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Torlinientechnologie : Adlerauge, sei wachsam!

  • -Aktualisiert am

Hat das Geschehen fest im Blick: Die Tore der Bundesliga werden von nun an videoüberwacht Bild: Picture-Alliance

Das „Hawk-Eye“ kommt in die Bundesliga. 14 Kameras entscheiden ab dieser Saison darüber, ob ein Ball im Tor ist oder nicht. Die Zustimmung ist groß, insbesondere die Schiedsrichter freut’s.

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          Fast ein Kilometer Glasfaserkabel, ein Kilometer Computerkabel und 400 Meter Stromkabel in der Frankfurter Commerzbank Arena. Jede Menge Handarbeit und meterhohe Masten, die extra im Stadion am Böllenfalltor in Darmstadt aufgestellt werden mussten, weil das Stadiondach zu klein ist – in den vergangenen Wochen ist einiges los gewesen in den Stadien der Ersten Fußball-Bundesliga. Die Torlinientechnik hält mit dem Start dieser Saison Einzug ins deutsche Fußball-Oberhaus, wo nun insgesamt 252 zusätzliche Kameras auf das Geschehen auf dem Platz blicken.

          Die meisten Klubs sind mittlerweile mit der Installation fertig oder zumindest in den letzten Zügen, wie auch in der Frankfurter Arena. Hier dauert es noch ein paar Tage, wie Daniel Garcia, Technikchef des Stadions, erklärt: „Wegen den vielen Veranstaltungen in den letzten Wochen brauchen wir einen neuen Rasen. Der muss erst verlegt werden, bevor die Kameras justiert werden können.“ Die Geräte brauchen eine freie Sicht auf das Spielfeld, um richtig eingestellt zu werden. An dem „Catwalk“, einer Metallaufhängung unterhalb des Stadiondachs, wo auch das Flutlicht angebracht ist, hängt das System aber schon länger. Jetzt fehlen nur noch die Feineinstellungen, und dann folgt der „Final-Installation-Test“, sozusagen die Endabnahme durch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa). In einem 45-seitigen Dokument wird dabei haarklein vorgegeben, wie das System zu funktionieren hat. Nur wenn dieser Test bestanden wurde, darf ein Verein die Technik benutzen. Am Mittwoch solle es laut Garcia in Frankfurt soweit sein.

          Englische Technik in deutschen Stadien

          Die Technologie kommt vom gleichnamigen Unternehmen „Hawk-Eye“ aus dem Süden Englands. Sie basiert auf insgesamt 14 Kameras, die unter dem Stadiondach oder auf die Tribüne montiert werden. Zwölf davon zeichnen das Geschehen in TV-Geschwindigkeit, also mit etwa 30 Bildern pro Sekunde, auf, erklärt Garcia. Die Kameras sind rings um die Tore plaziert. Die beiden anderen, je eine pro Tor, sind direkt auf die Torlinien gerichtet und damit entscheidend bei der Frage, ob der Ball die Linie überquert hat oder nicht. Dabei handelt es sich um Hochgeschwindigkeitskameras, die statt der üblichen 30 Bilder pro Sekunde mehrere hundert aufzeichnen. Die Bewegung des Balles wird damit Schritt für Schritt erfasst. So wird sichtbar gemacht, ob der Ball vollständig hinter der Linie war oder nicht – nur dann reagiert die Technologie.

          Aus den Aufnahmen aller Kameras berechnet die Technik ein dreidimensionales Bild des Spielgeräts, was letztlich Aufschluss über die exakte Position des Balles bringt. Die Messgenauigkeit soll unter einem Zentimeter liegen. Weil mehrere Geräte im Einsatz sind, kann das Computerbild selbst dann berechnet werden, wenn der Ball für eine Kamera schwer zu erkennen ist. Diese benötigt nur ein kleines sichtbares Stück des Fußballs, die restlichen Informationen kommen von den anderen Geräten, die durch ihre Positionen um das Tor eine andere Perspektive haben. „Die Technik erkennt vollautomatisch, ob der Ball im Tor ist und leitet die Information dann an den Schiedsrichter weiter“, sagt Garcia. Dies geschieht über Funk. Der Unparteiische trägt eine spezielle Armbanduhr, die an eine „Smartwatch“ erinnert. In ihr verbaut sind ein Display und ein kleiner Vibrationsmotor, wie er auch in Mobiltelefonen verwendet wird. Überquert der Ball die Linie, vibriert die Uhr und zeigt auf ihrem Bildschirm das Wörtchen „Goal“ an: Tor!, das letztlich über Tor oder kein Tor, Sieg oder Niederlage entscheidet. Pfeifen muss der Schiedsrichter aber selbst.

          Wembleytor – das war einmal

          Fehlentscheidungen wie die des Schiedsrichters Felix Brych beim Phantomtor des Leverkuseners Stefan Kießling gegen Hoffenheim im Jahr 2013 – der Ball ging durch ein Loch im Außennetz ins Tor – soll es damit nicht mehr geben. „Die Informationen der Kameras laufen im sogenannten ‚TV-Compound‘ zusammen und werden von dort an die Fernsehsender weitergegeben“, sagt der Frankfurter Technikchef. Dieses TV-Compound ist das Herz der Technologie, da hier letztlich das 3D-Bild generiert wird, das über die Tore entscheidet und an die Fernsehzuschauer zuhause und den Fans im Stadion auf der Leinwand gezeigt wird. Ganz ohne menschliche Hilfe geht das dann aber doch nicht, denn das System, das in einem Übertragungswagen außerhalb des Stadions untergebracht ist, muss verwaltet werden. Damit kein Mitglied der Heimmannschaft in entscheidenden Momenten an den Knöpfen herumspielt, sitzt an jedem Spieltag ein Mitarbeiter von Hawk-Eye im Wagen, der diese Aufgabe übernimmt. Etwa 135.000 Euro kostet die Technik der Deutschen Fußball Liga (DFL) zufolge pro Verein und Saison, manche Klubs sprechen sogar von 150.000 Euro. „Die Geräte gehören der DFL, die sie dann den Vereinen zur Verfügung stellt“, erklärt Garcia. Diese „Mietkosten“ betragen etwa 8000 Euro pro Spiel.

          Insgesamt ist die Zustimmung für die Torlinientechnik groß in der Liga. Besonders eine Personengruppe freut sich über die Einführung: die Schiedsrichter. „Der Job ist schwer genug, den wir machen. Das ist wirklich ein großer Mehrwert für uns“, sagte Felix Brych. Ihm dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein.

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