jahren an der Spitze der Frankfurter Eintracht im Mai aufgegeben und ist in Hamburg ein alter Bekannter – er arbeitete hier schon von 1992 bis 1995 als Manager.

          Ob nun endlich Ruhe einkehrt? Markus Gisdol dürfte es hoffen. Mit seinen wohlüberlegten Worten setzt er schon seit einigen Wochen den Kontrapunkt zur gewohnten Aufgeregtheit in den Gremien und im Umfeld des HSV. Vor allem an den neuen Trainer und seine mannschaftsinternen Umbauten in Aufstellung und Taktik knüpfen die Fans ihre Hoffnung, dass es am Ende dieser Saison abermals glimpflich ausgeht. Gisdol selbst brachte die Kritiker der ersten Wochen auf seine Seite – nach dem 1:0 gegen den FC Augsburg sind die Hamburger seit vier Spielen ungeschlagen, sammelten immerhin acht Punkte aus diesen Partien und robben sich aus den Niederungen der Tabelle.

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          Gisdol verändert vieles in einer Mannschaft, die bis zum 13. Spieltag ohne Sieg war. Es ging los mit der Beförderung Gotoku Sakais zum Kapitän. Inzwischen verrichtet der Japaner seine Defensivarbeit neben Matthias Ostrzolek ziemlich souverän – beide sind eigentlich Außenverteidiger. Ein Stück dahinter hat Gisdol den Mittelfeldspieler Gideon Jung zum Innenverteidiger umgeschult. Neben Johan Djourou funktioniert das Gespann leidlich, doch viele Varianten gibt es im schlecht zusammengestellten Hamburger Kader ja nicht.

          Lewis Holtby hat Gisdol weiter nach vorn geschoben; Filip Kostic läuft bei ihm immer links, Nicolai Müller immer rechts auf. Die Elf spielte beim ersten Heimsieg der Saison zum vierten Mal nacheinander in der gleichen Start-Aufstellung. Der cleverste Schachzug Gisdols war aber, Michael Gregoritsch zum Mittelstürmer zu machen. Gregoritsch hatte zuvor überall gespielt, wo er aufgestellt wurde, dabei aber oft eine unglückliche Figur abgegeben.

          Dass einige Wechsel purer Not entsprungen sind, weil Bobby Wood die Rote Karte sah, sich Albin Ekdal verletzte, Piere-Michel Lasogga seit Monaten seine Form sucht und Emir Spahic immer öfter ausfällt – geschenkt. Gisdol musste reagieren, und er machte das Richtige, wobei der Erfolg gegen Augsburg nach dem Platzverweis noch vor der Pause gegen Holtby tatsächlich die erhoffte Signalwirkung haben könnte.

          Es half seinem Team natürlich, dass der Augsburger Dominik Kohr in der 66. Minute nach zwei Fouls innerhalb von neun Minuten den Platz verlassen musste. Im Duell zehn gegen zehn war dann Filip Kostic zwei Minuten später reaktionsschnell und setzte den Ball nach Müllers Pfostenschuss ins Tor. Ob die Einstellung Bruchhagens die von Gisdol geforderte Geschlossenheit im Verein befördert, bleibt abzuwarten. Der Arbeit des Trainer würde sie helfen.

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