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„Rollenverständnis fehlt“ : Hat Lahm recht mit seiner Kritik am FC Bayern?

Zu offensiv? Joshua Kimmich (r.) wurde von Philipp Lahm bei seiner Kritik explizit erwähnt. Bild: Imago

In der Länderspielpause kritisiert Philipp Lahm, dass die Rollen der Spieler beim FC Bayern nicht klar vergeben seien. Ein Blick auf die sieben deutschen Nationalspieler.

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          Es gibt mehrere frühere Fußballspieler des FC Bayern München, die man in Fachdebatten immer ignorieren kann, aber auch einen, den man nie ignorieren sollte: Philipp Lahm, den Champions-League-Sieger und Weltmeister, den modernen Kapitän. Sein Wirken war auch deshalb so wichtig, weil er sportliche Missstände in seinen Mannschaften angesprochen hat. Er sagte was, wenn er wirklich was zu sagen hatte. Und so sollten sie in München mindestens ins Grübeln kommen, warum Lahm gerade kritisch über die sportliche Situation seines ehemaligen Klubs gesprochen hat.

          Bundesliga
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          In der Länderspielpause sagte Lahm, 38 Jahre alt, in einem „Bild TV“-Interview, dass es für eine Fußballmannschaft „entscheidend ist, ist dass die Rollen klar vergeben sind“. In München, wo die Mannschaft des Trainers Julian Nagelsmann seit vier Bundesligaspielen sieglos ist, sehe er das momentan nicht. „Wenn ich mir die Spiele anschaue, fehlt mir ein bisschen das Rollenverständnis.“ Es sei nämlich nicht nur wichtig, dass man die eigene Rolle kenne, sondern auch die der anderen, sagte Lahm – und erwähnte dann einen Mann, den er in solchen Momenten meistens erwähnt: Pep Guardiola.

          Es ist kein Geheimnis, dass Lahm, der zwischen 2013 und 2016 unter dem Spanier spielte, Guardiola für einen großen Trainer hält. Ein Grund: Die Rollen, die Guardiola seinen Spielern gibt. In seiner „Zeit Online“-Kolumne drückte Lahm das so aus: „Er vermittelt jedem im Team die eigenen Stärken und Schwächen sowie die der anderen. Täglich feilt er an der Aufgabe jedes Einzelnen. Guardiola tut das mit einer Passion, die ich bei keinem anderen erlebt habe. Bis alle, auch die, die nicht zum Zuge kommen, wissen, dass der Trainer Recht hat. Das gibt ihm absolute Autorität.“

          Was ist mit Nagelsmanns Rolle?

          Und wenn man diese alten Beobachtungen mit seinen neuen Beobachtungen vergleicht, darf man schon vorsichtig fragen: Was ist denn mit den Rollen der Spieler des FC Bayern? Was ist mit der Rolle des Trainers Julian Nagelsmann?

          An diesem Freitag (20.30 Uhr, DAZN) spielt Nagelsmann mit seiner Mannschaft in der Bundesliga gegen Bayer Leverkusen. Es werden wichtige Wochen für den FC Bayern – und damit für den deutschen Fußball. Man kann nämlich kaum verneinen, dass das sportliche Schicksal der Bayern mit dem der Nationalmannschaft verbunden ist.

          Am Montag sagte Thomas Müller: „Das wäre schon von Vorteil, wenn man ein natürliches Selbstverständnis hat. Damit meine ich nicht das Grundvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sondern Kombinationssicherheit in den Abläufen, auf die man zurückgreifen kann. Es wäre schon cool, wenn wir uns das erarbeiten könnten.“

          Es ist auffällig, dass sich die kleinen Krisen, in denen die bayerische und die deutsche Mannschaft sieben Wochen vor dem WM-Start stecken, ähnlich sind. Was in den nächste Wochen wieder zu Julian Nagelsmann führt – und zur Frage: Welche Rollen haben seine sieben Nationalspieler? Und was sind womöglich die Folgen?

          Wer hat welche Rolle?

          Manuel Neuer: Der Torhüter hat seine Rolle als mitspielende Nummer eins einst erfunden, aber: Mit dem Fuß machte er in den ersten Saisonspielen mehr Fehler als früher. Ist dennoch nicht von der Rolle. Beim 0:1 in Augsburg stürmte er in der 90. Minute in den Strafraum und köpfelte fast das 1:1. Seine wohl wichtigste Rolle: Er ist der Kapitän.

          Joshua Kimmich: Der Mittelfeldspieler wurde in Lahms Kritik explizit erwähnt. Als sogenannter Sechser müsse er „einen Ticken defensiver denken“ und könne an seinem „Defensiv-Zweikampf arbeiten“. Seine Rolle wird aber nicht nur durch seine eigenen Entscheidungen (Drang nach vorne) definiert, sondern auch durch die Entscheidung seines Trainers, wen er neben ihn stellt?

          Leon Goretzka: Der Mittelfeldspieler wurde wieder an die Seite von Kimmich gestellt – und veränderte das Gleichgewicht, das davor zwischen Kimmich und Marcel Sabitzer geherrscht hatte. Er ist auch einer, der nach vorne drängt. Das Rollen-Problem mit der Kombination Kimmich/Goretzka: Im Spiel gegen den Ball ist das weder unter Nagelsmann noch unter Flick dauerhaft gut gegangen.

          Jamal Musiala: Der Mittelfeldspieler ist der, der in dieser Saison mit seinen Dribblings den Unterschied macht. Das sind aber mehr Einzel- als Mannschaftsaktionen. In der Rolle spielt er spektakulär – und kann sich doch nicht ganz sicher sein: Wie viel spielt er? Und auf welcher Position?

          Thomas Müller: Der Offensivspieler ist für seine Trainer so wertvoll, weil er die Jagd gegen den Ball anführt und ordnet (und in der Kabine viel zu sagen hat). Mit dem Ball scheint er seine Rolle im neuen System (wie viele andere auch) noch nicht gefunden zu haben.

          Leroy Sané: Der Stürmer ist in einer Spezialrollolle in die Weltklasse aufgestiegen: Mit Sprints in den Raum hinter die Abwehr. „Er ist der beste Spieler der Welt, wenn es um Läufe in die Tiefe geht“, sagte Pep Guardiola, der in Manchester sein Trainer war. Das Problem: Es gibt in München nicht immer Raum, in den er sprinten kann.

          Serge Gnabry: Der Stürmer schießt so fest und gut wie kaum einer im Weltfußball. Nur kommt er momentan nicht in Situationen, in denen er schießen kann. An seiner Formkrise kann man sehen, welche Folgen es haben kann, wenn die Rolle fehlt.

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