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Heiko Herrlich : "Dienen, geben, opfern!"

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„Du musst es unbedingt wollen”: Heiko Herrlich hat sein Glaubensbekenntnis in die Bochumer Welt getragen Bild: AP

Der Bochumer Trainer Heiko Herrlich vermittelt klare Botschaften an seine Spieler. Er denkt über Technik und Taktik hinaus - im Sinne des früheren Vorgesetzten und Weggefährten Matthias Sammer. Am Samstag (15.30 Uhr) spielt der VfL in Berlin.

          Heiko Herrlich lässt Interviews nicht einfach über sich ergehen. Manchmal bricht sich der Fußballspieler in ihnen Bahn. Dann steht der Trainer mitten im Gespräch auf und stellt eine Szene nach, die ihm besonders gelungen erscheint - wie etwa der Siegtreffer des spanischen Stürmers Fernando Torres im Finale der Europameisterschaft 2008 gegen Deutschland. Herrlich spielt den Passgeber Xavi und schlüpft sofort danach in die Rolle des Torschützen, der nahezu perfekt zum Ball gestanden habe.

          Dort, wo Herrlich derzeit arbeitet, ist das Personal von der Spielkultur internationaler Größen wie Xavi oder Torres Lichtjahre entfernt. Aber immerhin, es ist die Bundesliga, es ist der VfL Bochum, ein Klub, der seit Jahrzehnten dazugehört, wenn auch mit einigen Unterbrechungen.

          Zum VfL Bochum? Musste das sein? So oder so ähnlich hat sich mancher Bekannte oder gute Freund geäußert, als Herrlich vor einem Vierteljahr seine erste Stelle als Cheftrainer antrat. Er habe doch „einen Superjob beim Deutschen Fußball-Bund und alle Zeit der Welt“, wandten die Kritiker ein, die es gut meinten mit Herrlich, dem damaligen U-19-Trainer des DFB. In ein, zwei Jahren finde er bestimmt etwas Besseres. „Aber dann kam diese Herausforderung, bei der du auch auf die Fresse fallen kannst“, sagt Herrlich. „Genau darauf habe ich Bock gehabt.“

          Bochumer Jubel: Die VfL-Profis glauben wieder an sich

          Die Spieler glauben an Herrlich - und an sich selbst

          Ja, es musste der VfL sein. Herrlich plant hier eine Art Strukturwandel auf dem Fußballplatz, von den Profis bis runter zu den Junioren, moderner, mutiger, konsequenter als viele seiner Vorgänger. „Es gibt genug Menschen, die mutlos, die feige sind, die Angst haben zu scheitern.“ Zu dieser Gruppe will Herrlich auf keinen Fall gehören.

          Manchmal klingen seine Botschaften wie aus einer Predigt. Was er sagt, drückt einen gewissen Absolutheitsanspruch aus. Der Trainer des VfL Bochum denkt und spricht in Kategorien, die über Technik und Taktik hinaus gehen. Herrlich versucht, Begriffe in das Bewusstsein der Spieler zurückzurufen, die gerade im Berufsfußball aus der Mode gekommen sind. Er verlangt „Demut und die Bereitschaft zu dienen“, sich aufzuopfern, stets hohe Ziele zu verfolgen und daran zu glauben, dass sie zu erreichen sind.

          Die Profis des VfL Bochum glauben ihrem Trainer offenbar, ja sie glauben an ihn - und inzwischen auch wieder an sich selbst. Zuletzt gelangen dem notorischen Abstiegskandidaten zwei Auswärtssiege nacheinander und ein Unentschieden daheim gegen Schalke (nach 0:2-Rückstand). Der VfL blickt nicht mehr von den ganz billigen Plätzen auf zu den Mitbewerbern im halbwegs gesicherten Mittelfeld, und manchmal zeigt die Elf sogar Spielzüge wie lange nicht mehr. An diesem Samstag tritt die Bochumer Glaubensgemeinschaft in Berlin an (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) und könnte dazu beitragen, dass beim Tabellenletzten Hertha die ohnehin sinkende Zahl der Gläubigen noch drastisch weiter schrumpft.

          Sammer zu Herrlich: „Was machst du denn hier?“

          Herrlich hat sein Glaubensbekenntnis in die kleine Welt des VfL Bochum getragen. Es genüge nicht, sich etwas bloß zu wünschen, sagt er. „Du musst es unbedingt wollen.“ Das mag sich anhören wie aus einem Kalenderspruch, aber Herrlich hat seine Vorgabe schon vor dem ersten Arbeitstag beim VfL mit Leben gefüllt. Er wollte unbedingt nach Bochum - mit einer Vehemenz, die auch für Einsteiger nicht selbstverständlich ist, wenn bei einem solchen Klub eine Stelle frei wird. Herrlich setzte sich in ein Flugzeug nach München und suchte seinen Vorgesetzten Matthias Sammer, den aktuellen DFB-Sportdirektor, zu Hause auf. Sammer war nicht daheim, aber seine Frau ließ den alten Weggefährten ihres Mannes eintreten, und Herrlich wartete auf dessen Sofa. „Ich musste ihn kalt erwischen.“

          Sammer kam irgendwann nach Hause und fragte: „Was machst du denn hier?“ Der Bittsteller warb um seine Freigabe und bekam sie schließlich in Aussicht gestellt - mit der einschränkenden Formulierung „ja, aber . . .“ Herrlich warf sich auf seinen früheren Mitspieler, als wollte er ihn als Torschützen feiern, und sagte: „Danke, danke, das ,Aber' will ich gar nicht mehr hören.“ Dann reiste er ab und fing in Bochum an. Es war nicht das erste Mal, dass Sammer in Herrlichs Karriere eine wichtige Rolle gespielt hat.

          Leistung ist planbar, Erfolg nicht

          Wenn Herrlich auf seinen Werdegang angesprochen wird, fällt kein Name so oft wie der Name Sammer, nicht nur der hübschen Geschichte auf dem Sofa wegen oder weil Sammer ihn zum DFB geholt hatte. Es gibt auch ernste, ja traurige Begegnungen zwischen den beiden. So erklärte der Dortmunder Trainer Sammer vor ein paar Jahren die Spielerkarriere Herrlichs nach dessen überstandener Krebserkrankung und weiteren Rückschlägen für beendet. „Matthias hat gesagt, es reicht nicht mehr, zu Recht übrigens“, sagt Herrlich.

          Dennoch verbindet diese beiden Männer vieles, vor allem wenn es um Werte geht. Als einer der Häuptlinge habe Sammer in Dortmund die Bereitschaft zu dienen am intensivsten vorgelebt. „Er war natürlich ein totaler Egoist, aber er hat die Spieler um sich herum mit seinen hohen Ansprüchen um zwanzig Prozent besser gemacht.“ Dienen, geben, opfern, „das habe ich nicht erfunden“, sagt Herrlich, „aber ich habe es erlebt“. Darauf fußt der Glaube, den er seinen Spielern vermitteln will. Und auf einer Erkenntnis, die von Sammer stammen könnte. „Erfolg ist nicht planbar, aber Leistung ist planbar. Und wenn die Leistung stimmt, sollte sich auch der Erfolg einstellen.“

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